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StartseiteBüchermarktAufzeichnungen aus dem Gefängnis08.07.2011

Aufzeichnungen aus dem Gefängnis

Elias Khoury: "Yalo", Suhrkamp

Yalo sitzt im Knast. Er soll Liebespärchen beobachtet und überfallen, die Frauen vergewaltigt und die Männer ausgeraubt haben. Im Gefängnis muss Yalo zur Wahrheitsfindung wieder und wieder seine Biografie aufschreiben. Am Ende ist auch er schlauer.

Von Kersten Knipp

Aufzeichnungen aus dem Gefängnis (AP)
Aufzeichnungen aus dem Gefängnis (AP)

Wieder und wieder greift er zum Stift, um sein Leben zu erzählen. Mehrere Male hat er schon angesetzt, hat seine Biografie geschildert, mal diesen, mal jenen Aspekt hervorgehoben. Genützt hat es ihm nicht: Nie sind die Ermittler zufrieden, bereit, dem Gelesenen Glauben zu schenken. Einem wie Yalo, sind sie überzeugt, kann man nicht über den Weg trauen. Und so zwingen sie ihn, sein Leben immer wieder zu schildern, solange, bis sich eine Variante ergibt, der sie trauen können. Zumindest behaupten sie das. Denn tatsächlich, zeigt sich am Ende, sind sie zumindest über die wesentlichen Punkte seines Lebens ganz gut informiert. Sie kennen seine Biografie: Die Geburt 1962, die Schulzeit, den Eintritt in den 1975 ausgebrochenen libanesischen Bürgerkrieg auf Seiten der christlichen Falangisten, schließlich, nach Ende des Krieges 15 Jahre später, seine weitere Karriere. Dieser gilt ihr besonderes Interesse. Denn Yalo, so die Anklage, soll Liebespärchen beobachtet und überfallen, die Frauen vergewaltigt und die Männer ausgeraubt haben. All dies wissen die Ermittler - und zwingen Yalo doch, sein Leben wieder und wieder aufzuschreiben. Doch damit, erläutert Elias Khoury, lösen sie bei dem Gefangenen eine ganz eigene Erfahrung aus.

"Im Gefängnis wird er einiger Vergehen beschuldigt, die er nicht begangen hat. Ein Teil der Folter war es, dass er die Geschichte seines Lebens mehrere Male aufzuschreiben hatte. Ich habe von ihm gelernt, dass das Schreiben eine Folter ist. Das Schreiben ist einerseits eine Folter, und andererseits ein Genuss. Durch das Schreiben wollten die Ermittler und Polizisten seine Persönlichkeit auseinandernehmen, bis sie zerfiel. Aber durch das Schreiben baute er sich wieder zusammen. Ich glaube, dass seine Erfahrung mit dem Schreiben derjenigen anderer Autoren ähnelt. Im Schreiben nehmen wir uns auseinander und bauen uns wieder zusammen."

Wer ist Yalo? Ein Verbrecher, das ja. Oder besser: Das auch. Es fällt schwer, sich ein abschließendes Urteil über ihn zu bilden, zu komplex sind die Umstände der Zeit und des Ortes, in die er hineingeboren wurde. Und das ist das Faszinierende an diesem Roman: Er handelt von einem kleinen, völlig unbedeutenden Mitläufer im 15 Jahre währenden libanesischen Bürgerkrieg, der nach dessen Ende im Jahr 1990 eine kriminelle Karriere einschlägt, als Bodyguard eines Waffenhändlers in einem nahe gelegenen Waldstück Liebespärchen überfällt, die Männer ausraubt und die Frauen vergewaltigt. Ein Krimineller also, der aber auch Opfer ist, Opfer dramatischer Umstände, die weit über ihn selbst hinausreichen. Darum sitzt er nun im Gefängnis. Um seine Biografie zu verstehen, zwingen die misstrauischen Wärter ihn, sein Leben wieder und wieder aufzuschreiben. Am Ende, nach all den verschiedenen Versionen, in denen er sein Leben zu erfassen, zu erklären versucht, wird Yalo etwas, zumindest ein wenig Klarheit über sich selbst erhalten. Die ganze Wahrheit wird es nicht sein, aber diese Wahrheit lässt sich ohnehin nur andeuten. Der Schlüssel zu ihr liegt weit in der Vergangenheit, reicht zurück bis in das ausgehende 19. Jahrhundert. In dieser Zeit zeigt der Roman, bildeten sich Weltbilder und Ideologien, die bis weit in das folgende Jahrhundert reichen, ihm ihren Stempel aufdrückten - und jene katastrophalen Ereignisse erst möglich machten, die der Libanon seit Mitte der 1970er-Jahre durchlief. Menschen wie Yalo, erklärt Khoury, stürzten fast zwangsläufig über diese Entwicklungen.

"Yalo ist ein Kind des libanesischen Bürgerkrieges. Aber er ist eine eigenartige Person. Denn er ist Opfer, und er ist Henker zugleich. Seine Geschichte ist kompliziert, denn er hat nicht nur eine Geschichte. Er entstammt einer syro-aramäischen Familie, die im Jahr 1915 den Genozid in Tur Abdin auf dem Gebiet der heutigen Türkei durchlitt. Sein Großvater war ein Priester, der als kleines Kind von den Kurden mitgenommen und großgezogen wurde. Sein Großvater, seine Mutter und er selbst vereinen in sich darum alle Identitäten dieser Region - einer sprachlich und religiös sehr vielfältigen Region. Yalo wird insofern zum Opfer dieser Vielfalt, als sämtliche Machthaber der Region diese auszulöschen versuchten. So wurde dieses Vielfalt nicht zur Quelle kulturellen Reichtums, sondern kultureller Armut. Diese Erfahrung haben wir auch im libanesischen Bürgerkrieg gemacht."

Über Jahrhunderte war der Libanon, wie weite Teile des Nahen Ostens überhaupt, ein Ort, an dem die unterschiedlichsten Kulturen, Religionen und Sprachen aufeinandertreffen. Das änderte sich mit dem Kolonialismus, als besonders Engländer und Franzosen sich zu Schutzherren der christlichen Minderheiten aufriefen. Damit kam der Gedanke der religiösen Abgrenzung auf - mit einem Mal standen die einzelnen Glaubensgemeinschaften in schroffem Gegensatz zueinander, Religion wurde zum vornehmsten Identitätsmerkmal. Diese Logik diktierte auch die Geschichte des Libanons, sie rief Spannungen hervor, die schließlich in den Bürgerkrieg mündeten. In dieser aufgeputschten Atmosphäre entwickelt auch Yalo gesteigerte Identitätsgefühle, für die er schließlich zur Waffe greift - wenn er, der sich zum Kalligrafen ausbilden ließ, sich eigentlich auch ein ganz anderes Leben hätte vorstellen können. Aber die religiös-chauvinistischen Ideologien entwickeln einen Sog, dem er sich nicht entziehen kann. So gesehen, wurde er schlicht zum Opfer eines extremistischen Weltbilds, meint Elias Khoury.

"Kein Mensch behauptet, nur eine einzige Identität zu besitzen - mit Ausnahme der Faschisten. Die kulturelle Vielfalt, der Yalo entstammt, entwickelt sich aufgrund der Bürgerkrieges und der ihm vorausgehenden Spannungen zu einer höchst schädlichen kraft. Die überzogene, in Nationalismus umschlagende ethnische Identität ist unhaltbar.
Aber ihr hing vor allem das christliche Lager an, in das Yalo eintrat. Sie ist schädlich, weil sie ihre Anhänger zu dem Glauben verführt, sie könnten ihre eigene Kultur von den übrigen Kulturen des Nahen Osten isolieren. Diese Logik schädigte ihre Anhänger, die libanesische Gesellschaft als ganze und jeden einzelnen ihrer Bürger. Ich selbst war mein gesamtes Leben gegen die, die in ihrem Namen kämpften. Mein Weg zu Yalo lehrte mich, Demut zu empfinden, meine Identität nicht überzubewerten. Sie lehrte mich, den anderen zu sehen. Denn der andere mag zwar dein Feind sein. Er ist aber auch ein Spiegel deiner selbst."

Yalos eigentliche Tragik gründet aber nicht in dem Krieg. Sie gründet darin, dass er sich von der Kultur der Gewalt, die ihn als jungen Mann prägte, nicht mehr loszusagen vermag. Die Gewalt ist ihm zur zweiten Natur geworden, sie dominiert sein gesamtes Handeln und Empfinden, treibt ihn, auch nach Ende des Krieges zur Waffe zu greifen und Menschen zu überfallen. Bevor er die Liebespärchen überfiel, raubte er mit einem Freund eine Kaserne aus. Anschließend floh er mit diesem Freund nach Paris, wo der sich dann aber absetzte, und zwar inklusive der gesamten Beute. Nur mit Hilfe des windigen Geschäftsmannes, für den er als Bodyguard arbeiten wird, kommt Yalo zurück in den Libanon.

Im Gefängnis nun beginnt Yalo sein Leben ganz allmählich zu verstehen, wobei ihm das Schreiben eine Hilfe ist. Und an diesem Punkt schlägt auch der Roman um: Während Yalo anfangs schreibt, um die Ermittler zu täuschen, sie irrezuführen, sich selbst in möglichst mildem Licht erscheinen zu lassen, um die Ankläger möglichst milde zu stimmen, schiebt sich nach und nach aus ein anderes Motiv in den Vordergrund: das der Selbsterkenntnis. Yalo beginnt nachzuvollziehen, warum er wurde, wie er ist, warum er letztlich in seiner Zelle sitzt. Zugleich erzählt der Roman damit seine eigene Entstehensgeschichte: Der Text, den der Leser vor sich hat, besteht aus nichts anderem als Yalos gesammelten Aufzeichnungen aus dem Gefängnis.

Insgesamt zeigt dieser kluge und sensible, von Leila Chamaa einfühlsam übersetzte Roman, wie sehr Yalo, wie sehr aber auch der Libanon - und man kann hinzufügen: weite Teile der arabischen Welt - an den Folgen einer Ideologie leiden, die die Region bis heute nicht restlos überwunden hat. Der Extremismus hat eine Vorgeschichte. Es ist an der Zeit, meint Khoury, diese nun endlich auszusortieren, wegzuwerfen auf den Müllhaufen der Geschichte.

Elias Khoury, "Yalo". Aus dem Arabischen von Leila Chamaa. Suhrkamp Verlag, Berlin 2011, 378 Seiten, 24,90 Euro

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