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Auf Wanderschaft im Nahostkonflikt

Martin Schäuble: "Zwischen den Grenzen. Zu Fuß durch Israel und Palästina", Hanser Verlag

Von Gemma Pörzgen

Ausgetrockneter Bewässerungskanal im palästinensischen Auja
Ausgetrockneter Bewässerungskanal im palästinensischen Auja (Klaus Betz)

Der Berliner Autor und Sozialforscher Martin Schäuble durchquerte vier Wochen zu Fuß oder per Anhalter Israel und Palästina. Herausgekommen ist dabei ein lesenswerter Reportageband.

Seit seinem ersten Besuch in Israel während des Studiums lässt den Politologen Martin Schäuble das Interesse an der Region nicht mehr los. Der Berliner reiste in den letzten sieben Jahren mehrfach nach Israel und in die Palästinensergebiete, recherchierte vor Ort und lebte auch eine Zeit lang im Land. Die Erkenntnisse des 1978 geborenen Journalisten flossen bisher in zwei Sachbücher ein. Für das dritte Buch hatte er eine ganz neue Idee:

"Ich wollte einfach den Nahostkonflikt selbst noch mal ganz anders spüren und wahrnehmen. Und habe mich dann auf diese Reise begeben, bei der eben nichts geplant war. Und das war für mich auch unheimlich befreiend, wenn man einmal loswandert im wahrsten Sinne des Wortes oder per Anhalter, das hatte ich ja auch häufig gemacht, sich einfach treiben lasse. Und schaut, wo bringt das einen hin, und wen lernt man da kennen, wenn man dem Zufall mal das Ganze überlässt. Das war wirklich für mich ein wunderschönes Erlebnis, auch kräftezehrend natürlich, aber zu sehen, was passiert denn überhaupt, wenn man nicht so geplant und organisiert drangeht, um wieder die Welt zu erklären, sondern einfach mal auch menschlicher da eintaucht."

Die Route wählte Schäuble ganz zufällig. Er brach in Tel Aviv mit kleinem Gepäck auf und wanderte im Zickzackkurs durch Israel und die Palästinensergebiete. Überall machte er interessante Zufallsbekanntschaften. Denn als Wanderer kam Schäuble immer wieder leicht ins Gespräch, sodass sich vor den Augen des Lesers das faszinierende Kaleidoskop unterschiedlicher Persönlichkeiten und deren Erzählungen von ihrem Alltag entfaltet. Etwa im Jerusalemer Stadtteil Mea Scharim, wo der Journalist auf gottesfürchtige Ultraorthdoxe mit schwarzen Schläfenlocken traf. In Beer Scheva im Süden begegnete er einer ukrainischen Einwanderin, die in der Wüste nur schwer heimisch wurde. In Bethlehem grillte Schäuble mit palästinensischen Bauarbeitern und trampte dann mit israelischen Siedlern weiter durchs Westjordanland.

Ein Siedlerpaar aus Kalya nahm mich ein paar Kilometer mit. Sie bogen in ihre Siedlung von der Hauptstraße ab, und ich setzte mich in den Schatten einer ausgedienten Bushaltestelle ohne Fahrpläne und Hinweistafeln. Es war einer der Orte, die ich auf dieser Reise zu hassen gelernt hatte. An ihnen war ich ein Wanderer zwischen den Welten, der Siedlerwelt und der Palästinenserwelt. Die Bewohner der Siedlerwelt hielten mich für einen Verrückten, der alleine auf dieser Straße mit dem Rucksack unterwegs war. Die Bewohner der Palästinenserwelt für einen israelischen Siedler und somit für einen ihrer ärgsten Feinde.

Alle Protagonisten verbindet, dass sie sich über diesen Deutschen wundern, wie er ganz alleine nicht nur durch Israel, sondern auch durch das besetzte Westjordanland und dessen Checkpoints läuft. Sich vorstellen, auf Leute zugehen, Vertrauen gewinnen - das ist Schäubles Strategie auf dieser Reise zwischen den so unterschiedlichen Welten.

Zu Fuß aus Hebron war ein Albtraum. Ich fragte Palästinenser nach einem Weg in den Süden, nannte Städte, zeigte auf meiner Landkarte die auf dem Weg liegenden Orte Kharasa, Dahariya und Yatta. Immer bekam ich zur Antwort, wo die Sammelbusse in diese Richtung abfuhren. 'Kein Bus. Ich will laufen.' 'Kostet nicht viel.' 'Aber ich will gehen.' 'Vielleicht nur 15 oder 20 Schekel.' 'Zu Fuß!' 'Ich zeigte dabei auf meine Schuhe. Die Antworten waren vernichtend.' 'Das ist nicht möglich!' 'Zu weit weg!' 'Zu gefährlich!

Es ist das Privileg des deutschen Wanderers zwischen Israel und den Palästinensergebieten hin- und herpendeln zu können. Dass die Einheimischen das nicht könnten, macht der Autor nicht ausreichend klar. Da es Schäuble vor allem um die menschliche Seite des Konfliktes geht, versucht er eine allzu starke Politisierung in seinem Buch zu vermeiden und er unterlässt es, Partei zu ergreifen für die eine oder andere Seite. Seine eigenen Erlebnisse stehen im Vordergrund:

"Ich lade den Leser, die Leserin ein, mitzukommen, den Nahostkonflikt einfach mal aus einer anderen Perspektive kennenzulernen. Ich erkläre in dem Buch ja keine Wörter oder auch keine Konfliktzusammenhänge, nenne keine großen Daten, nur am Rande mal kurz. Das heißt, es ist eher eine Einladung, sich vielleicht wieder dem Nahostkonflikt auch noch mal auf andere Art und Weise zu nähern. Es ist sicherlich auch ein kleines Abenteuer, sich darauf einzulassen und mich dabei zu begleiten. Aber es ist nicht das Buch, das dem Leser den Nahostkonflikt stichwortartig näher bringt und erklärt. Da gibt es auch wirklich schon genug Bücher, die das hervorragend machen."

Doch Martin Schäuble war nicht nur zu Fuß unterwegs. Einige Strecken legte er lieber per Anhalter mit dem Auto zurück. Da es ihm vor allem darum ging, möglichst viel mit Menschen über ihren Alltag und nicht über Politik zu sprechen, ergab sich das manchmal leichter auf einer Autofahrt. Trotz des Charmes immer neuer Begegnungen bleiben die meisten sehr flüchtig. Bei der Lektüre des Buches wünscht man sich häufig, der Wanderer möge etwas länger verweilen, tiefer eintauchen in die fremde Welt, die er beschreibt, und nicht so schnell weiterziehen. Leider ist diese Eile an vielen Stellen der Lektüre zu spüren. Besonders deutlich wird das im letzten Kapitel über Gaza, das lange wie das eigentliche Ziel der Reise scheint. Leider gelingt es Schäuble nicht– trotz seiner Begegnung mit dem bekanntesten Psychologen Palästinas, Eyad el Sarraj, und anderen Palästinensern erfahrbar zu machen, wie der Alltag der 1,7 Millionen Palästinenser im Gazastreifen eigentlich ausschaut. Trotz solcher Schwächen ist dem Autor ein mit leichter Hand geschriebenes Buch gelungen, das dem komplizierten Nahostkonflikt ein menschliches Gesicht verleiht und dem Leser den Eindruck vermittelt, dass die Leute auf beiden Seiten der Front sich eigentlich gar nicht so unähnlich sind.

Martin Schäuble:
Zwischen den Grenzen. Zu Fuß durch Israel und Palästina, Hanser Verlag, 224 Seiten, 17,90 Euro

ISBN: 978-3-446-24142-8

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