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StartseiteKultur heuteAufklärer der arabischen Welt05.05.2010

Aufklärer der arabischen Welt

Zum Tod des marokkanischen Philosophen Mohammed Abed al-Jabri

Der marokkanische Philosoph Mohammed Abed al-Jabri war das, was sich der Westen so oft von den Muslimen und Arabern wünscht: ein aufgeklärter, religionskritischer Geist. Nun starb er im Alter von 74 Jahren.

Von Stefan Weidner

Kachelschmuck in der Grünen Moschee von Bursa. (Science/W. B. Denny)
Kachelschmuck in der Grünen Moschee von Bursa. (Science/W. B. Denny)

Der marokkanische Philosoph Mohammed Abed al-Jabri war das, was sich der Westen so oft von den Muslimen und Arabern wünscht: ein aufgeklärter, religionskritischer Geist. Er war aber trotzdem nicht einfach nur ein Araber, der europäisch gedacht hat. Vielmehr war es sein Anliegen, zu den vielen arabischen Wurzeln des europäischen Denkens seit der Renaissance vorzustoßen und diese auf eigene, nämlich arabische Weise, für die Gegenwart fruchtbar zu machen.

Zu diesem Projekt gehört es, Philosophie, also aufgeklärtes Denken, mit der Religion zu vereinbaren. Sein vierbändiges Hauptwerk "Kritik der arabischen Vernunft" ist eine faszinierende geistesgeschichtliche Studie, in der Al-Jabri versucht, herauszuarbeiten, wie die arabisch-islamsische Kultur im Mittelalter von dem ursprünglich in ihr angelegten Pfad rationalen Denkens abgekommen ist und immer häufiger in die bloße Nachahmung von religiösen Autoritäten verfiel.

Al-Jabris Kritik an der Tradition geht von der verblüffenden Erkenntnis aus, dass in der arabisch-islamischen Kultur die Texte ihre Leser lesen, nicht umgekehrt. In der Begegnung mit der religiösen Überlieferung für die meisten arabischen Leser die Betätigung des eigenen Verstandes außer Kraft gesetzt. Ein Beispiel ist der auswendig gelernte, aber unverstandene Korantext, wie er in den Koranschulen vermittelt wird.

Nach Al-Jabri ist diese heute bei den Fundamentalisten beheimatete Wissenskultur aber nur eine von drei, die arabisch-islamisch Welt im Mittelalter prägenden Denkweisen gewesen. Die anderen sind die mystische Tradition, also der Sufismus, den Al-Jabri als irrational ablehnt, und die aristotelische Rationalität der arabischen Philosophen. Ihr bekanntester Exponent ist der Philosoph Averroes (arabisch Ibn Rushd) gewesen, der 1198 verstarb und mit dem die arabische Philosophie zunächst endete. Auch diese arabische Philosophie erkennt die Autorität der religiösen Tradition an, sie weist sie jedoch in enge, genau bestimmte Grenzen.

Manche Kritiker haben dieses starre dreiteilige Schema von Orthodoxie, Mystik und Philosophie, in das Al-Jabri das arabische Denken aufteilt, kritisiert. Es gelingt ihm jedoch, die unübersichtliche arabische Geistesgeschichte auf inspirierende Weise neu lesbar zu machen. Al-Jabri zeigt auf, wie die arabische Kultur im ausgehenden Mittelalter vom Weg zu einer eigenen Aufklärung abgekommen ist und wo sie wieder anzuknüpfen hätte.

Von religiös konservativen Kräften ist Jabri dafür stark angegriffen worden, und ebenso kritisieren ihn viele postmoderne, mit der islamischen Mystik sympathisierende Denker. Doch der Streit, den al-Jabris Deutung der arabischen Geistesgeschichte ausgelöst hat, gehört in Wahrheit zu den positivsten Aspekten seines Wirkens – er begründete eine Debattenkultur auf hohem Niveau, die für die arabische Selbstreflexion bis heute Maßstäbe setzt.

Al-Jabri ist bei all dem mehr gewesen als bloß der Autor vielgelesener philosophischer Studien. Er war im ersten Beruf Volksschullehrer, hat sich stets für eine fortschrittliche Pädagogik engagiert und auch Schulbücher verfasst.

Das arabische philosophische Denken der Gegenwart hat derzeit mit so vielen Problemen zu kämpfen, von der religiösen Radikalisierung bis zu den miserablen Bildungssystemen, dass Al-Jabris Tod eine schmerzhafte, in absehbarer Zeit wohl kaum zu schließende Lücke hinterlässt.

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