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StartseiteHintergrundWarum immer mehr Menschen wohnungslos sind02.04.2017

Auf PlatteWarum immer mehr Menschen wohnungslos sind

Wohnungslose in Deutschland werden nicht gezählt - eine offizielle Statistik existiert nicht. In 2014 hatten geschätzt 335.000 Menschen keine Wohnung. Sie übernachten in Notunterkünften, Bauwagen oder bei Bekannten, 40.000 schlafen unter Brücken. Bis 2018 könnte ihre Zahl auf über eine halbe Million steigen.

Von Claudia Heissenberg

Die Zahl der Wohnungslosen steigt in Deutschland an, genaue Zahlen liegen nicht vor, nur Schätzungen. Obdachlose am S-Bahnhof Tempelhofer Damm. (imago/Steinach)
Die Zahl der Wohnungslosen steigt in Deutschland an, genaue Zahlen liegen nicht vor, nur Schätzungen. Obdachlose am S-Bahnhof Tempelhofer Damm. (imago/Steinach)
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"Ja, wir sind hier im Gulliver, das ist eine Überlebensstation für Obdachlose hier in Köln, Leute können hierher kommen, frühstücken, Mittagessen, duschen, können ihre Klamotten waschen, wir haben ne Kleiderkammer, also es wird für sie gesorgt. Ich bin hier Vorarbeiter seit einem Jahr, habe halt die Chance gekriegt, wieder ins Leben zurückzukommen durch Arbeit, und das funktioniert."

Jürgen ist 51 Jahre alt, ein stattlicher Kerl in Jeans, rotem Sweatshirt und einer hochgeschobenen Lesebrille im Haar. Dass er seit fast vier Jahren auf der Straße lebt, ist ihm nicht anzusehen, und er selbst hätte auch nie gedacht, dass er eines Tages dort landen würde. Seit dem Realschulabschluss hat der gelernte Bäcker und Konditor immer gearbeitet - als Lagerist, auf dem Bau oder bei Zeitarbeitsfirmen. Staatliche Unterstützung hat er noch nie in Anspruch genommen, von Alkohol und Drogen hielt er sich immer fern.

"Ich bin halt durch einen Todesfall in der Familie abgerutscht, das Leben war erst mal für mich vorbei. Da war einfach nichts mehr drin, ich war leer, ich hab das erst mal nicht verkraftet und auch nicht verkraften wollen. Ich bereue es zwar manchmal, dass ich es gemacht habe, aber nach hinten gucken lohnt sich nicht. Immer nach vorne, sonst überleben Sie auf der Straße nicht."

Ein Schicksalsschlag, ein Suizidversuch, Ohnmacht, Platte

Jürgens Leben gerät aus den Fugen, als seine Tochter mit 22 Jahren an Bauchspeicheldrüsenkrebs stirbt. Er geht zwar weiter zur Arbeit, aber die vielen traurigen Erinnerungen machen ihm zu schaffen. Nach einem gescheiterten Suizidversuch hält er es in seiner Wohnung nicht mehr aus.

"Ich hab dann meine Miete nicht mehr bezahlt. Ich habe zwar nach der Räumungsklage dem Vermieter das ganze Geld auf den Tisch gelegt und der konnte das gar nicht verstehen, warum ich das nicht direkt gezahlt habe. Ich habe ihm das erklärt, er hat mich zwar als bekloppt erklärt. Aber es war meine Entscheidung."

Was es bedeutet, die Wohnung aufzugeben und alle Brücken hinter sich abzubrechen – darüber macht sich Jürgen damals keine Gedanken. Heute weiß er, dass ein Leben unter freiem Himmel, ohne Toilette und ohne Waschgelegenheit, ohne Privatsphäre und Rückzugsmöglichkeit alles andere als romantisch ist.

"Dieses Regelmäßige, Sie können einfach nach Hause, Tür hinter sich zu machen, sind in Sicherheit, auf der Straße sind Sie nie in Sicherheit. Wir sind halt mit mehreren Mann zusammen auf der Platte, da passt jeder auf den anderen auf. Ich war das erste Jahr ganz alleine, das war schon ein Auge wach, ein Auge schläft. Das ist schon ein Einschnitt im Leben. War doch schon ungewohnt mit Rucksack durch die Stadt zu laufen. Viele Leute haben dich erkannt, und dann hat man schon mal weggeguckt, aber irgendwann war die Scham auch weg. Dann habe ich gedacht, wenn ihr mich nicht grüßen wollt, dann grüße ich Euch auch nicht, gut ist."

"Obachlosigkeit ziemlich weit unten auf der Agenda der Politik"

Jürgen ist einer von rund 335.000 Menschen in Deutschland, die keine Wohnung haben. Die in kommunalen Notunterkünften und Billigpensionen übernachten, in Bauwagensiedlungen und Abrisshäusern leben oder bei Verwandten und Bekannten unterkommen. Fast 40.000 haben gar kein Dach über dem Kopf und schlafen unter Brücken, in Unterführungen oder den Eingängen von Bankfilialen und Geschäften. 72 Prozent davon sind Männer. Die Zahlen beruhen auf einer Schätzung für das Jahr 2014 der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe, kurz BAGW. Eine offizielle Statistik zur Wohnungslosigkeit existiert in Deutschland nicht.

"In Deutschland wird ja nahezu alles gezählt, nur wohnungslose Menschen werden nicht gezählt. Also wir versuchen seit Jahren die Bundespolitik davon zu überzeugen, dass wir eine solche Statistik brauchen, damit man überhaupt weiß, wie viele Menschen betroffen sind. Und um entsprechende Gegenmaßnahmen ergreifen zu können, halten wir das für notwendig."

Sagt Werena Rosenke, Pressesprecherin und stellvertretende Geschäftsführerin der BAGW.

"Da gibt es nicht sehr viel Neigung, sonst würden wir nicht schon 20 Jahre lang diese Forderung erheben, also kann man sagen, Obdachlosigkeit, Wohnungslosigkeit ist mit Sicherheit ziemlich weit unten auf der Agenda der Politik."

Eine halbe Million Wohnungslose bis 2018

Laut BAGW ist die Zahl der Wohnungslosen seit 2008 um fast 50 Prozent gestiegen. Bis 2018 prognostiziert der Dachverband einen Zuwachs auf über eine halbe Million Menschen ohne feste Bleibe. Norbert Krütt-Hüning, Koordinator der Wohnungslosenhilfe der Stadt Köln, kann diese Tendenz bestätigen.

"Wir haben in Köln natürlich auch - wie in allen anderen Kommunen in Deutschland - auch Anstiege, ohne Frage. Worauf es letztendlich zurückzuführen ist, ist immer so schwierig, es wird ja vom Wohnungsmarkt gesprochen, es wird von Einkommensverhältnissen gesprochen, vom abgehängt sein in der Gesellschaft, aber eine Zunahme ist auf jeden Fall da."

Die Szene hat sich verändert in den letzten Jahren. Der klassische Berber, der als Landstreicher von Ort zu Ort zog und sich mit Gelegenheitsarbeiten über Wasser hielt, ist so gut wie verschwunden. In der Auffangstation Gulliver am Kölner Hauptbahnhof ist ein Großteil der Besucher psychisch krank, alkohol- oder drogenabhängig, fast die Hälfte von ihnen stammt aus dem Ausland.

"Seit 2007 ungefähr sind unheimlich viele Bulgaren und Rumänen hier ins Gulliver gekommen. Mit einer ganz anderen Form der Not, wie wir das von unseren heimischen Wohnungslosen nicht kannten. Also die wirklich nichts hatten, die natürlich nicht im Arbeitslosengeld II-Bezug waren, die keinen Wohnraum hatten und überhaupt kein Geld, das war auch noch mal eine ganz andere Form des Elends. Und man merkt auch einen großen Konkurrenzdruck, die Angebote in Köln sind nicht größer geworden, aber die Anzahl der wohnungslosen Menschen, die das nutzen, egal welcher Herkunft, ist größer; das macht schon Druck untereinander."

Ein Angebot zum Überleben

Wie sich dieser Druck in Beschimpfungen und Beleidigungen, mitunter auch tätlichen Angriffen entlädt, kann Sozialarbeiterin Stella Brückner regelmäßig beobachten. Zwischen 150 und 200 Menschen kommen täglich in die Überlebensstation für Obdachlose im Bahnbogen der Hohenzollernbrücke, um sich aufzuwärmen, ihre Post abzuholen oder ihre Kleidung zu waschen. Es gibt Gepäckschließfächer, eine Ladestation für Mobiltelefone und zwei Computer, die jeder Besucher eine halbe Stunde nutzen darf. Ein kleines Frühstück kostet 1 Euro 50, das warme Mittagessen 2 Euro, Kaffee und andere Getränke 30 Cent.

"Hier unten haben wir halt Damenduschen, Herrenduschen, Toiletten. Zurzeit ist Kleiderkammer, die einmal in der Woche stattfindet bei uns, wo die Leute von der Straße sich halt Schlafsäcke, Isomatten, Unterwäsche, Schuhe und alles, was sie benötigen, holen können. Sie können hier duschen, wie gesagt, Zahnbürste, Zahnpasta ist alles vorhanden, Shampoo, Handtücher werden gestellt für einen kleinen Obolus von 50 Cent. Und das wird sehr viel in Anspruch genommen."

Frühstück, medizinische Dienste, Suppenküche

Abgesehen vom Gulliver existieren in Köln weitere Kontakt- und Beratungsstellen für Menschen, die auf der Straße leben. Das Angebot reicht vom Obdachlosenfrühstück mit Musik am Sonntag, über mobile medizinische Dienste und Suppenküchen bis hin zu 1,30 Euro Jobs in verschiedenen Beschäftigungsprojekten.

"Ich bin schon davon überzeugt, dass in der Stadt Köln für Wohnungslose sehr viel getan wird. Es gibt hier, ich glaube, mit Abstand die meisten Angebote, die findet man nur in sehr wenigen anderen Städten in der Vielfalt. Und trotzdem reicht es nicht, zumindest nicht, was den Wohnraum betrifft."

"Wenn Sie obdachlos sind oder Ihnen dies droht, dann stellen wir Ihnen sofort eine Unterkunft zur Verfügung. Sie können dieses Angebot nutzen, wenn Sie keine Wohnung haben und es Ihnen aus eigener Kraft nicht gelingt, für sich eine Unterkunft zu beschaffen."

Heißt es auf dem Internetportal für Wohnungslose der Stadt Köln. Dazu Dirk Schumacher, Leiter der Abteilung "Wirtschaftliche Hilfen, Fachstelle Wohnen, Resozialisierungsdienste" im Amt für Soziales und Senioren:

"Also die Fachstelle Wohnen schafft es zurzeit immer noch, jedem Menschen, der einen Wohnungsnotfall hat, eine Unterkunft, also ein Dach über dem Kopf, ein Obdach anzubieten. Das Problem ist nur, dass wir nicht in jedem Fall eine Wohnung anbieten können, sondern das sind dann teilweise Einfachpensionen, wo man dann damit rechnen muss, dass man zu viert auf einem Zimmer lebt."

Notunterkünfte in Ballungsräumen sind überfüllt

"Das mag in Köln so sein, dass es für jeden eine Notschlafstelle gibt. Aber insgesamt wissen wir, dass die Notunterkünfte in vielen Städten, insbesondere in Ballungsgebieten eben auch überfüllt sind, sodass da auch Menschen nicht mehr reinpassen und dann möglicherweise in irgendwelchen Provisorien, Nachtcafés auf dem Stuhl sitzend, versuchen zu schlafen."

In Berlin zum Beispiel stehen für rund 3000 Obdachlose nur knapp 800 Schlafplätze in Notunterkünften zur Verfügung. Hunde dürfen in die meisten Einrichtungen nicht hinein, dazu herrscht striktes Alkoholverbot.

"Ich hätte von der Stadt ein Zimmer haben können, aber das war mit acht Mann, und da ich drei Schichten gemacht habe zu dem Zeitpunkt, war einfach kein Schlafen. Da war immer Party, die haben die Bude abgerissen, auf ihre Klamotten mussten Sie aufpassen, und dann habe ich mich halt für die Straße entschieden mit Isomatte und Schlafsack. Wie so viele in Köln."

"Wenn die Asylanten Rechte haben, dann haben wir das auch"

Trotz seiner misslichen Lage wirkt Jürgen weder verbittert noch deprimiert. Er ist jemand, bei dem das Glas immer halb voll statt halb leer ist und der sich schnell mit Gegebenheiten, die er nicht ändern kann, abfindet. Allerdings hat auch er den Eindruck, dass sich die Stimmung auf der Platte langsam verändert:

"Ist rauer geworden, härter, durch Asylanten… Da kommt der Hass hoch, weil die kriegen, das sind auch Menschen, kriegen aber Zucker in den Arsch geblasen. Für die werden Sporthallen freigemacht, es werden Containerwohnungen aufgestellt, warum für uns Wohnungslose nicht? Warum wird für uns nicht mal ein Containerdorf aufgestellt, wo wir wohnen können? Wir sind doch keine zweitrangigen Leute, aber so sieht es halt aus für Vater Staat. Wenn die Asylanten halt Rechte haben, dann haben wir das auch, wir haben jahrelang Steuern bezahlt. Dann können sie doch auch für uns mal was tun."

"Chronifizierte" Wohnungslosigkeit

Werena Rosenke von der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe hält Containerdörfer allerdings für keine gute Lösung.

"Wir fordern, dass Menschen eine Wohnung bekommen sollen, deswegen fordern wir, dass es bezahlbaren Wohnraum geben muss, also kein Provisorium. Wir wissen aus den wenigen Untersuchungen, die es dazu gibt, dass dann sich Wohnungslosigkeit eben auch chronifiziert. Dass es für die Leute, wenn sie erst mal über längere Zeit in solchen provisorischen Unterkünften sind, immer schwieriger wird, da herauszukommen."

Doch gerade in den Ballungsgebieten ist bezahlbarer Wohnraum Mangelware. Die Mieten steigen seit Jahren, die Wartelisten in den Wohnungsämtern sind lang. Eine der Hauptursachen dafür ist, dass der Bestand an Sozialwohnungen kontinuierlich sinkt. Ganze Siedlungen, die früher den Städten und Gemeinden gehörten, wurden um die Jahrtausendwende an Privatinvestoren verkauft, neue Sozialwohnungen nicht gebaut.

"Das ist ja bekannt, dass wir in den letzten Jahren, Jahrzehnten ungeheure Mengen verloren haben im öffentlich geförderten Wohnungsbaubereich und erst wieder anfangen müssen, Wohnungen zu bekommen, über die die Kommune Verfügbarkeit hat. Auf dem freien Wohnungsmarkt ist der Druck so groß, dass sowohl der Preis als auch die Konkurrenz untereinander enorm ist. Ein Wohnungseigentümer, wenn der weiß, er kriegt einen Studenten mit Bürgschaft der Eltern oder jemanden, der aus der Platte kommt, wofür würde sich der entscheiden? Und das ist einfach ein Problem für diese Menschen."

Wenig Chancen auf dem Wohnungsmarkt

"Was ich vielleicht noch ergänzen kann, also im Bereich der Fachstelle Wohnen schaffen wir auch Anreize für Vermieter, an Menschen zu vermieten, die sonst auf dem Wohnungsmarkt Nachteile haben, indem wir eine sogenannte Individualgewährleistung abgeben. Das ist dann über einen befristeten Zeitraum das Einstehen der Stadt für ein halbes Jahr, wenn es denn Zahlungsschwierigkeiten gibt, dass wir dann die Mietrückstände entsprechend übernehmen oder auch für Schäden, die in der Wohnung entstehen. Das mag den einen oder anderen Vermieter bewegen, dass er dann doch vermietet, aber das ist leider kein Flächenphänomen."

Auch Jürgen sucht schon seit geraumer Zeit eine Zwei-Zimmer-Wohnung für sich und seine Lebensgefährtin, die ebenfalls auf der Straße lebt. 20 Besichtigungen haben die beiden schon hinter sich und jedes Mal eine Absage kassiert.

"Ja, dann fragen die neuen Vermieter, was machen Sie, wo kommen Sie her, warum, weshalb, wieso… Und wenn Sie dann sagen, ich lebe auf der Straße, haben Sie kaum eine Chance, eine Wohnung zu kriegen. Wenn Sie einmal auf der Straße, ist man ein gebrandmarktes Kind, alle. Manche haben vielleicht mal Glück, aber im Großen und Ganzen, wenn Sie von der Straße kommen, haben Sie auf dem Wohnungsmarkt keine Chance."

Nach Hartz IV schlechtere Chancen zum Arbeitseinstieg

"Also Wohnungsbau ist das eine zentrale Thema, das andere zentrale Thema ist Beschäftigung", sagt Bernd Mombauer, Geschäftsführer im Gulliver und Kölner Arbeitslosenzentrum KALZ:

"Wir sind ja als Beschäftigungsprojekt gestartet modellhaft und hatten vor Einführung Hartz IV ein Modell des sogenannten Tagelöhners, dann waren das die Arbeitsgelegenheiten, also für 1,30 Euro, die 1-Euro-Jobs, Tagelöhner hieß: Ein Einstieg ohne Vertrag, mal stundenweise mitarbeiten. Dann konnten wir anbieten: Entgeltvarianten im zweiten Arbeitsmarkt, das waren befristete Arbeitsverhältnisse, die nach Tarif entlohnt wurden, die es ermöglicht haben, Schulden zu regulieren, eine Wohnung zu finden in der Zeit. Und wir hatten als vierte Stufe die Vorarbeiter. So nach dem Motto, dass jeder, der als Tagelöhner anfängt, auch weiß, ich kann mal Vorarbeiter werden, das haben auch andere geschafft."

Mittlerweile sind von dem sogenannten Vier-Stufen-Modell, das Obdachlose schrittweise an eine geregelte Arbeit heranführen sollte, nur noch die 1,30 Euro-Jobs übrig geblieben und zwei befristete Arbeitsverträge für die Vorarbeiter, die nach 24 Monaten enden.

"Also das hängt mit der Arbeitsmarktreform im Jobcenter zusammen, dass bestimmte Instrumente, so nennen die das, oder Maßnahmen einfach nicht mehr angeboten werden, weil dort die Einschätzung ist, die haben halt nicht in die Integration auf den ersten Arbeitsmarkt geführt", erklärt Dirk Schumacher von der Stadt Köln:

"Was wir uns anschauen müssen, ist, ob nicht so eine Beschäftigungsförderung auch anders finanziert für die Menschen auch ein weitere Schritt in die richtige Richtung sein kann."

Täglicher Umgang mit Verdrängung

"Hinzu kommt, das ist aber auch nichts Neues, sondern eigentlich auch Alltag wohnungsloser Menschen, die ja darauf angewiesen sind, im öffentlichen Raum sich aufzuhalten, dass es immer wieder Anstrengungen gibt oder Bemühungen gibt, diese Menschen aus dem öffentlichen Raum zu vertreiben. Sei es aus Fußgängerzonen oder Einkaufszentren etc. Das sind alles keine neuen Phänomene muss man leider sagen, das bleibt auf ständig hohem Niveau."

Polizeieinsätze, Platzverweise und Aufenthaltsverbote, Absperrungen unter Brücken, Metallzäune vor Hauseingängen und Sitzbänke, die so konstruiert sind, dass man sich nicht hinlegen kann – Werena Rosenke kennt viele Schikanen, die Obdachlosen das Leben schwer machen.

"Das bekommen Sie vielleicht als Mensch, der nicht wohnungslos ist, der eben nicht auf den öffentlichen Raum angewiesen ist, gar nicht so mit, dass immer mehr Shoppingmalls entstehen, die dann mindestens halbprivat sind, dass es da private Sicherheitsdienste gibt, die oftmals ohne großen Umstand die Leute an die Luft setzen. Das sind so Widrigkeiten, mit denen wohnungslose Menschen tagtäglich umgehen müssen."

Gewalt gegen Obdachlose nimmt zu

Immer wieder sorgen auch gewalttätige Übergriffe auf Obdachlose für Schlagzeilen. Erst im Dezember letzten Jahres zündeten sieben junge Flüchtlinge in Berlin einen schlafenden Mann im U-Bahnhof Schönleinstraße an. Herbeieilende Passanten und ein U-Bahnfahrer konnten die Flammen rechtzeitig löschen und damit Schlimmeres verhindern.

"Die Aggressionen, die Gewalt gegen Wohnungslose, die gibt es schon immer, das ist das Problem. Also wir als BAGW beobachten die Presseberichterstattung über Gewalttaten gegen wohnungslose Menschen kontinuierlich seit Anfang der 90er Jahre, und da stellen wir fest, dass mit leichten Dellen, also leichtem Auf und Ab, es immer oftmals äußerst brutale Überfälle auf wohnungslose Menschen gegeben hat in der Vergangenheit und nach wie vor gibt. Ein Gutteil dieser Überfälle auf wohnungslose Menschen ist unserer Einschätzung nach auch rechtsextremistisch motiviert, von daher ist das Thema Gewalt im öffentlichen Raum, Aggressionen gegen Wohnungslose eigentlich ein Dauerbrenner."

"Wenn der mich fragen würde, warum..."

Sozialarbeiterin Stella Brückner kann das bestätigen:

"Die vielen kleinen Respektlosigkeiten, mit denen Wohnungslose jeden Tag behandelt werden, ist für mich auch schon eine Form von Gewalt, also nachts im Schlafsack zu liegen und einen Tritt abzukriegen oder angepinkelt zu werden, ist so eine entwürdigende Situation, und das kommt, glaube ich, relativ häufig vor."

"Ängste hat man immer, aber man denkt einfach nicht drüber nach. Uns ist zwar mal auf der Platte schon ein Rucksack geklaut worden oder auch mal Schuhe, das passiert. Aber vielleicht ist es gut, dass wir halt mit sechs, sieben Mann immer sind. Also bis jetzt - toi toi toi - haben wir Glück gehabt."

Aber auch wenn Jürgen bislang noch nichts Schlimmes widerfahren ist, würde er sich von seinen Mitmenschen mehr Respekt und Empathie wünschen.

"Wenn irgendeiner kommt und sagt, Du bist ein Penner, dann gehe ich einfach weiter und sage, Du kannst mich mal. Weil der weiß nichts von uns oder von mir. Wenn der mich fragen würde, warum, weshalb, wieso und ich würde ihm dann antworten und er würde immer noch sagen, Du bist ein Penner, dann würde ich sagen, okay, ist Deine Meinung. Aber einfach uns verurteilen, ohne zu wissen, warum, ist schon ein bisschen schade."

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