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StartseiteBüchermarktAufruf zu Toleranz30.05.2006

Aufruf zu Toleranz

Lehrreiches Kunstmärchen von Amos Oz

In seinem Märchen "Plötzlich tief im Wald" greift Amos Oz bekannte Motive klassischer Märchen auf und setzt sie in Beziehung zu den alttestamentarischen Mythen von Sündenfall und Paradies wie den Einsichten der griechischen Orphik. So ist eine Parabel über die Entfremdung von Mensch und Natur sowie die menschliche Schuld entstanden, eine poetische Erzählung vom Sieg der Freiheit.

Von Jochen Rack

Brüder-Grimm-Denkmal in Hanau: Amos Oz lehnt sich nur zum Teil an Volksmärchen an. (AP)
Brüder-Grimm-Denkmal in Hanau: Amos Oz lehnt sich nur zum Teil an Volksmärchen an. (AP)

Es war einmal ein Dorf, in dem es keine Tiere gab. So könnte man das Märchen zusammenfassen, das Amos Oz in seinem Buch "Plötzlich tief im Wald" erzählt.

Der Titel erinnert an die Topologie Grimmscher Märchen, in denen nicht selten Wald und Dorf den Gegensatz von Natur und Kultur, von Zivilisation und Wildnis symbolisieren. Der Wald ist der Ort der Tiere, ihr natürlicher Lebensraum, der einer dem Menschlichen entgegengesetzten Ordnung unterliegt. Geheimnis und Zauber gehören zum Wald, und wenn sich Kinder in ihn verlaufen, wird er nicht selten zum Schauplatz einer wunderbaren Verwandlung.

Genauso ergeht es Mati und Maja, den beiden Kindern, die aus ihrem Dorf ausziehen, um im Wald die verdrängte Wahrheit über ihre Kultur wiederzufinden. Im Dorf nämlich hat vor langer Zeit eine ungeheure Katastrophe stattgefunden: Eines nachts flohen daraus alle Tiere, vom geliebten Hund des Fischers - der seinen Beruf fortan nicht mehr ausüben kann, weil auch die Fische aus den Flüssen verschwanden -, über die Nutztiere - Ziegen, Kühe, Schafe - bis zu den kleinsten Insekten, sogar den Holzwürmern, deren "leises Nagen" einmal den Schlaf des Fischers begleitete. Ein wahrhaft apokalyptisches Ereignis, für das die Dorfbewohner den bösen Berggeist Nehi verantwortlich machen: Nachts soll er der Sage nach durchs Dorf gehen und Angst und Schrecken verbreiten.

In dem von den Tieren verlassenen Dorf aber herrscht seit jenem verhängnisvollen Tag eine traurige Stimmung. Kein Tierlaut ist zu hören, eine gespenstische Stille liegt über dem Leben, und nur eine als sonderlich verschriene Lehrerin, die ihren Schülern von Tieren erzählt, die diese nie gesehen haben, und der vermeintlich geistesgestörte Nimi, der nach einem Ausreißen in den Wald wiehernd wie ein Pferd ins Dorf zurückkam, erinnern an die verlorene Gemeinschaft mit den Tieren. Die Eltern wollen von dem schrecklichen Geschehen nichts wissen und antworten, wenn sie gefragt werden, mit einer Mischung aus Verharmlosung und Verleugnung:

"Also, Mati, es ist so. Hier sind einmal alle möglichen Dinge geschehen. Dinge, auf die wir nicht stolz sein können. Aber nicht jeder ist schuldig. Und bestimmt sind wir nicht alle gleichermaßen schuldig. Außerdem, wer bist du, daß du über uns richten könntest? Du bist noch klein. Du hast kein Recht, über uns Erwachsene zu richten. Und wer hat dir überhaupt erzählt, daß es einmal Tiere gab? Vielleicht gab es sie. Vielleicht aber gab es sie nie. Es ist soviel Zeit vergangen. Wir haben es vergessen, Mati. Wir haben es vergessen, das ist alles. Laß es. Wer hat schon die Kraft, sich zu erinnern? Jetzt geh und hole ein paar Kartoffeln aus dem Keller, und hör auf zu fragen. "

Was aber war der Grund für den Exodus der Tiere? Der Märchenerzähler deutet eine schuldhafte Verfehlung der Menschengesellschaft an, die für Außenseiter und Menschen mit abweichender Lebensart und Gesinnung nur Hohn und Spott übrig hat. Der Auszug der Tiere aus dem Dorf erscheint so als Strafe für deren frevelhafte Selbstüberhebung und die Diffamierung derer, die nicht in die engen Grenzen ihrer Vernunft passen.

Oz' Märchen ist auch eine Parabel über den Preis fehlender Toleranz und menschlicher Engstirnigkeit. Die Erwachsenen wollen von ihrer schuldbeladenen Vergangenheit nichts wissen, es sind die Kinder Mati und Maja, die sich über die Tabus und psychischen Abwehrmechanismen hinwegsetzen und sich im Wald auf die Suche nach den Tieren machen.

Oz' Märchen macht dem Leser eindringlich bewusst, wie trostlos eine Menschenwelt ohne Tiere sein würde - eine Welt, in der der Mensch ausgestoßen ist aus der Schöpfung, sich selbst und der Natur fremd geworden. Man mag bei dieser Parabolik an Adorno denken, der in einer naturvergessenen Vernunft das Unheil sah und seine Hoffnung auf das "Eingedenken der Natur im Subjekt" setzte. Eben diese Hinwendung zu den Tieren, zum Anderen der Vernunft, dem fremden Leben der Natur erscheint auch in Oz' Märchen als Perspektive der Rettung. Seine Beschreibungen der Tiere sind von einer großen Zärtlichkeit und Beobachtungsschärfe:

"In jener Nacht verschwand auch Sito für immer, Almons treuer Hund, ein äußerst gefühlvoller, zugleich aber auch überaus klar denkender Hund, ein ruhiger Hund, ein Hund mit einem braun-weißen und einem vollständig braunen Ohr. Diese Ohren konnte er nach vorne drehen, und manchmal, wenn er sich ganz besonders anstrengte, um zu verstehen, was geschah, berührten sie sich sogar. Dann sah er ernst aus, geradezu gebildet und sehr, sehr nachdenklich, wie ein Forscher, der sich mit aller Kraft konzentriert und es fast, es beinahe fast schafft, eines der Rätsel der Wissenschaft zu lösen."

Eine Stelle wie diese zeigt, was Oz' Kunstmärchen von den klassischen Volksmärchen unterscheidet: Die erzählerische Genauigkeit, der Zug zur Subjektivität, der das Archetypische des Märchens sprengt. Was sich im klassischen Märchen zum Symbol verdichtet, wird in Oz' Märchen zur intensiven Beschreibung; so vertieft sich der Erzähler in die Gefühls- und Gedankenwelt der Kinder, schildert plastisch und dicht ihre Erfahrung der Angst wie der Freude, als sie die Grenzen ihrer von Verboten, Verdrängungen und Vergessen gezogenen Welt überschreiten und im Wald in einer Art Garten Eden die Tiere wiederfinden.

Nehi, der von den Dorfbewohnern diffamierte Berggeist, zeigt sich dort als gutmütiger Greis, der es geschafft hat, die Sprache der wilden Tiere zu lernen, sie zu domestizieren und zu einem friedlichen Zusammenleben zu erziehen. Eine Utopie, die an die alttestamentarische Prophezeiung des Jesaja erinnert: Der Löwe grast friedlich neben dem Schaf. Es ist die messianische Vision eines Harmonie von Mensch und Schöpfung, die aus der aufblitzenden Erkenntnis der Verwandtschaft mit den Tieren entspringt, eine Erfahrung von Mitleid und Empathie, die Mata und Maja bei der Beobachtung eines Fisches machen:

"Ein kleiner Fisch war es gewesen, ein Fischchen, so lang wie ein halber Finger, und er hatte silberne Schuppen und Flossen gehabt, so zart wie Spitzen, und durchsichtige, zitternde Kiemen. Ein rundes weit offenes Fischauge hatte Maja und Mati einen Moment lang angestarrt, als wolle es ihnen bedeuten, daß wir alle, alle Lebewesen auf diesem Erdball, Menschen und Vieh, Vögel und Kriechtiere und Fische, wir alle, verwandt miteinander sind, trotz unserer ganzen Verschiedenartigkeit… wir alle, Vogel und Wurm, Katze und Kind und Wolf, wir alle versuchen fast immer, uns, soweit es geht, vor Schmerzen und Gefahren zu schützen, und dennoch bringen wir alle uns immer wieder in Gefahr, jedes Mal, wenn wir uns aufmachen, um nach Nahrung zu suchen, um zu spielen, wenn wir Abenteuer wollen, Aufregung, Macht und Vergnügen. - Somit, sagte Maja, nachdem sie diesen Gedanken einige Zeit verfolgt hatte, somit könnte man vielleicht sagen, daß wir alle, ohne Ausnahme, in einem Boot sitzen: nicht nur alle Kinder, nicht nur alle Menschen im Dorf, nicht nur alle Menschen auf der ganzen Welt, sondern alle Lebewesen. Wir alle. Und ich frage mich, ob die Pflanzen nicht vielleicht auch Verwandte von uns sind, weit entfernte Verwandte. - Und der, der andere Mitreisende verspottet oder sie quält, sagte Mati, ist eigentlich der Dumme, der dem ganzen Boot schadet. Denn es gibt für keinen ein anderes Boot."

Oz greift bekannte Motive klassischer Märchen auf und setzt sie in Beziehung zu den alttestamentarischen Mythen von Sündenfall und Paradies wie den Einsichten der griechischen Orphik. Die Moral seines tiefgründigen und anspielungsreichen Märchens kann man ebenso mit ökologischen Überlegungen wie ethischen Forderungen nach Toleranz und Anerkennung des andern verbinden. Eine Parabel über die Entfremdung von Mensch und Natur ebenso wie über das Thema "Vergangenheitsbewältigung", in der sich Deutsche wie Israeli mit ihren je eigenen Schuldkomplexen wiederfinden.

Oz' Philosophie im Märchengewand mündet in einen den Appell für den respektvollen Umgang mit den Tieren und dem Plädoyer gegen die Ausgrenzung Andersdenkender. Eine poetische Erzählung vom Sieg der Freiheit über die Zwänge des Mythos.

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