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StartseiteBüchermarktAufstieg aus dem Untergang. Apokalyptisches Denken und die Entstehung der modernen Naturwissenschaft im Mittelalter17.06.2002

Aufstieg aus dem Untergang. Apokalyptisches Denken und die Entstehung der modernen Naturwissenschaft im Mittelalter

C.H. Beck, 262 S., 18 Abb., geb., EUR 44,-

Es ereignete sich Mitte des 14. Jahrhunderts, als Markgraf Karl von Mähren vor dem drohenden Weltuntergang erschrak. Nichts konnte ihn davon abhalten, an das vermeintlich besiegelte Schicksal der Menschheit zu glauben. Weder waren Pest, Sintflut, Feuersbrünste noch Erdbeben, die ihn in Angst und Schrecken versetzten. Nein, es war ein Heuschreckenschwarm, der ihm als Vorboten des Jüngsten Gerichts erschien. Später notierte der Markgraf, der bald darauf zum Kaiser Karl IV gekrönt wurde, wie er sich eilends aufs Pferd schwang, um das Ausmaß der Gefahr einzuschätzen:

Klaus Englert

Es war aber sieben Meilen die Länge und seine Breite war nicht zu überschauen. Ihre Stimme erklang wie lärmendes Tosen, ihre Flügel waren beschrieben wie mit schwarzen Lettern; sie flogen dicht wie geballter Schnee, so daß man die Sonne nicht sehen konnte. Ein gewaltiger Gestank ging von ihnen aus. Und sie teilten sich: die einen flogen nach Bayern, die anderen nach Franken, noch andere zur Lombardei und dorthin und dahin in die ganze Welt. Und sie vermehrten sich; denn zwei erzeugten zwanzig des Nachts und noch mehr; und waren sie anfangs klein, so wuchsen sie rasch (...). Zu jener Zeit starben binnen zwei Monate meine Schwester und mein Schwager, der Herzog von Österreich.

Der Frankfurter Historiker Johannes Fried erzählt diese Geschichte in seinem Buch Aufstieg aus dem Untergang. Apokalyptisches Denken und die Entstehung der modernen Naturwissenschaft im Mittelalter. Er berichtet von einer Zeit, die in vielen Naturphänomenen Unheilsbotschaften, ja sogar das Kommen des Weltgerichts erblickte. Für Johannes Fried war das apokalyptische Denken des Mittelalters wie ein unterschwelliges Beben unterhalb der ruhigen Oberfläche des Alltagslebens. Niemand war vor diesen Gefahren gefeit. Jeder Augenblick konnte vom Ende der Welt künden. Fried:

Ich denke, daß die mittelalterliche Naturphilosophie durch zwei Phänomene geprägt ist. Zum einen durch die Tradition apokalyptischen Denkens im Sinne einer theologischen Konzeption von Weltgeschichte, von Erwartung eines künftigen Unterganges (...), aber auch durch die Tradition, daß dieser Untergang durch sinnlich wahrnehmbare natürliche Phänomene angekündigt wird, also etwa durch Sonnenfinsternisse, durch schwere Naturkatastrophen wie etwa schwere sintflutartige Regenfälle, durch meteorologische Phänomene oder durch große Konjunktionen, also das Auftreten von mehreren Planeten in einem bestimmten Sektor des Himmels.

Der drohende Weltuntergang war eine Herausforderung der mittelalterlichen Wissenschaften. Die natürlichen Phänomene mußten aber als Zeichen richtig gedeutet werden. So suchten die Gelehrten alle Wissensquellen zu erschließen, die verläßliche Informationen über das Datum des Weltuntergangs liefern konnten: philologische Textanalyse, Kalenderberechnung und Beobachtung der Himmelskörper. Fried:

Dass diese sichtbaren Phänomene einen Appell an das Verstehen der Menschen, einen Appell an die natürliche Vernunft, an die Fähigkeit, diese Phänomene rational erklären zu können, dargestellt haben - dies scheint mir entscheidend zu sein.

Die Fragen der Zeit waren drängend und gingen offenbar jeden an. Vermochte man wirklich zu wissen, wieviel Zeit bis zum Ende blieb? Und wie sollte man die wirklichen Zeichen erkennen, vor allem in einer Welt, die vor lauter Zeichen wimmelte? Johannes Fried beschreibt in seinem Buch, wie die Anfänge der modernen Wissenschaften bei dem Versuch entstanden, diese Fragen präzis zu formulieren und zu beantworten.

In zahllosen Beispielen zeigt Johannes Fried, daß die Angst vor dem Untergang die Menschen keineswegs lähmte, ganz im Gegenteil, es entstand ein "unbändiges Wissenwollen." Immer mehr Fachgebiete wurden von der Apokalyptik angestoßen:

Und diese Aufklärung verselbständigt sich. Die konkreten Berechnungen der Sternkonstellationen, die Frage ‚wann das wieder auftritt', ‚in welchen Rhythmen das auftritt', ‚wie die Planeten laufen', ‚welche Konditionen sie haben, um so zu laufen, wie wir sie wahrnehmen' und derartige Phänomene mehr - das sind Appelle an die Mathematik, an die Trigonometrie, an die Raumvorstellung, an die Kosmologie, an die Modellbildung für Kosmos und ähnliche Phänomene mehr; und das wirkt stimulierend für eine ganz rationale, im Sinne der späteren Aufklärung sich entwickelnden Naturforschung.

Nicht nur neue Wissenschaften entstanden, auch gelangte man zu verbesserten Methoden, die halfen, die ehemaligen Fehlprognosen zu vermeiden. So versuchten die Forscher die Verfahren der Mathematik, Naturphilosophie und Astronomie zu kombinieren, um verläßliche Berechnungsgrundlagen zu erhalten.

Als Ziel dieser Entwicklung sieht Johannes Fried die Genese der modernen Naturwissenschaften mit ihrer ständigen Prüfung der Fakten. Allerdings warnt der Autor vor übereilten Schlußfolgerungen: Die fortschreitende Säkularisierung hat die Apokalypse nicht überflüssig gemacht, sie wurde vielmehr durch den Rationalitätsschub mehr und mehr moderiert. Als Beispiel nennt Fried den bislang als Heros der modernen Naturwissenschaft geltenden Isaac Newton. Dieses einfache Bild gilt es jetzt zurechtzurücken. Fried:

Newton war der Ziehsohn eines Pastors, er war völlig aufgewachsen in religiösen Kategorien und gleichzeitig ein rationaler, naturwissenschaftlicher Denker und Forscher, der keine Verbindung zwischen transzendentem Wirken und irdischer Realisation ins Auge gefaßt hat. Gleichwohl hatte er apokalyptisch gedacht, gleichwohl hatte er Deutungen der Apokalypse und des Buches Daniel vorgenommen. Sie haben ein wunderschönes Beispiel von Newton in seiner Auslegung der Apokalypse und der Stelle, in der die Heuschrecken in der Apokalypse des Johannes erwähnt werden: Er sagt, die Heuschrecken werden zwei Mal erwähnt. Die Heuschrecke lebt 150 Tage, zwei Mal erwähnt heißt 300 Tage, Tage für Jahre genommen heißt 300 Jahre. Die Heuschrecke symbolisiert den Islam, folglich habe ich 300 Jahre islamischer Herrschaft zu suchen in der Weltgeschichte. Ich finde sie vom 7. bis 10. Jahrhundert. Newton, Originalton.

Isaac Newton war in seinen frühen Forscherjahren noch tief ins eschatologische Denken des Mittelalters verstrickt. Gott hieß für ihn die Ursache der Planetenbewegungen, der Gravitationskräfte und der kosmischen Harmonie.

Erst mit der Zeit überwog bei Newton die exakte Naturerkenntnis gegenüber der Bibelkunde. Die wissenschaftliche Forschung trennte sich also zusehends von der Apokalyptik. Fried:

Das sind natürlich Hinweise darauf, wie sich das naturwissenschaftliche Denken verwandelt hat, wie hier das historische Denken sich säkularisiert, und jetzt alle Veränderungen, mit denen wir zu rechnen haben im Sinne einer heilsgeschichtlichen Entwicklung nur noch auf der Erde stattfinden, nicht mehr transzendent begründet sind.

Johannes Frieds Buch Aufstieg aus dem Untergang ist ein mit stupenderer Gelehrsamkeit geschriebener Essay, der alle Verästelungen apokalyptischen Denkens im Mittelalter aufspürt. Deshalb sollte man von dem Büchlein nicht erwarten, die apokalyptischen Traditionen auch außerhalb des Abendlandes und in der Gegenwart ausgebreitet zu finden. Dennoch, in wenigen Sätzen streift Fried einige hochaktuelle Erkenntnisse. Gegen Ende des Essays liest man, daß im 13. Jahrhundert, als sich die Wissenschaft peu à peu vom Glauben zu emanzipieren versuchte, in der islamischen Welt eine völlig gegenläufige Entwicklung entstand: Die Ausbreitung eines religiösen Fundamentalismus, der die bislang führende arabische Gelehrtenwelt als feindselig bekämpfte. Es ist ein Kampf, der offenbar außerordentlich erfolgreich bis zum heutigen Tage ausgefochten wird. Im Gespräch muß Johannes Fried eingestehen, daß sogar das 20. Jahrhundert seine apokalyptische Renaissance hatte. Dies trifft besonders auf das mythengeschwängerte Dritte Reich zu, dessen Name auf den Apokalyptiker Joachim von Fiore zurückgeht, der damit den dritten Status - das Zeitalter des Heiligen Geistes - in den Abfolgen der Heilsgeschichte bezeichnete:

Ich habe durchaus den Eindruck, daß manche Züge des Dritten Reiches eschatologisch vorgeprägt sind. Was nicht unbedingt sagt, daß die Größen des Dritten Reichs Apokalyptiker waren, sondern daß die Denktraditionen, in denen sie stehen, daß die Geschichtstraditionen, an denen sie selbst anknüpfen, geprägt waren von der aus dem Mittelalter oder aus noch früherer Zeit kommenden Eschatologie und Apokalyptik, und daß von daher manch ein Gedanke, manch eine Vorstellung, manch ein Handlungsimpuls vorgegeben war.

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