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StartseiteKommentare und Themen der WocheDarf man drucken, muss aber nicht17.05.2018

Aufregung um Netanjahu-KarikaturDarf man drucken, muss aber nicht

Wer die Bildsprache der Antisemiten zitiere, müsse damit leben, dass Fragen gestellt werden, kommentiert Stefan Koldehoff die Kritik an der Süddeutschen Zeitung für eine Netanjahu-Karikatur.

Von Stefan Koldehoff

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Die Zeichnung des Karikaturisten Dieter Hanitzsch zeigt den israelischen Premierminister Benjamin Netanjahu in Gestalt der Gewinnerin des Eurovision Song Contest, Netta. (Deutschlandfunk / Michael Borgers)
Die "Süddeutsche Zeitung" hatte sich nach massiver Kritik an dieser Darstellung bereits öffentlich dafür entschuldigt. (Deutschlandfunk / Michael Borgers)
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Ja, man darf Benjamin Netanjahu mit großer Nase, großen Ohren, großen Tränensäcken karikieren. Ja, man darf im Schriftzug "Eurovision" das V durch den jüdischen Davidstern ersetzen. Und ja: Man darf den traditionellen Pessach-Wiedersehenswunsch "Nächstes Jahr in Jerusalem" auch mit einer drohend in der Hand gehaltenen Rakete - noch mal mit Davidstern - verbinden.

Wir leben in einem Land, in dem die Presse- und die Kunstfreiheit hohe Güter sind, die sogar die Verfassung schützt. Deshalb darf bei uns auch Mohammed mit Bombenturban dargestellt, in der "heute show" ein Osterhase ans Kreuz genagelt - und auch Benjamin Netanjahu als bedrohliche Witzfigur karikiert werden. So erlaubt wie diese Bilder ist auch die Kritik an ihnen.

Erinnerung an antimsemitische Hetzbilder

Ob es aber klug ist, alles, was erlaubt ist, auch tatsächlich zu tun, ist eine andere Frage. Jüdische Verbände erinnert die Netanjahu-Darstellung als mächtiger bewaffneter Jude mit stereotyper Physiognomie an antisemitische Hetzbilder aus der Zeit des Nationalsozialismus. Ob sie so gemeint war, spielt dadurch keine Rolle mehr: Das ist wie mit dem N-Wort, über dessen Gebrauch nicht Menschen mit weißer, sondern mit schwarzer Haut zu entscheiden haben.

Im aktuellen Fall genügt es, dass die Netanjahu-Karikatur von mittelbar Betroffenen - von jüdischen Menschen - als Nachfolgebild jener menschenverachtenden Propaganda gesehen wird, die in Deutschland ideologisch den millionenfachen Massenmord an jüdischen Erwachsenen und Kindern vorbereitet hat. Damit darf man sie zwar drucken - man muss es aber nicht.

Chefredakteur nennt Bildsprache einen Fehler

Der Chefredakteur der "Süddeutschen Zeitung" hat die Verwendung einer solchen, sicher unbewussten, Bildsprache einen Fehler genannt. Dass es nicht der erste dieser Art in der SZ war, hat er nicht geschrieben. Erst vor einem Jahr illustrierte das Blatt Rezensionen israelkritischer Bücher mit einem gehörnten grünen Monster, das ein Messer in der Hand hält. Und als vor drei Jahren Facebook den Nachrichtendienst WhatsApp übernahm, folgte eine Karikatur des jüdisch-gläubigen Konzernchefs Marc Zuckerberg als gieriger Kraken - mit Hakennase und Tentakeln, die wie Schläfenlocken aussahen.

Der Zeichner und Karikaturist Dieter Hanitzsch (2012). (dpa / Frank Leonhardt)Der Zeichner und Karikaturist Dieter Hanitzsch (dpa / Frank Leonhardt)

Damals war von einem Missverständnis die Rede. Heute erklärt Karikaturist Dieter Hanitzsch zu seiner Netanjahu-Darstellung, der Vorwurf des Antisemitismus treffe ihn nicht: "Habe es so nicht gemeint. Die Politik Netanjahu möchte ich kritisieren können, auch als Deutscher." Dieses Recht stellt niemand in Frage.

Abdruck trotz berechtigter Zweifel

Wer die Bildsprache der Antisemiten zitiert, muss aber damit leben, dass Fragen gestellt werden. Auch an die Redaktion der "Süddeutschen": Warum sie das Bild trotz vorher diskutierter berechtigter Zweifel gedruckt hat. Und vielleicht auch, ob es nicht andere, neue, originelle, witzige Bilder für berechtigte Kritik an der Politik des Staates Israel und seines Ministerpräsidenten geben könnte.

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