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Aufruf zum UmsturzSeid rebellisch!

Alain Badiou galt lange Zeit als einer der führenden Köpfe des französischen Maoismus. Heute bezeichnet er sich selbst als unorthodoxen Kommunisten. Zweifellos gehört der Philosoph und Mathematiker zu den prominentesten französischen Intellektuellen. Sein neuestes Buch ist ein "Versuch, die Jugend zu verderben" - ein Appell, die Welt zu verändern.

Von Günter Kaindlstorfer

Alain Badiou, berühmter Philosoph, ehem. Direktor des Institutes für Philosophie an der École normale supérieure (ENS) in Paris und ehem. Professor der philosophischen Fakultät der Universität Paris VIII. (imago stock&people)
Alain Badiou, berühmter Philosoph, ehem. Direktor des Institutes für Philosophie an der École normale supérieure (ENS) in Paris und ehem. Professor der philosophischen Fakultät der Universität Paris VIII. (imago stock&people)

Die Welt ist nicht gut, so, wie sie ist. Das ist Alain Badious Prämisse. Da will man ihm nicht widersprechen. Die Jugend, so Badiou weiter, sei in besonderem Maße aufgerufen, das Alte in Frage zu stellen und eine neue, gerechtere Welt zu erkämpfen.

Natürlich weiß der große, alte Mann des französischen Marxismus, dass sein Appell an die Jahrgänge 1990 aufwärts nicht unproblematisch ist.

"Mal ehrlich, ich bin neunundsiebzig Jahre alt. Was zum Teufel bringt mich dazu, von der Jugend zu sprechen? Und woher dann auch noch der Wunsch, mich direkt an die jungen Leute zu wenden? Sollten vom Jungsein nicht die Jungen selbst sprechen?"

Sollten sie wahrscheinlich schon. Aber es kann nicht schaden, wenn ein prominenter Weltverbesserer wie Opa Badiou dem ideologisch desorientierten Nachwuchs zeigt, wo’s philosophisch langgeht. Schließlich war der einstige Adept des großen Vorsitzenden Mao auch mal jung.

Hedonistisch und angepasst?

Die Jugend von heute sei zwar freier aufgewachsen als alle Generationen vor ihr, stellt Badiou fest, allerdings bringe die spätkapitalistische Bindungslosigkeit, in der der heutige Nachwuchs lebt, auch Probleme mit sich. Der Pariser Philosoph sieht die nachwachsenden Generationen zweierlei Gefährdungen ausgesetzt: anarchischem Hedonismus auf der einen und marktschlüpfrigem Karrierismus auf der anderen Seite.

"Als ersten Feind könnte man die 'Leidenschaft für das unmittelbare Leben' nennen. Die Leidenschaft für das Spiel, für den Genuss, für den einen Moment, die eine Melodie, das nächste Abenteuer, den nächsten Joint, das nächste sinnlose Geplänkel. [...] Die zweite innere Bedrohung für die Jugend ist das genaue Gegenteil der ersten...", warnt der Philosoph weiter:

"Diese zweite Bedrohung ist die Leidenschaft für den Erfolg, der Wunsch, reich und mächtig zu werden, ein angenehmes Leben zu führen. Man sehnt sich nicht mehr danach, in der Unmittelbarkeit zu verglühen, sondern danach, eine gute Stellung in der gegebenen Ordnung einzunehmen."

Für Alain Badiou sind beide Optionen problematisch.

Motivation zum Umsturz

Gelte es doch, nach dem "wahren Leben" zu streben, nach einem Leben, "für das es sich wirklich zu leben lohnt". Für den Pariser Marxisten steht außer Frage, dass man sich, will man ein solches Leben führen, im Kampf um eine bessere Welt bewähren muss.

Und so ist Alain Badious "Versuch, die Jugend zu verderben", zuallererst eine Agitationsschrift. Der Philosoph will die jungen Leute zu umstürzlerischer Aktionsbereitschaft motivieren. Stichwort: Eine andere Welt ist möglich.

"Nichts ist für uns alle, besonders aber für die Jugend, wichtiger, als auf die Zeichen zu achten, die andeuten, dass etwas anderes geschehen könnte als das, was bereits geschieht."

"Neue Vorstellung vom kollektiven Leben"

Es ist eine eigenartige Form von revolutionärem Romantizismus, die Alain Badiou in seinem hundert Seiten starken Essay formuliert:

"Es gibt die Dinge, zu denen man fähig ist [...] Und es gibt die Dinge, von denen man noch gar nicht weiß, dass man zu ihnen fähig ist. Diese Dinge sind für die zukünftige egalitäre Symbolisierung die wichtigsten. Auf sie stößt man, wenn etwas Unvorhergesehenes passiert.[...] Diese Einsicht, dass man Dinge tun kann, von denen man nicht geglaubt hat, dass man sie tun kann, kommt einem auch, wenn man an einem Aufstand teilnimmt, um eine neue Vorstellung vom kollektiven Leben zu unterstützen."

Jugendliche Männer und frühreife Mädchen

Alain Badious räsoniert auf den ersten fünfzig Seiten seines Essays über die generationsspezifische Prädisposition junger Leute für politische Veränderungen. Auf den restlichen fünfzig Seiten beschreibt er die unterschiedlichen Ausgangspositionen, die junge Männer und Frauen in der globalisierten Welt von heute haben.

In traditionellen Gesellschaften hätten junge Männer den Übergang vom Jugendlichen- zum Erwachsenenalter durch Initiationsriten wie den Militärdienst absolviert. Diese Erfahrung falle heute häufig weg, so Badiou. Die Folge: Ohne wirkungsvolle Initiation verharrten die männlichen Jugendlichen in einem Zustand unendlicher Adoleszenz. Die jungen Frauen dagegen seien frühreifer:

"Mädchen sind unglaublich begabt dafür, all das, was man ihnen im Kindes- oder Jugendalter abverlangt, anstandslos und zur vollsten Zufriedenheit zu erledigen. Ganz von selbst sind diese Mädchen über ihr jeweiliges Alter schon immer weiter hinaus. Die Söhne mögen heute für immer unreif bleiben, die Töchter hingegen sind schon immer erwachsen."

Sind sie das wirklich? Die Unbekümmertheit, mit der Alain Badiou über "die Söhne" und "die Töchter" spricht, hat in ihrem pauschalisierenden Zugriff auf Fragen der Gender-Identität etwas bestürzend Undifferenziertes.

Wie auch immer, Badious Agitationsschrift, so lässt sich mutmaßen, dürfte vor allem den Veteraninnen und Veteranen der 68er-Bewegung gefallen: ein hübsches Bändchen, das die APO-Oldies ihren Söhnen und Töchtern - nein, man muss realistischerweise wohl sagen: ihren Enkeln, auf den geburtstäglichen Gabentisch legen könnten. Schließlich sagt den jungen Leuten heute kaum mehr jemand offensiv, was Sache ist. Alain Badiou traut sich das noch.

Alain Badiou: "Versuch, die Jugend zu verderben" 
edition suhrkamp, 111 Seiten,  10,00 Euro.

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