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StartseiteKultur heute"Aufbau" vor dem Aus?08.03.2004

"Aufbau" vor dem Aus?

Die New Yorker Emigrantenzeitung hat wirtschaftliche Schwierigkeiten

<strong>Es begann 1934 - mit einem kleinen Newsletter für die Mitglieder des Deutsch-Jüdischen Club von New York, mit dem Namen "Aufbau". Er wurde bald zur unverzichtbaren Handreichung für die damals immer zahlreicher eintreffenden von den Nationalsozialisten vertriebenen Immigranten aus Deutschland und Europa. Später wurde der "Aufbau" zu einer der wenigen amerikanischen Publikationen, die kontinuierlich über den Holocaust informierten. Und so blieb die Zeitung bis heute eine Art Vermächtnis deutscher Juden in den USA. Ausgerechnet im 70. Jahr ihres Bestehens meldet nun der SPIEGEL heute, der traditionsreiche "Aufbau" stehe vor dem Aus.</strong>

Redaktionsleiter Rainer Meier im Gespräch

Aufbau-Autor Thomas Mann mit Frau Katia und Tochter Erika (AP)
Aufbau-Autor Thomas Mann mit Frau Katia und Tochter Erika (AP)

Rainer Berthold Schossig: Es heißt, die finanziellen Mittel Ihrer Zeitung reichten nur noch bis zum Ende dieses Monats. Das klingt dramatisch. Chefredakteur Andreas Mink hat von einer "akuten Gefährdung" gesprochen. Wie ernst ist Ihre Situation?

Rainer Meier: Es ist so, dass der Aufbau natürlich und das ist bekannt, seit Jahren eben finanzielle Probleme hat. Das liegt daran, dass einfach unsere Einnahmesituation nicht so ist, wie man sich sie wünschen könnte. Unsere Defizite liegen aber in einem Bereich, die momentan in der Medienkrise relativ normal sind. Das ist eigentlich noch relativ locker und auf der anderen Seite sind wir nicht überschuldet, also wir haben keine Schulden draußen, sondern wir haben im Prinzip einigermaßen Einnahmen. Es gibt noch einen gewissen Stand an Mitteln, die sind vorhanden. Das Problem, das wir natürlich haben, ist, dass es langfristig so nicht weitergeht.

Schossig: Kooperationsgespräche mit deutschen Großverlagen seien gescheitert, so heißt es im Spiegel. Was für Kontakte hat es denn gegeben und wie erfolglos waren die?

Meier: Ja gut, erfolglos ist ein absoluter Begriff, das ist auch klar. Nein, es ist so, es gab natürlich Interesse von einer Reihe von Verlagen, mit uns zu reden und zu gucken, was kann man machen. Diese Gespräche sind meines Erachtens und soweit ich informiert bin, vor allen Dingen daran gescheitert, dass die Verlage diese Gespräche angefangen haben als alle dachten, es geht noch bergauf und es wird noch einmal mit der ganzen Medienszene. Natürlich ist es so, dass momentan die Situation für die Verlage selber katastrophal ist und es extrem schwierig ist für Verlage, in der Situation auch noch zu erklären, warum sie sich jetzt noch einen weiteren, auch wenn er nun eine kleinen Verlust bringt, an den Hals hängen.

Schossig: Herr Meier, man geht sozusagen stillschweigend davon aus, dass der Aufbau vor allem von betuchten jüdischen Einwanderern aus Deutschland zumal bis heute unterstützt beziehungsweise finanziert wird. Die sind ja nun weitgehend in der zweiten, dritten Generation in den USA. Bröckelt nicht doch langsam so das Interesse an einer solchen Zeitung, die von Vätern und Großvätern gegründet wurde?

Meier: Na ja, also finanziert ist vielleicht nicht der richtige Ausdruck. Es ist so, dass es natürlich ein Großteil dieser Leute Abonnenten sind. Wirklich finanziert im Sinne von Fundraising sind es nur sehr, sehr wenige. Also, das ist nicht, dass wir jetzt hier eine große Menge an der Ostküste lebender Juden haben, die uns quasi dafür bezahlen. Fakt ist, dass ein Großteil des Geldes inzwischen hier in Deutschland verdient wird, da wir in Deutschland einfach inzwischen eine relativ gute Basis haben, also die Hälfte der Auflage wird hier in Deutschland verkauft und insofern ist das eigentlich eine sehr gemischte Leserschaft, die wir haben. Und ich denke, dass es auch die Zukunft sein kann, dass man eben überlegen muss, wo sind die Märkte, wo kann man noch weiterhin Leser finden und da zeigt Deutschland eigentlich sehr, sehr gute Resultate einfach vor dem Hintergrund, dass es hier ein sehr, sehr großes Interesse für das Judentum gibt und natürlich auch für die jüdische Welt und das jüdische Leben an sich. Und ich denke, dass man da auf alle Fälle aufbauen kann, was nicht bedeutet, dass man irgendwie in Amerika reduzieren sollte, denn ich denke, Amerika ist weithin unsere Heimat, es ist sehr, sehr wichtig, in Amerika präsent zu bleiben und ich denke, dass auch eine ganze Reihe von anderen Kulturen es geschafft haben, in Amerika parallel zur amerikanischen Mainstream zu existieren, ihre Medien zu haben und deswegen glaube ich, dass der Aufbau da auch weiterhin eine Chance hat.

Schossig: Zu den Mitarbeitern von Aufbau gehörten so namhafte Autoren wie Albert Einstein, Thomas Mann, Hannah Arendt. Das ist ja eine Tradition, die man nicht so gerne aufgeben möchte. Was hat sich verändert, was müssen Sie verändern, um sozusagen gewandelten Nutzerinteressen zu entsprechen, wie sieht Aufbau heute aus?

Meier: Ich könnte Ihnen natürlich sagen, dass diese Tradition manchmal auch etwas zur Belastung wird, weil das macht sich natürlich nicht besonders einfach. Diese Jungs stehen schon manchmal hinter einem und gucken, was man tut und man kann nicht einfach sagen wie bei einem anderen Medienkonzern, okay, 70 Jahre Aufbau, das war es einfach und jetzt gehen wir einfach. Das ist das eine. Also, diese Geschichte ist eine unheimliche Verpflichtung, die man da hat, im Gegensatz zu recht vielen anderen Redaktionen, die wahrscheinlich, sagen wir einmal, so eine Geschichte im Hintergrund nicht haben. Ich persönlich würde diese Tradition sehr, sehr ungern aufgeben, weil es einfach sehr, sehr wichtig ist, dass man eben eine Plattform für derartige Meinungen bietet. Ich denke, der Aufbau kann zweierlei tun: Das eine ist zu zeigen, wo die jüdische Welt heute steht und wo die deutschen Gemeinden innerhalb dieser jüdischen Welt heute zu verorten sind. Das liegt vor allen Dingen daran, dass jüdische Gemeinden jahrelang hier in Deutschland so ein bisschen immer am Katzentisch saßen international, man hat sie nicht geachtet. Und das ändert sich momentan rapide. Also, momentan ist Deutschland einfach das Land, in das die meisten jüdischen Zuwanderer kommen. Es ist die schnellstwachsende Gemeinde der Welt und diesen Prozess zu begleiten und darzustellen kann also wirklich eine gute Aufgabe sein und zwar auf beiden Seiten des Atlantiks, damit man mal sieht, was passiert da eigentlich? Das andere, was ich denke, was auch sehr wichtig ist und ich denke, das hat sich auch gerade während des Irakkrieges gezeigt, dass es wichtig ist, sagen wir einmal, die Meinungen und Auffassungen, die auf beiden Seiten des Atlantiks existieren, abzugleichen und zu schauen, wo stehen wir da eigentlich, also diese Brückenbildefunktion, weil ich denke, dass gerade der Irakkrieg ja auch gezeigt hat, wie schnell diese Solidarität zwischen den Ländern auch wieder auch bröckeln kann und aus welchen Gründen und da einfach zu sagen, okay, die Amerikaner sehen das so, die Deutschen sehen das so, die Amerikaner sagen es auf diese Art und Weise, die Deutschen auf diese, wo ist der gemeinsame Nenner. Ich glaube, das kann sehr, sehr wichtig sein.

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