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StartseiteDie neue PlatteJohann Simon Mayr und sein internationaler Durchbruch 28.02.2016

Aufnahme der Oper "Saffo" Johann Simon Mayr und sein internationaler Durchbruch

Ihm kam eine wichtige musikgeschichtliche Schlüsselrolle bei der Entwicklung der italienischen Belcanto-Oper zu: Johann Simon Mayr. Sein Erstlingswerk "Saffo" ist jetzt erstmals auf CD beim Label Naxos erschienen.

Von Klaus Gehrke

Ein Notenblatt mit Füllfederhalter. (imago/Gerhard Leber)
Bis 1824 schrieb Giovanni Simone Mayr, wie er sich in Italien nannte, rund 60 Opern. (imago/Gerhard Leber)
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Vorgestellte CD:
Titel: Saffo. Opera seria in zwei Akten
Komponist: Johann Simon Mayr
Label:
naxos
Bestellnummer:
8.660367-68
EAN:
730099036771

In Italien, dem Land der Opera seria, als Ausländer einen Erfolg in diesem Bereich zu verbuchen, war schon zu Beginn des 18. Jahrhunderts eine sehr schwierige Angelegenheit. Georg Friedrich Händel hatte es geschafft, Wolfgang Amadeus Mozart dagegen nicht. Vielleicht hatte auch Johann Simon Mayr, sieben Jahre jünger als Mozart, nicht allzu viel von der Premiere seiner Oper "Saffo" im Februar 1794 am Teatro La Fenice erhofft, in dessen Orchester er Geige spielte. Doch es kam anders – mit "Saffo" schaffte Mayr den internationalen Durchbruch als Komponist.

Von Ingolstadt nach Venedig

Mayr, 1763 im oberbayrischen Landkreis Eichstätt geboren, erhielt zwar früh eine musikalische Ausbildung in Ingolstadt, wo er auch als Organist tätig war, studierte dort jedoch Theologie, Philosophie und Jura. Erst ab 1789, nachdem Mayr als Mitglied der verbotenen Illuminaten-Bewegung vor der bayrischen Polizei nach Bergamo geflohen war, fiel seine Entscheidung zugunsten der Musik. Eigentlich wollte er Kirchenkomponist werden, aus diesem Grund studierte Mayr bei Ferdinando Bertoni, dem damals berühmten Kapellmeister des Markusdoms in Venedig. Allerdings knüpfte er rasch auch enge Kontakte zur Opernszene in der Lagunenstadt. Nachdem zwei Oratorien und zwei Kantaten wohlwollend aufgenommen worden waren, wandte Mayr sich erstmals dem Bereich der Oper zu: für die Karnevalssaison 1794 erhielt er den Auftrag zu einem neuen Werk für das Teatro La Fenice. Dafür griff Mayr auf eine Geschichte über die antike griechische Dichterin Saffo zurück. Diese steht zwischen ihrer einstigen Jugendliebe, dem Jäger Faone, und dem sie bewundernden Dichter Alceo. Alle drei kommen zum Tempel der Stadt Leukos, wo die Priesterin Phytia ein Orakel des Apollo verkünden soll. In der Auftrittsarie im ersten Akt schildert Saffo ihre Liebesqualen mit hoch virtuosen Koloraturen.

Sopran statt Sopranist

Faone hatte Saffo einst wegen Cirene verlassen, die er heirate. Nach deren Tod hofft Saffo, den Geliebten wieder zu gewinnen; doch der kann seine Frau nicht vergessen. Faones Zurückweisung empfindet die Dichterin wie ein Todesurteil. Die Besetzung des Faone mit einer hohen Stimme, in dieser Aufnahme gesungen von der Sopranistin Jaewon Yun, verweist auf die Zeit, in der Mayrs "Saffo" entstand: Die dramatische Opera seria gehörte im Italien des späten 18. Jahrhunderts noch ebenso zur festen Bühnentradition wie der Einsatz von Kastraten für Hauptpartien.

Auch Wolfgang Amadeus Mozart konzipierte 1791 in seiner Oper "La Clemenza di Tito" die Partie des Sesto für einen Sopranisten. Beide werden heute in der Regel als sogenannte 'Hosenrollen' mit Sängerinnen besetzt. Stilistisch verband Mayr die Musik Mozarts mit den italienischen Kantilenen, wie sie etwa Niccolo Piccini in seinen Werken einsetzte, und formte daraus einen eigenen Stil; dieser wurde später zu einem wichtigen Vorläufer des italienischen Belcanto. In seinem Opernerstling "Saffo" ist davon noch wenig zu spüren; das Finale des ersten Aktes etwa klingt vielmehr nach Mozart.

Einst gefeiert, heute vergessen

Die Premiere seiner Oper "Saffo" am 18. Februar 1794 im Teatro La Fenice wurde für Johann Simon Mayr ein großer Erfolg und bedeutete für ihn den eigentlichen Durchbruch als Komponist. Von da an konnte er sich vor Auftragswerken kaum noch retten: bis 1824 schrieb Giovanni Simone Mayr, wie er sich in Italien nannte, rund 60 Opern. Viele von ihnen wurden nicht nur in seiner Wahlheimat, sondern auch in ganz Europa höchst erfolgreich nachgespielt. Mit der neuen Belcanto-Komponistengeneration, zu der Gioacchino Rossini, Vincenzo Bellini und sein Schüler Gaetano Donizetti gehörten, begann Mayrs Ruhm zu verblassen.

1824 zog er sich von der Opernbühne zurück und schrieb nur noch geistliche Werke. Als der Komponist 1845 in Bergamo starb, waren die meisten seiner Opern bereits von den Spielplänen verschwunden. Erst im Vorfeld zum 250. Geburtstag Mayrs 2013 begannen Musikwissenschaftler und Interpreten sich wieder verstärkt mit dessen in Vergessenheit geratenem Werk zu beschäftigen – unter ihnen auch der Simon Mayr Chor mit seinem Gründer und Leiter Franz Hauk und das Ensemble Concerto de Bassus.

Franz Haugs Lesart der Partitur erfolgt nach den Gesichtspunkten der historisch informierten Aufführungspraxis, mit der sowohl die Solisten als auch Chor und Orchester bestens vertraut sind. Sowohl Andrea Lauren Brown, Jaewon Yun und Markus Schäfer als auch Marie-Sande Papenmeyer als Phytia, Katharina Ruckgaber als Laodamia und Daniel Preis als Euricleo singen mit hohem Artikulationsvermögen und technischem Können; das Gleiche gilt für den Simon Mayr Chor, der von Mitgliedern des bayrischen Staatsopernchores unterstützt wird.

Auch das Ensemble Concerto de Bassus, das mit seinem Namen an den Freund und Gönner des jungen Mayr Thomas de Bassus erinnert, begleitet mit einer sehr fein nuancierten und differenzierten Klangpalette; Liebesfreud und Leid der Protagonisten werden sensibel ausgeleuchtet. Ob Mayrs "Saffo", die nach einigen dramatischen Zuspitzungen letztlich in die Arme ihrer Jugendliebe sinken kann, heute auf der Opernbühne noch bestehen könnte, darf bezweifelt werden; seine lange vergessene Musik mit dieser Aufnahme wieder erlebbar gemacht zu haben, ist dagegen ein unbestrittener Verdienst von Franz Hauk, Solisten, Chor und Orchester.

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