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StartseiteKultur heuteAuf Film und Speicherkarte12.11.2006

Auf Film und Speicherkarte

Junge deutsche Fotografie in Köln zu sehen

Wie ist es um den fotografischen Nachwuchs in Deutschland bestellt? Um das herauszufinden, hat die Kuratorin Josefine Raab vor zwei Jahren den bundesweiten Wettbewerb "Gute Aussichten" ins Leben gerufen. Bewerben können sich alle Absolventen des Studiengangs Fotografie der deutschen Hochschulen mit ihren Abschlussarbeiten. Die in diesem Jahr ausgezeichneten Werke sind im Kölner Zentrum für Fotografie zu sehen.

Von Katja Lückert

Ein besonderes Urlaubsfoto: Fuß an einem Strand. (dradio.de/Andreas Lemke)
Ein besonderes Urlaubsfoto: Fuß an einem Strand. (dradio.de/Andreas Lemke)
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Externe Links:

"gute aussichten - junge deutsche fotografie" - Website

In fast jedem Haushalt lagern Unmengen von mehr oder weniger gelungenen Fotos von Urlauben, Familienfeiern, von Kindern und Hunden in drolliger Pose. Vielleicht sorgt die digitale Fotografie inzwischen dafür, dass es nicht stetig mehr werden. Die meisten Familienfotos kann man sich heute auf dem Bildschirm anschauen. Und der unansehnliche Rest wird meist sofort gelöscht. Doch was passiert mit den vorhandenen Bildern? Wer sieht sich all diese Schnappschüsse, die eigentlich nur für einen sehr kleinen Personenkreis Erinnerungswert hatten, Jahrzehnte später noch an?

Sonja Irouschek, Absolventin der Fachhochschule Dortmund und Gute-Aussichten-Gewinnerin kauft solche privaten Fotonachlässe, um mit ihnen eine ganz besondere Art der Montage zu betreiben. "Vor meiner Zeit" hat sie ihre Sammlung aus fremden Familienfotos genannt, in die sie ihr eigenes Gesicht hineinmontiert hat. Gleich einem menschlichen Chamäleon, das an Woody Allens Filmfigur Zelig erinnert, ist sie auf einem Bild, das vermutlich noch aus den Frühzeiten der Amateurfotografie stammt, im langen weißen Kleid mit einem Neugeborenen zu sehen, oder sie posiert in den 50er Jahren auf einer Kühlerhaube – ein mißratener Schnappschuss, denn ein Kind am Bildrand wurde zur Hälfte abgeschnitten. Sie spielt die Braut auf einem Hochzeitsfoto und auch die leicht melancholisch wirkende Ehefrau aus den 30er Jahren, die zusammen mit ihrem Gatten auf dem Balkon Kaffee trinkt, aus Tassen mit Blümchenmuster.

"Ich benutze diese alten Amateuraufnahmen als Projektionsbühne für diese Arbeit, also ich versetze mich nicht nur mental, sondern auch real in diese Frauen, in diese Rollen, also etwa in eine ganz traurige, oder so eine ganz burschikose. Und die Originale scanne ich, die Negative, dann gibt es ein neues Photo, das also genau die Lichtverhältnisse, die Perspektive vom Gesicht und all das nachstellt, und dann montiere ich mich in diese Bilder rein. Es bin immer ich."

Zugleich spiegelt die Arbeit auch die die Geschichte der Amateurfotografie wieder: vom Einzug der Trockenplattenkamera in wenige private Haushalte bis zum Massenphänomen der Kleinbildkamera. In diesem Wettbewerbsjahrgang habe sich die digitale Bildbearbeitung am Computer durchgesetzt. Die digitale Fotografie sei längst aus der Experimentierphase herausgewachsen, meint die Initiatorin von "Gute Aussichten" Josephine Raab.

"Jetzt spürt man schon, dass sich diese Mittel einfach verfeinern, dass das immer mehr in den Alltag übergeht, dass das ganz selbstverständlich eingesetzt wird von den Fotografen und dass es eben sehr häufig kaum noch zu unterscheiden ist, ob es ein digital bearbeitetes Foto ist, oder ob es in der Realität nicht auch so sein könnte."

Dies trifft sicherlich auch auf die recht erstaunliche Arbeit von Marc Baruth zu, dessen Bilder einem zumindest aus der Ferne und auf den ersten Blick sehr bekannt vorkommen. Fast so, als hätte da jemand die alten Meister kopiert und dabei nur die falsche Farbpalette erwischt. Und tatsächlich hat der aus Siegen stammende Fotograf Landschaftsarrangements des Malers Peter Paul Rubens, übrigens ebenfalls in Siegen gebürtig, in seine Bilder übertragen.

"Bei Rubens ist es bei dem Bild eine Viehtränke, so heißt das Bild auch. Und es sind Bauern, die ihr Vieh an diesem See zur Tränke führen, und hier ist es ein völlig entleertes Freizeitverhalten, also man entspannt sich, man trinkt ein Bier, man spielt Karten, man geht spazieren, aber es passt nicht, es findet keine Interaktion statt, es ist nur noch Kulisse, es ist reduziert. Ich habe Spaß, schon Spaß daran zu sagen, kommt mal erst her, guckt Euch das mal an. Ihr findet das ja schön, und wenn ihr dann näher dran seid, dann entdeckt man auch Unheimlichkeiten , man entdeckt Dinge, die man nicht einordnen kann, man versteht Dinge auch nicht. Und dann fängt es an interessant zu werde, weil: dann hat man so einen Griff an dem Betrachter."

Für die Neuseeländerin Vanessa Jack ist diese Mimikri offenbar nicht sehr wichtig. Sie benutzt zwar die Methoden der digitalen Bildbearbeitung, verändert aber die Form des Papierbilds selbst, zerschneidet es, ordnet seine Einzelteile neu. So zum Beispiel ein Foto des Hauses ihrer Schwägerin, das sich wie in einem Kaleidoskop auffächert: Man sieht das Haus von allen Seiten zugleich, blickt aber auch in den Garten, in dem dasselbe Kind scheinbar zugleich mit einem Roller fährt und auf einem Trampolin springt. Trotz der Multidimensionalität, die so eine Simultanität des Blicks gestattet, kann man die tatsächliche Gestalt des Hauses nur ahnen. Und wie immer kommt es auch bei dieser Arbeit, fast ebenso sehr auf das an, was man sieht, wie auf das, was man eben nicht sieht.

Service: Die Ausstellung ist bis zum 14. Januar 2007 in Köln zu sehen. Weitere Stationen sind Hamburg, Stuttgart und Berlin. Nähere Informationen: www.guteaussichten.org.

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