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StartseiteBüchermarkt"Auflösung der Natur, Auflösung der Geschichte"10.09.2002

"Auflösung der Natur, Auflösung der Geschichte"

Moderner Roman und NS-'Weltanschauung' im Zeichen der theoretischen Physik

Das junge 20. Jahrhundert, Zeit der Verunsicherung, hervorgerufen durch Landflucht, Verstädterung, Herausbildung der Massenmedien, vor allem aber der Massengesellschaft. Hinzu kommen das Ende des Imperialismus und die Verschiebung der kriegerischen Energien auf Europa selbst, seit 1913 mit katastrophalen Folgen: Der Mensch wird dem Menschen ein Wolf, setzt statt der Lanzen und Klauen alter Zeiten erstmals Flugzeuge und Gase ein. Wie dieses Dunkel der menschlichen Seele entsteigt, hatte ein Wiener Psychoanalytiker der Welt in den vorhergehenden Jahrzehnten erklärt: Sonderlich begeistert nahm die seine Erläuterungen nicht auf.

Kersten Knipp

Zu diesem Wiener, Freud mit Namen, gesellte sich zu Beginn des jungen Jahrhunderts ein Schweizer, Einstein mit Namen, und auch was er an Entdeckungen präsentierte, wollte vielen seiner Zeitgenossen nicht gefallen: 1905 wartete er mit der Quanten- und der speziellen Relativitätstheorie auf, zehn Jahre später mit der allgemeinen Relativitätstheorie. Akausalität und extreme Unanschaulichkeit kennzeichneten das moderne physikalische Weltbild - zuviel für die breite Masse, die Einsteins Theorien auf breiter Front ablehnte, obwohl, oder besser: weil sie sie nicht einmal im Ansatz verstand. Trotzdem, so der Germanist und Physiker Carsten Könneker, erweiterte sie Formelsprache der Physik unzulässig ins Allgemeine, bezog sie im Handumdrehen auch auf die außerphysikalischen Phänomene. So schrieb einer der Kommentatoren:

Die ganze Welt wird ins Wanken geraten. Es wird nichts Sicheres, nichts Festes mehr geben, woran man sich halten könnte, sondern nur noch ungeheures, auf und ab wogendes Meer des Unbestimmten und Beliebens, auf dem man ohne Steuer und Richtpunkt verloren umhertreibt. Das ganze Weltall ist Bewegung; nirgends gibt es einen festen Punkt mehr. Wie ein windverwehtes Blatt, ohne zu wissen woher und wohin, ohne Port, ohne Ziel, flattert der Mensch in der Welt der Erscheinung dahin.

Das Verlangen nach festen Werten bildete das dumpfe Grundgefühl der Weimarer Republik. Das zeigten auch die Journalisten jener Zeit, von denen viele nicht nur gegen die Thesen, sondern auch die Person Einsteins hetzten. In seiner Darstellung unterscheidet Könneker zwischen einer wissenschaftlich korrekten, durchaus auch populärwissenschaftlichen Literatur einerseits und tendentiösen, mit dem Gegenstand kaum vertraut Schriften andererseits, die aus den wissenschaftlichen Erkenntnissen ein, Zitat, "halbgegorenes Gebräu aus Miss- und Unverstandenem" machten. Natürlich erreichten sie die meisten Leser - und produzierten zudem die größten Textmengen: 5000 Zeitungsartikel über Einstein hatte ein Beobachter allein bis 1923 über Einstein zusammengetragen.

Sorgfältig arbeitet er anhand ihrer das Lebensgefühl der Epoche heraus. Und das zeigt sich oft genug giftig. Als "Arbeitsthese von zynischer Rücksichtslosigkeit" bezeichnet etwa Oswald Spengler die Relativitätstheorie. Denn Einsteins Zweifel am klassischen physikalischen Weltbild, sei nicht mehr,

...jener schöpferische Zweifel des frühen Barock, die einem Erkenntnisziel entgegenführten; diese Zweifel gelten der Möglichkeit einer Naturwissenschaft überhaupt.

Und die Naturwissenschaft, so die herrschende Ansicht jener Jahre, zeige nur besonders deutlich, wie es um den Lauf der Welt als ganzer steht. So schrieb ein anderer Beobachter 1924:

Soviel aber ist sicher: Wir durchleben in unseren Tagen eine ethische Krise, die mit der geschilderten Krise der Erkenntnis ursächlich verknüpft ist und wie diese ihren tiefsten Grund in der durch das Fortschreiten der Kultur bedingten Relativierung aller Werte hat.

Und wenn angeblich die Ethik in Gefahr ist, ist es bald auch das gesamte Volk . So nutzten die Nationalsozialisten die Gelegenheit, sich als Retter einer bedrohten Zeit zu inszenieren. Hitler blies 1921 im "Völkischen Beobachter" persönlich zur Hatz:

Wissenschaft, einst unseres Volkes größter Stolz, wird heute gelehrt durch Hebräer, denen im günstigsten Fall diese Wissenschaft nur Mittel ist zu ihrem eigenen Zweck, zum häufigsten aber Mittel zur bewussten planmäßigen Vergiftung unserer Volksseele und dadurch zur Herbeiführung des inneren Zusammenbruchs unseres Volkes.

Hitler folgten die Demagogen zweiter, dritter, vierter Ordnung, und auch sie spuckten Gift und Galle.

Einstein ist Jude und überzeugter Jude. Da will es einem guten Deutschen nicht ein, von ihm etwas anzunehmen.

Schriller und schriller wurden die Töne. Von "jüdischer" Wissenschaft war die Rede, von "Geistesverjudung", von "Knechtung des Denkvermögens", der "Relativitätsseuche", dem "Einbruch einer artfremden Denkform". Sogar zum Mitglied einer, Zitat, "jüdischen Weltverschwörung" wurde Einstein gemacht:

Juda hat im richtigen Augenblick den Messias den Menschen geschenkt - alles durch die Relativitätslehre.

Und jemand anders schrieb, dass

Einstein von einer okkulten Autorität wenn nicht den Auftrag, so zum mindesten die Förderung zur Verblödung der Opfer Jahwehs erhalten hat.

Sicher, nicht alle ließen sich von den zunehmend parteipolitisch ausgeschlachteten Ausfällen gegen Einstein beeindrucken. Könneker führt Hermann Brochs Filmskript "Das Unbekannte X" sowie Brechts "Leben des Galilei" als Stücke aufklärerischer Literatur an. Aber was ist mit einem die Besinnung verlierenden Gottfried Benn, der, obwohl kein Antisemit, sich doch um die Auflösung des bestehenden Weltbildes Sorgen macht.

Die alten Realitäten Raum und Zeit, Funktionen von Formeln. (...) Überall imaginäre Größen, überall dynamische Phantome, selbst die konkretesten Mächte wie Staat und Gesellschaft gar nicht mehr zu fassen, immer nur der Prozess an sich, immer nur die Dynamik als solche...

Dieser Dynamik setzten die Nationalsozialisten dann ein neues Sakrales, das Volk des Dritten Reichs, entgegen. Wie dieses griff, Eingang in die Köpfe und Seelen der Massen fand, davon gibt Könnekers Buch beredtes Zeugnis. Ein heilsames, ernüchterndes Buch. Es mahnt, den Begriff der Kulturkampfes auch heute möglichst sparsam zu verwenden.

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