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StartseiteInterview"Aufbau absichern, Sicherheitslage stabilisieren"23.07.2009

"Aufbau absichern, Sicherheitslage stabilisieren"

Oberstleutnant: Afghanistan-Offensive vom Mandat gedeckt

Oberstleutnant Thomas Sohst vom Deutschen Bundeswehrverband hat die Beteiligung von Bundeswehrsoldaten an einer Offensive gegen die Taliban in Afghanistan verteidigt. Es gehöre zum Rahmen des ISAF-Mandates, die Sicherheitslage so zu stabilisieren, dass die Wahlen in drei Wochen durchgeführt werden könnten.

Thomas Sohst im Gespräch mit Friedbert Meurer

Plakate für die Wahl in Afghanistan am 20. August 2009 (AP)
Plakate für die Wahl in Afghanistan am 20. August 2009 (AP)

Friedbert Meurer: Stabilisierungseinsatz, Unterstützungsmission, bewaffnete Aufbauhilfe - so wurde in den letzten Jahren die Mission der Bundeswehr in Afghanistan genannt. Es gibt darüber politischen Streit, wie wir wissen. Lange Zeit war die Lage im Norden des Landes, wo die Bundeswehrsoldaten stationiert sind, ruhig, die Bilder, die an die Heimat gingen, sahen eher nicht nach Krieg aus. Jetzt ist das vorbei. 300 Bundeswehrsoldaten sind augenblicklich an einer Offensive gegen die Taliban beteiligt, gemeinsam sind sie mit 800 afghanischen Soldaten und 100 afghanischen Polizisten im Gefecht. Ich begrüße Oberstleutnant Thomas Sohst. Er ist Vorsitzender des Landesverbands West im Deutschen Bundeswehrverband. Guten Morgen, Herr Sohst!

Thomas Sohst: Guten Morgen, Herr Meurer!

Meurer: Wie schätzen Sie denn im Moment die Situation im Kundus ein, ist das eine neue Qualität?

Sohst: Ja, es hat sich in den letzten Monaten eine Menge verändert. Diese Veränderung ist sicherlich zurückzuführen auf politische Ereignisse weltweit. Sowohl in Afghanistan wie in Deutschland stehen Wahlen an, und jeder versucht, über diesen Weg, sage ich mal, auf sich aufmerksam zu machen. Von daher ist es eigentlich nicht überraschend, dass sich etwas verändert hat. Das, was zurzeit in Afghanistan stattfindet, findet im Rahmen des ISAF-Mandates statt, und dazu gehört Aufbau absichern, das war bisher Schwerpunkt. Zurzeit gehört es dazu, Sicherheitslage so zu stabilisieren, dass die Wahlen in drei Wochen in einem sicheren Umfeld durchgeführt werden können, und dafür sind bestimmte Maßnahmen auch mit Unterstützung der ISAF notwendig.

Meurer: Was jetzt im Moment geschieht, geht das noch unter die Überschrift "Aufbau absichern"?

Sohst: Im weitesten Sinne ja, denn zum Aufbau von Afghanistan gehört es, politische und Sicherheitsstrukturen herzustellen, und das Herstellen dieser Strukturen, in denen die Menschen in menschenwürdigen Umständen in Afghanistan wieder leben können, gehört dann zu dem Mandat mit dazu.

Meurer: Sie sagen auch, die Situation hat sich verändert. Wie sind denn die Soldaten eingestellt, Ihrer Ansicht nach, auf diese neue Situation?

Sohst: Ich glaube, dass wir die Ausbildung der Soldatinnen und Soldaten hier im Inland in hervorragender Art und Weise durchführen. Natürlich gibt es auch durch diese Kampfeinsätze, die zurzeit laufen, Erfahrungen, die wir bisher nicht gehabt haben und die in die Ausbildung immer wieder neu einfließen müssen. Wir haben da sicherlich in Deutschland ein Problem, mit dem wir konfrontiert sind und mit dem wir umgehen können, und das ist, sage ich mal, dass wir nicht dem Prinzip "train as you fight" in vollem Umfang in Deutschland genügen können.

Meurer: Das heißt was, bitte?

Sohst: Das heißt, wir üben die Situation, in die wir in Afghanistan gestellt sind, und das heißt, dass wir auch das entsprechende Material hier in Deutschland verfügbar haben müssten, damit die Kampfgemeinschaft, die in Afghanistan gemeinsam mit ihrer Ausrüstung eingesetzt wird, auch dieses hier üben kann. Hier fehlt zum Teil die Ausrüstung, da die hochwertige, neue Ausrüstung zunächst in den Einsatz geht, und das kann dann hier in Deutschland nicht entsprechend geübt werden, sodass ein Teil der Ausbildung oder der vollen Ausbildung dann erst in Afghanistan stattfinden kann.

Meurer: Haben Sie den Eindruck, dass die Ausrüstung in Ordnung geht in Kundus?

Sohst: Die Ausrüstung, die dort verfügbar ist, ist sicherlich in Ordnung. Von daher ist auch die Diskussion - neue Qualität, Einsatz von schweren Waffen - sage ich mal, etwas hochgespielt worden, denn die Ausrüstung, die zurzeit eingesetzt wird, der Schützenpanzer Marder, die Mörser, sind seit über einem Jahr in Afghanistan, sodass man langfristig auf diese Situation vorbereitet war.

Meurer: Wenn, Herr Sohst, ein deutscher Soldat im Gefecht einen afghanischen Kämpfer erschießt, wie sehr muss er damit rechnen, dass gegen ihn die deutsche Staatsanwaltschaft ermittelt?

Sohst: Wenn der Soldat sich an die Regeln hält, nach denen er ausgebildet worden ist, dann wird bei einem Einsatz von Schusswaffen geprüft, ob er sich an die Regeln gehalten hat. Und das kann dazu führen, dass auch die Staatsanwaltschaft in Deutschland dieses prüft, da gibt es ein abgestuftes Verfahren. Das Problem, vor dem Soldatinnen und Soldaten stehen, ist, dass nicht jede Staatsanwaltschaft in Deutschland mit der Situation in Afghanistan vertraut ist und von daher manche Verfahren in Deutschland unzulässigerweise, wie ich meine, lange dauern.

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