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Seit 21:05 Uhr JazzFacts
StartseiteBüchermarktAufgewacht. Mauer weg08.11.2002

Aufgewacht. Mauer weg

DTV, 270 S., EUR 19,90

<em>Für mich selber war das eines der unglaublichsten und prägendsten Erlebnisse. Trotzdem habe ich gemerkt, dass ich es eigentlich nie in mein Leben eingebaut habe. Ich hab an '89 vorbei erzählt. Genauso wie ich vor '89 nicht über meine DDR-Reisen viel geredet habe in Bonn, wo ich aufgewachsen bin. Irgendwann hat mich das nachdenklich gemacht, dass ich im Grunde so einen wichtigen Punkt habe, der aber gar nicht in meinen Erzählungen so richtig auftaucht.</em>

Ralph Gerstenberg

Das hat sich nun gründlich geändert. In ihrem Buch "Aufgewacht. Mauer weg" erzählt Susanne Leinemann ausschließlich von ihren Erlebnissen, die sie mit diesem historischen Ereignis verbindet. Und die beginnen keineswegs erst 1989. Susanne Leinemann war vierzehn Jahre alt, als sie Anfang der achtziger Jahre das erste Mal die DDR betrat - ein Kulturschock, bei dem dem zarten Teenager aus dem Westen glatt die Luft weg geblieben ist.

Ich hielt mich einige Stunden wacklig, aber tapfer (...). Bis wir am Schaukasten des Kino International vorbeikamen. Da lächelte von einem Filmplakat das Gesicht von Romy Schneider. Es war das Vertraute ihrer Züge, dieser Moment unerwarteter Normalität, der mir ruckartig klarmachte, wie unwirklich hier alles auf mich wirkte. Ich bekam Atemnot, musste sofort raus, und wir eilten - trotz Theaterkarten für den Abend - zurück zur Grenzschleuse.

Nach einer gewissen Zeit der selbstgenügsamen Ignoranz, in der die Existenz des anderen deutschen Staates einfach nicht zur Kenntnis genommen wurde, weil nichts uncooler erschien als Trabis, Ostrock und säuerlich sächselnde FDJler in Blauhemden, drängte ein gewisser Hang zum Exotismus zur neuerlichen Kontaktaufnahme mit dem real existierenden Sozialismus. Erst wurden Briefe hin und her geschickt, dann reiste Susanne Leinemann selbst - zur Brieffreundin nach Dresden, wo sich die damals Sechzehnjährige auch prompt in den etwas älteren Andreas mit der wilden urproletarischen Ausstrahlung verliebte.

So einen Charakter hatte ich in Bonn noch nie kennengelernt. Schon die kleine, eher kompakte Statur, der kurzgeschorene, eckige, fast klobige Kopf, die klugen Augen und kräftigen Hände. Wie eine Figur aus dem Brecht-Theater der 20er Jahre. Tatsächlich klebte ich mir wenig später ein Foto von August Sander, dem Chronisten der Weimarer Republik, auf den Deckel meines Kalenders. Es zeigt einen jungen Hilfsarbeiter, einen Handlanger, der Andreas - fand ich damals - frappierend ähnlich sah.

Die Liebe zum kompakten Handlanger mit dem eckigen Kopf veranlasste die Autorin zu erneuten Reisen ins Land hinter der Mauer, wo sie feststellte, dass man auch dort Rockkonzerte besuchte, ins Kino ging und einfach nur jung und verliebt sein konnte. Den Fall der Mauer hat sie mit ihrer Brechtfigur in einer kalten Leipziger Altbauwohnung verschlafen. So verknüpft Susanne Leinemann immer wieder ihre ganz privaten Erlebnisse mit dem historischen Ereignis des Mauerfalls. Leinemann:

Wenn ich's nur essayistisch gemacht hätte, wäre es erst einmal viel theoretischer geworden, und zweitens hätte mir das auch keiner geglaubt, weil man doch davon ausgeht, dass viele im Westen von der DDR überhaupt keine Ahnung hatten oder auch kein Interesse. Und so war es ja im Grunde ursprünglich bei mir auch. Und dieses Schockerlebnis, die DDR zu entdecken, war, glaube ich, ganz wichtig. Und ich hätte sie nur persönlich beschreiben können. Ich kann das ja nicht für andere behaupten.

Leider neigt Susanne Leinemann dazu, ihre ausschnitthaften Beobachtungen des DDR-Alltags zu verallgemeinern und zu verklären. Der andere deutsche Staat war für sie ein Land mit anrührend "proletarischer Ursprünglichkeit", in dem Kellnerinnen "mal einen Klaps auf den Po" bekamen. Nächtliche Bahnhofs-Mitropas wirkten auf sie geradezu "poetisch". Außerdem roch das "Land der Spitznamen" - auch so eine Leinemannverallgemeinerung" - verdammt "nach Leben". Der Fall der Mauer ist für die studierte Historikerin ein Ereignis, an dem vor allem ihre Generation maßgeblich beteiligt war.

Es ist eigentlich so, dass mich das immer gewundert hat, dass diese Generation, die im Westen "Generation Golf" genannt wird, also die zwischen 1965 und '75 Geborenen, dass es für die so wenig eine Stunde Null war, dass das eigentlich ein unglaubliches Ereignis war, aber die Generation sich nicht darüber definiert hat, sondern eigentlich zunehmend in den letzten Jahren sehr nostalgisch definiert hat, über Süßigkeiten zum Beispiel oder Kinderspielzeug oder solche Sachen. Es war damals mein Geschichtsprofessor, der hatte das mal in so einem Nebensatz fallen gelassen, der hat gesagt: Die Ungarnflüchtlinge, zwei Drittel von denen waren unter dreißig im Sommer '89. Und es ist eigentlich komisch, dass da so wenig drüber geredet wurde, zumindest im Westen. Im Osten war es, glaube ich, im ersten Jahr noch vertrauter, aber dann wurde es auch vergessen.

Die jungen Ostler sind über Ungarn geflohen und in der DDR auf die Straße gegangen, um so zu leben wie die gleichaltrigen Westler, die in den Achtzigern auf ihren politischen Bildungsreisen Schulklassenweise in die DDR eingefallen sind. Durch ihr ungezwungenes Auftreten in coolem Outfit fungierten die juvenilen Osttouristen als Vorbilder für die dortigen Jugendlichen. So war die Wende nach Susanne Leinemann eigentlich eine gesamtdeutsche Jugendrevolte, eine Revolution derer, die für die Politik nicht mehr erreichbar waren, sondern ganz individuelle Interessen verfolgten. Um diese mehr als fragwürdige These noch griffiger zu machen, hantiert sie mit dem Generationsbegriff, der ja seit Douglas Couplands "Generation X" geradezu inflationär verwendet wird. Dabei stört es sie weder, dass der Mauerfall nicht das Ereignis einer Generation war wie zum Beispiel 1968 die APO, noch dass selbst die Angehörigen ihrer Generation unter unterschiedlichen gesellschaftlichen Verhältnissen aufgewachsen sind. Sie mixt ein bisschen Claus Leggewies "'89er" mit Heinz Budes "Generation Berlin" und schwingt sich gegen Ende auf zu einem unglaublichen Pathos:

1989 könnte unser Label sein, unsere Marke, die uns als Generation unverwechselbar macht. Die Linse, durch die wir die Welt betrachten und bewerten. 1989 könnte uns das politische Selbstbewusstsein geben, das wir in diesen schwierigen Tagen so schmerzlich zu vermissen beginnen. Den Boden für eine Haltung liefern, auf dem wir stehen und argumentieren können - ohne unsere konsumistische Vergangenheit zu verleugnen. Wir wären dumm, es nicht anzunehmen. Ganz pragmatisch gesprochen: Golf-Liebhaber wird es immer geben. Liebhaber der Revolution auch. Aber eine gemacht zu haben, auch noch eine richtige - das ist schon etwas.

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