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StartseiteKultur heuteAuferstanden aus Archiven15.04.2008

Auferstanden aus Archiven

Unbekannte Komposition von Johann Sebastian Bach in Halle aufgetaucht

Musikwissenschaftler der Universität Halle-Wittenberg haben eine Orgelkomposition von Johann Sebastian Bach entdeckt. Die Choralfantasie des weltberühmten Tonsetzers liegt in Form einer Abschrift des späteren Leipziger Thomaskantors und Bach-Herausgebers Wilhelm Rust vor, dessen Nachlass die Universitätsbibliothek Halle vor kurzem erworben hatte.

Von Claus Fischer

Bach-Denkmal (AP Archiv)
Bach-Denkmal (AP Archiv)

"Wenn heute eine bislang unbekannte Bach-Komposition wieder entdeckt wird, dann muss dies als ein wirklich großer Glücksfall bezeichnet werden", "

betont Wolfgang Hirschmann vom Institut für Musikwissenschaft der Martin-Luther-Universität Halle Wittenberg. Bei dem Werk, von dem bislang nur die ersten fünf Takte bekannt waren, handelt es sich um eine sechs Minuten lange Fantasie über den Choral "Wo Gott der Herr nicht bei uns hält", entstanden zwischen 1705 und 1710.

" "Eine großangelegte, satztechnisch sehr substanziell durchgearbeitete Komposition von besonderen Dimensionen."

Das neu entdeckte Orgelwerk Bachs liegt in Form einer Abschrift vor, angefertigt von Wilhelm Rust, der von 1880 bis 1892 in der Nachfolge Bachs Thomaskantor in Leipzig war. Vor wenigen Wochen ersteigerte die Universitäts- und Landesbibliothek in Halle einen Teil des Nachlasses von Wilhelm Rust aus privater Hand, für nicht einmal 2500 Euro. Der Musikwissenschaftler Stefan Blaut, amüsanterweise in der Händelforschung tätig, entdeckte das Notenblatt im Konvolut eher zufällig:

"Der Nachlas war natürlich auch eine Zeitlang bei mir übers Wochenende und ich habe dann festgestellt, dass diese Fantasie für mich unbekannt war. Ich bin selber orgelinteressiert und war eine Zeitlang als Organist und Kantor tätig, und ich kannte dieses nicht und deshalb bin ich dran hängen geblieben an dem Stück."

Gemeinsam mit Fachkollegen untersuchte Stefan Blaut das Sensationsmanuskript.

"Eine Hilfe dabei war, dass auf der Abschrift angegeben wurde von Wilhelm Rust selbst, dass er die Abschrift nach einer Quelle, die in Königsberg lag, gemacht hat, ob Wilhelm Rust jetzt selbst in Königsberg war, oder ob er von Königsberg die Quelle nach Leipzig geschickt bekam - das war damals im 19.Jh. noch möglich - das wissen wir nicht. Insofern verlieren sich da die Spuren."

Die Bachsche Originalhandschrift, die Wilhelm Rust als Vorlage diente, stammte höchstwahrscheinlich aus dem Nachlas des ältesten Bachsohnes Wilhelm Friedemann, der unter anderem auch in Halle als Organist tätig war. Auf verschlungenen Wegen gelangte sie nach Königsberg, wo sie in den Wirren des 2. Weltkriegs verloren ging. Doch wie gelang es dem glücklichen Finder Stefan Blaut nun, Bach endgültig als den Komponisten der Choralphantasie "Wo Gott der Herr nicht bei uns hält" zu identifizieren?

"Von Bach ist ansonsten nur eine Choralfantasie bekannt, das ist die Choralfantasie "Christ lag in Todesbanden" BWV 718, und dieses Stück weist im vergleich zu dem hier vorliegenden Stück zahlreiche Parallelen auf."

Letzte Gewissheit bekamen die Hallenser Händelforscher um Stefan Blaut durch die Wissenschaftlerkollegen vom Bacharchiv im benachbarten Leipzig, die als die profundesten Kenner des Bachschen Oeuvres gelten. Bachforscher Peter Wollny zerstreute denn auch heute die letzten Zweifel an der Echtheit der Musik indem er betonte,

"dass Wilhelm Rust als Sammler Bachscher Werke tätig war und ganz bewusst seine Abschriften angefertigt hat, und in so einem Fall wäre es abwegig zu denken, dass er selbst da Hand angelegt hätte als Komponist."

Für den Musikwissenschaftler Wolfgang Hirschmann von der Hallenser Universität ist klar, das Stück hat eindeutig norddeutsche Einflüsse:

"Möglicherweise steht die Komposition in dieser eher seltenen Gattung der Choralphantasie im engen Zusammenhang mit Bachs dreimonatigem Aufenthalt in Lübeck bei dem Organisten Dietrich Buxtehude im Herbst 1705. Buxtehude hat sozusagen die kompositorischen Modelle dieser speziellen Gattung geschaffen."

So ist also das BWV heute um eine Nummer größer geworden. Sie lautet übrigens 1128.

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