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Seit 06:50 Uhr Interview
StartseiteInterview"Kommunikativ und zurückhaltend"12.01.2017

Auftakt für Elbphilharmonie"Kommunikativ und zurückhaltend"

Mit einem Festakt ist die Elbphilharmonie in Hamburg gestern Abend eröffnet worden. Unter den 2.000 Gästen war auch der ehemalige Erste Bürgermeister der Stadt, Ole von Beust. Besonders fasziniert habe ihn, wie "kommunikativ und in der ganzen Gestaltung sich zurücknehmend" das Gebäude trotz seiner Größe wirke, sagte von Beust im DLF.

Ole von Beust im Gespräch mit Jasper Barenberg

Ole von Beust, der ehemalige Erste Bürgermeister von Hamburg (picture alliance / Daniel Reinhardt / dpa)
Ole von Beust, der ehemalige Erste Bürgermeister von Hamburg (picture alliance / Daniel Reinhardt / dpa)

Abgesehen von der hervorragenden Akustik sei es vor allem die Architektur des Konzertsaales, die ihn begeistert habe, betonte von Beust (CDU). Der um die Bühne konstruierte Rundbau sei weder erschlagend, noch erdrückend. Er biete - im Gegenteil - einen guten Blickkontakt zu den anderen Zuschauern und sei zudem sehr "demokratisch", weil es keine Ehrenplätze im klassischen Sinne gebe. 

Ungeachtet aller anfänglichen Probleme habe sein Nachfolger Olaf Scholz (SPD) das Projekt Elbphilharmonie zu einem guten Ende gebracht, sagte von Beust: "Er konnte unbelastet daran gehen, so war es für ihn etwas einfacher." Von Beust unterstrich, für ihn selbst sei der Neubau in erster Linie auch ein architektonisches Wahrzeichen für die Stadt Hamburg, unabhängig vom kulturellen Inhalt des Konzerthauses. 


Das komplette Interview zum Nachlesen:

Jasper Barenberg: Am Telefon begrüße ich den ehemaligen Ersten Bürgermeister von Hamburg. Einen schönen guten Morgen, Ole von Beust.

Ole von Beust: Hallo. Guten Morgen.

Barenberg: Wir haben schon ein bisschen was aus musikalischer Sicht gehört. Wie haben Sie das Eröffnungskonzert gestern erlebt?

von Beust: Ich hatte anscheinend einen glücklicheren Platz als Ihr Kollege eben.

Barenberg: Das ist schon mal gut.

von Beust: Das ist immer gut, weil ich den Sänger, den er ansprach, von vorne sah, und daher die Akustik hervorragend war. Ich glaube, manches muss sich auch noch einspielen. Eine gewisse Routine erfordert das ja auch, um alle Möglichkeiten wirklich perfekt ausnutzen zu können. Was ich allerdings jetzt mal unabhängig von der Akustik, die für mich sehr gut war, faszinierend fand war: Der Saal ist ja recht groß. 2.100 Menschen gehen da rein. Und trotzdem, wenn Sie drin sind hat man nicht das Gefühl einer erdrückenden Größe oder einer erdrückenden Menschenmenge, sondern da Sie alle sehen - es ist ja nach dem Weinbergprinzip gebaut, Gänge um den Saal herum -, haben Sie einen guten auch visuellen Kontakt zu den anderen Besuchern. Das fand ich irgendwie angenehm, weil es war nicht eine erschlagende Größe und nicht eine aufgeblasene majestätische Größe, sondern es wirkt trotz der Größe kommunikativ und in der ganzen Gestaltung sich zurücknehmend.

Barenberg: Ihr Nachfolger als Erster Bürgermeister, Olaf Scholz, der ja eher als nüchterner Typ gilt, hat gestern gestanden, er hätte ein beinahe sakrales Gefühl gehabt, als er den großen Saal betreten hat, diesen großen neuen Konzertsaal. Ist das ein ähnlicher Eindruck, oder überwiegt bei Ihnen doch dieses Wohnzimmergefühl, was Sie gerade beschrieben haben?

von Beust: Ich glaube, die Gefühlslage ist insofern richtig, als wir ja alle, er ja wohl auch, unheimlich gebangt haben, dass es wirklich was wird. Es hingt ja teilweise am seidenen Faden aufgrund finanzieller, aber auch technischer Fragen, die manchmal ungelöst schienen. Und ich glaube, dieses sakrale Gefühl ist mehr die Erleichterung, der Stoßseufzer, ein sakraler Stoßseufzer, endlich ist es fertig. Die Atmosphäre in dem Raum selber empfinde ich nicht als sakral, sondern der Bundespräsident hat das ganz gut ausgedrückt und Scholz auch. Es ist schon, wenn Sie so wollen, klingt ein bisschen aufgeblasen jetzt, ein demokratischer Saal. Die Menschen haben Kontakt. Sie können auch eigentlich gar nicht sagen, wer sitzt vorne, wer sitzt hinten, weil sie im Kreis sitzen. Diese ganze Anlage des Raumes hat eine ästhetisch ansprechende Nüchternheit. Jemand hat mal geschrieben, eine gewisse protestantische Form des zur Schau Stellens. Und das finde ich ganz gut ausgedrückt. Das ist genau mein Eindruck auch.

Barenberg: Die Gegner, die lauten Stimmen gegen das Konzerthaus sind ja weniger geworden. Aber die, die es noch gibt, sprechen ja immer noch von einem Prachtbau für Reiche.

von Beust: Das ist ja dummes Zeug.

Barenberg: Die stören sich bestimmt an dem Begriff demokratischer Saal.

von Beust: Na ja, das ist in doppelter Hinsicht, glaube ich. Dass jemand Kritik hat, das ist doch völlig in Ordnung, und man kann auch sagen, warum soll man für Kultur so viel Geld ausgeben, was ich eine falsche Fragestellung finde. Aber die Idee der Elbphilharmonie kam ja wirklich von unten. Da habe nicht ich oder andere Politiker gesagt, wir brauchen ein Konzerthaus, sondern das ist über einen Architekten und eine Art Bürgerbewegung, über Abgeordnete in der Politik manifest geworden. Und das Zweite ist der Raum selber. Sie können ganz schnell sagen, wo sind eigentlich die Ehrenplätze. Das klingt zwar jetzt skurril, aber in den meisten Sälen haben Sie ja irgendwo, auf irgendeiner Empore prangt das Staatswappen oder Vergleichbares und da sitzen dann die großen Persönlichkeiten. Durch diesen Rundbau um die Bühne herum kann man lange darüber rätseln, wo ist eigentlich der Ehrenplatz. Es gibt natürlich unterschiedliche Sichtweisen und Höhen und so weiter und so fort, aber es ist eine relative Gleichheit, die der Raum ausstrahlt, und so war das zu verstehen.

Barenberg: Sie haben diese Idee eines neuen Konzerthauses ja in Ihrer Amtszeit aufgegriffen und 2007 hat der Senat die Entscheidung zum Bau getroffen. Betrachten Sie das eigentlich auch ein Stück als Ihren Erfolg, das was jetzt eröffnet werden konnte?

"Das hat sich unterm Strich gelohnt"

von Beust: Ja, tue ich schon. Jetzt mit verhaltenem Stolz, denn es gab ja genug Ärger und Verzögerung und ist ja auch verdammt teuer geworden. Aber es war damals eine Aufbruchsstimmung in der Stadt, ohne die - und an der war ich auch immer friedlich beteiligt in aller Bescheidenheit - diese Entscheidung sonst vermutlich nicht gefällt würde. Ich glaube, wenn man das heute noch mal so planen würde, mit nur annähernd bekannten Kosten, aber auch wenn es weniger wären, würden Sie so was schnell über einen Volksentscheid zum Erliegen bringen. Da brauchte man damals, aber das gab die Zeit und die Situation her, einen gewissen Mut und eine Euphorie, das zu machen. Den hatte ich, aber andere auch, und das hat sich unterm Strich doch gelohnt.

Barenberg: Sie haben ja schon vor einiger Zeit eigene Fehler eingeräumt und politisch auch die Verantwortung für Fehlplanungen und Missmanagement übernommen. Bekommt Ihr Nachfolger Scholz nun besonderes Lob dafür, dass er das Projekt in einer doch sehr verfahrenen Situation übernommen und zu einem guten Ende gebracht hat?

von Beust: Er hat es gut und zu einem guten Ende gebracht, gar keine Frage. Er konnte natürlich auch, das muss man einfach konzedieren, unbelastet da herangehen. Das heißt, die Fehler, die passiert waren, die Schwierigkeiten, die entstanden waren, an denen hat er nicht mitgewirkt, und damit war es auch einfacher, sie zu beseitigen. Es ist ja damals seitens der Stadt ein Betrag von über 200 Millionen Euro noch mal draufgelegt worden, damit fertiggestellt wird. Dieser Betrag geisterte früher schon in Verhandlungen mit der Baufirma, mit Hochtief durch den Raum. Wir hatten damals gesagt, weil wir auch die Urverantwortung hatten, wir können nicht pauschal 200 Millionen Euro mehr zahlen, sondern da müssen wir Stück für Stück abrechnen, das sind Steuergelder. Er hat es dann einfach etwas einfacher gehabt, aber er hat es gut gemacht, gar keine Frage. Und ich glaube, es ist auch ein Werk von vielen, dass die Elbphilharmonie nun da ist und jetzt beginnen kann, mit Leben erfüllt zu werden.

Barenberg: Jetzt wird viel darüber geredet, was für ein Wahrzeichen für Hamburg das eigentlich werden soll. Was würden Sie sagen? Welche Art Wahrzeichen hat sich Hamburg damit gebaut?

"In erster Linie ein architektonisches Wahrzeichen"

von Beust: Wahrzeichen müssen ja entstehen. Ich bin immer skeptisch zu sagen, man baut ein Wahrzeichen. Ich glaube, als in Paris der Eiffelturm gebaut wurde, oder in London der Tower, hat keiner gesagt, wir bauen uns ein Wahrzeichen, sondern es hat sich aus Sicht der Betrachter ein Wahrzeichen entwickelt. Und das wird hier genauso sein, das kann man nicht künstlich erzeugen. Ich glaube, es ist aber ein doppeltes. Es ist einmal auch ein Bekenntnis einer Haltung gegenüber der Kultur. Das ist, wenn Sie so wollen, das inhaltliche Wahrzeichen. Ich glaube, dominierend einfach in dem, was als Visuelles bleibt, ist schon die Architektur, diese Verbindung von Glas und Stahl, der Moderne auf so einem roten Backsteinbau, das so mitten in der Elbe liegend, das ist einfach architektonisch faszinierend, egal, von welcher Seite Sie es sehen. Und es ist für mich unabhängig von dem wirklichen kulturellen Inhalt in erster Linie auch ein architektonisches Wahrzeichen.

Barenberg: Und doch auch ein bisschen ein gewisser Kontrast vielleicht zu der fast ausschließlichen Definition über Handel und den Hafen?

von Beust: Ja! Wir Hamburger leiden ja so ein bisschen darunter, dass wir immer als Pfeffersäcke bezeichnet wurden, als Leute, die nur ans Geld denken und nur an Handel denken und die sich für Kultur und Wissenschaft nur am Rande interessieren. Und ich glaube, ein Zeichen, dass hier Kultur eine große Rolle spielt und auch von der Gesellschaft, nicht nur von der Elite, sondern von der breiten Gesellschaft angenommen wird, das ist die Elbphilharmonie schon. Dieses Vorurteil wird zumindest zum Teil widerlegt.

Barenberg: Der frühere Erste Bürgermeister von Hamburg heute Morgen hier live im Deutschlandfunk, Ole von Beust. Vielen Dank für das Gespräch.

von Beust: Gerne! Tschüss!

Barenberg: Tschüss!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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