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StartseiteDeutschland heuteDie "Bad Bank" der Ostdeutschen 17.05.2018

Aufarbeitung Die "Bad Bank" der Ostdeutschen

Nach dem Fall der Mauer sollte auch die Wirtschaft in Ost und West "wiedervereinigt" werden - die Rolle der Treuhand dabei ist umstritten. Sie privatisierte, sanierte mehrere tausend staatseigene DDR-Betriebe oder wickelte sie ab. Forscher beschäftigen sich nun mit der Aufarbeitung dieser Vergangenheit.

Von Bastian Brandau

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Pressekonferenz der Treuhandanstalt  (picture alliance/dpa/Foto: Thomas Lehmann)
Die Anfänge: Detlev Rohwedder (Mitte), Präsident der Treuhandanstalt, im Kreise von Vorstandsmitgliedern, bei einer Pressekonferenz am 27.11.1990 in Berlin. (picture alliance/dpa/Foto: Thomas Lehmann)

Thüringer Kali-Kumpels im Hungerstreik, der von Eiern getroffene Helmut Kohl, die Namen längst untergegangener DDR-Betriebe. In seinem Vortrag in Hoyerswerda ließ Marcus Böick, Historiker an der Ruhr-Uni Bochum die Nachwendezeit aufleben. Schon vor zehn Jahren hatte sich Böick in seiner Masterarbeit mit der Treuhand befasst, nun veröffentlicht Böick im Juli seine Doktorarbeit zum Thema. Geschrieben allerdings ohne Einblick in die Akten der Treuhand.

"Die Akten werden seit 2016/17 allmählich erschlossen, also das ist ein Vorgang der jetzt beginnt, und wo die Kolleginnen und Kollegen sehr fleißig dabei sind und ich sehr optimistisch bin, dass die Lage sich künftig bessert."

Mehr als drei Millionen Menschen wurden arbeitslos

Die historische Aufarbeitung der Treuarbeit beginnt also erst. Ihm sei es darum gegangen, einen Überblick über die Geschehnisse rund um die Treuhand zu schaffen. Also um das Unternehmen, das die beispiellose Aufgabe hatte, die ehemals mehr als 8000 staatseigenen Betriebe der DDR zu privatisieren oder abzuwickeln. Mehr als drei Millionen Menschen wurden arbeitslos - und oft blieb bis heute das Gefühl, dass nicht alles getan wurde, um einen Betrieb zu retten. Böick arbeitete mit dem vorhandenen Material, führte Interviews mit ehemaligen Treuhand-Managern und Gewerkschaftern.

"Diese Schwarz-weiß-Geschichten, also entweder die Treuhand war eine Erfolgsgeschichte ohne Alternative oder die Treuhand war eine riesige Verbrecherbande, das sind so die Sachen, die die öffentliche Erinnerung dominiert haben. Wenn man mit Praktikern spricht, aber auch mit ehemaligen Gewerkschaftern, aber auch wenn man in die Akten schaut, in die öffentlichen Berichte schaut, wird man vielmehr ein Graubild finden. Also es ist weniger schwarz und weiß, sondern es sind vielmehr graue Punkte, die wir natürlich in der Forschung jetzt aufklären müssen. Wo wir sagen müssen, wir müssen konkrete Fälle untersuchen, Branchen untersuchen, Städte, Regionen."

Reden über Ungerechtigkeiten der Nachwendezeit

Auch in der Oberlausitz bedeutete die Wiedervereinigung das Aus für zahlreiche Betriebe, Hunderttausende wurden arbeitslos. Der Umbruch und die Ungerechtigkeiten nach der Wiedervereinigung - er trägt auch in Sachsen mit zur Unzufriedenheit bei. Davon ist die sächsische Integrationsministerin Petra Köpping, SPD überzeugt. Sie hat vor eineinhalb Jahren dazu aufgerufen, über Ungerechtigkeiten in der Nachwendezeit zu reden. In Hoyerswerda sitzt Köpping mit auf dem Podium. In der Oberlausitz etwa wollten Mitarbeiter ihr Emaille-Werk für Stromanlagen fortführen, hätten aber keinen Kredit bekommen. Letztlich habe ein westdeutscher Investor für eine Mark den Zuschlag erhalten - und das Werk dann geschlossen.

"Und dass dann jemand heute sagt, also das ist im Grunde genommen Betrug gewesen, das ist klar. Und wir wollen dazu beitragen, dass man aufklärt, was ist richtig, was ist wahr? Was ist wirklich so gewesen, was ist Mythos? Was entsteht auch, wenn man was nicht aufklärt?"

Es gibt keine gerechte Welt

Klar wurde bei dem Vortrag und der Diskussion auch: Das Interesse an der Treuhand besteht überwiegend bei älteren Menschen. Aus dem Publikum wurden auch positive Erfahrungen mit der Treuhand geäußert. Darüber, was eine konkrete Aufarbeitung der Geschichte bringen kann, herrschen geteilte Meinungen.

"Das kann eigentlich wenig Greifbares bringen, weil das doch zu spezifisch von Industriezweig zu Industriezweig war."

"Ich denke, auch für jüngere Leute ist es wichtig zu verstehen, warum ältere Leute ärgerlich sind. Warum sie sagen, sie sind betrogen worden."

"Mit welchem Ziel? Was hat denn das für einen Sinn? Wir müssen zusehen, dass wir neue Ungerechtigkeiten verhindern. Die gibt es nicht, es gibt keine gerechte Welt."

Dialog um bestehende Differenzen

Die Diskussion versachlichen, den nachfolgenden Generationen greifbar machen, was sich in den Nachwendejahren in den Neuen Bundesländern abgespielt hat. Historiker Marcus Böick, 1983 in der DDR geboren und nun an der Ruhr-Uni Bochum, hofft noch auf einen anderen Effekt:

"Die sehr unterschiedlichen Reaktionen haben eigentlich gezeigt, wie wichtig das Thema nach wie vor ist und wie wichtig es ist, dass wir über dieses Thema reden. Nicht nur in Ostdeutschland, sondern auch zwischen Ost und West, dass das Thema in der Öffentlichkeit, in der Politik, aber auch in der Wissenschaft angesprochen wird. Nicht in einer Art Aufrechnung oder - wir wollen jetzt Schuldige finden - oder sagen, die Ossis sind die Bösen oder die Wessis waren die Schlimmen. Sondern das wir eher sagen, wir müssen ein stückweit einen Dialog herstellen, auf verschiedenen Ebenen, um eben noch die bestehenden Differenzen und Unterschiede zwischen Ost und West mehr in den Blick zu bekommen. Dass es eben nicht nur ein ostdeutsches Sonder- und Regionalthema ist, sondern dass es ein Thema ist, das sowohl den Osten und den Westen als auch Jung und Alt betrifft."

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