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StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenAuge um Auge gegenseitig bestrafen01.11.2012

Auge um Auge gegenseitig bestrafen

Die Evolution der Fehde

Fühlt sich jemand zu Unrecht bestraft und rächt sich, dann ist der Weg zur Fehde nicht mehr weit. Evolutionsbiologen haben aber ein theoretisches Problem mit diesem allzu menschlichen Verhalten.

Von Jakob Epler

Der Hammer des Gesetzes: Maßregelung hat einen Nutzen, kann sich aber zu einer Fehde ausweiten. (picture alliance / dpa - Andrey Starostin)
Der Hammer des Gesetzes: Maßregelung hat einen Nutzen, kann sich aber zu einer Fehde ausweiten. (picture alliance / dpa - Andrey Starostin)

"Durch alten Groll zu neuem Kampf bereit." So steht es im Prolog zu Shakespeares Romeo und Julia. Die Familien Montague und Capulet streiten sich seit unbestimmter Zeit und geraten dabei in bisweilen blutige Auseinandersetzungen. Ihre Fehde ist die Folie, vor der sich eine der bekanntesten Tragödien der Weltliteratur entfaltet.

Dass Menschen sich befehden, sich jahrelang bekämpfen, ist unstrittig. Warum sie das aber tun, darüber zerbrechen sich Evolutionsforscher den Kopf. Denn vernünftig sind Fehden nicht, meint der Göttinger Evolutionsbiologe Professor Dr. Dirk Semmann.

"Sie kommen vor, man würde sie aber überhaupt nicht erwarten, weil sie hohe Kosten für alle Beteiligten verursachen und eigentlich einen evolutionären Nachteil darstellen sollten. Ein Nachbarschaftsstreit, der über 20 Jahre geht, wo beide wahnsinnig viele Kosten haben, Stress haben, gesundheitlich angeschlagen sind, kann eigentlich nicht von Vorteil für die Beteiligten sein."

Semmann untersucht mithilfe der evolutionären Spieltheorie, wie sich das menschliche Sozialverhalten entwickelt. Demnach hat jede Verhaltensweise ihre eigene Kosten-Nutzen-Bilanz. Und die entscheidet, welche Strategien sich auf lange Sicht durchsetzen. Das hat einen einfachen Grund. Zwar handeln einzelne Menschen irrational. Ihre Triebfedern sind Ärger, Wut oder eben "alter Groll". Die Evolution hingegen kalkuliert kühl. Sie misst menschliches Verhalten daran, wie sehr es zum Reproduktionserfolg beiträgt, sagt Dr. Katrin Fehl, Psychologin und Evolutionsforscherin an der Universität Göttingen.

"Je mehr Gewinn ich habe, sei es Nahrung, Ressourcen, desto besser kann ich mein Überleben sichern. Und desto wahrscheinlicher ist es, dass ich eben Nachwuchs zeuge und der Nachwuchs auch überlebt und quasi so meine Gene von Generation zu Generation weiter gegeben werden können."

Fehden nutzen wenig und kosten viel, einen Gewinn können die Evolutionsforscher kaum bis gar nicht ausmachen. Im Fall von Romeo und Julia stirbt sogar der Nachwuchs der Beteiligten. Die beiden Liebenden nehmen sich in einer Gruft das Leben. Menschen, die sich an Fehden beteiligen stehen also schlechter da als andere, die das nicht tun, meint Fehl.

"Und das würde bedeuten, in einem evolutionären Prozess über mehrere Jahrtausende ist das eine Strategie, die immer seltener wird und im Endeffekt verschwinden würde. Also, da gibt es quasi diesen Zwiespalt zwischen den Vorhersagen aus der Theorie und dem Verhalten, was wir letzten Endes beobachten."

In der Praxis lassen sich Menschen auch im Labor auf einen Kleinkrieg ein. Das haben Fehl und Semmann zusammen mit Forscherkollegen vom Max-Planck-Institut in Plön nachgewiesen.

In ihrem Experiment spielten Studierende das sogenannte Public-Goods-Game. Die Probanden wurden in Vierergruppen aufgeteilt und bekamen ein Startkapital. Sie konnten dann entscheiden, ob sie davon einen Euro in einen Gemeinschaftstopf legen wollen. Der Inhalt des Topfes wurde mit 1,6 multipliziert und schließlich gleichmäßig auf alle Teilnehmer verteilt. Das Public-Goods-Game führt seine Spieler in ein Dilemma:

"Wenn jetzt alle in diesen Gemeinschaftstopf einzahlen, bekommen auch alle den gleichen Teil zurück. Aber eben dieses Dilemma liegt jetzt darin, sobald es einer nicht tut, wird der Gemeinschaftstopf trotzdem multipliziert und alle bekommen das zurück. Auch der, der quasi nichts reinvestiert hat. Das heißt, in dem Moment hat er keine Kosten gehabt, aber er bekommt trotzdem was zurück."

Das ist das sogenannte Trittbrettfahrerproblem. Es besagt, dass jemand, der nichts zu einem Allgemeingut beiträgt, trotzdem von ihm profitieren kann. Das heißt, es ist vorteilhaft, nicht zu kooperieren. Die Gruppe als Ganzes verliert dabei aber.

Dieses Problem kann sie mit Strafen lösen. Genauso war es in dem Experiment. In einer neuen Runde des Public-Goods-Games waren zuvor gemaßregelte Trittbrettfahrer eher bereit, in den Gemeinschaftstopf einzuzahlen. Strafe hat also eine gesellschaftliche Funktion. Sie bringt Menschen dazu, miteinander zu kooperieren. Jemanden zu bestrafen, hat jedoch aus spieltheoretischer Sicht, genauso wie die Fehde, Kosten. Im Experiment wird das über Geld vermittelt. Zahlte ein Teilnehmer beispielsweise 20 Cent, wurden seinem Kontrahenten dafür 60 Cent abgezogen. Trotzdem bestraften rund 85 Prozent einen ihrer Mitspieler.

"Wenn man sieht, dass einige sich nicht daran beteiligt haben, in diesen Gemeinschaftstopf zu investieren. Da ärgert man sich. Das kann man, glaube ich, ganz gut nachvollziehen. Und dementsprechend nutzen das auch etliche Leute, dann zu sagen: OK, jetzt möchte ich dem das aber heimzahlen und dem nehme ich jetzt dafür Geld weg."

Strafe verschafft aber nicht nur Genugtuung und verbessert die Kooperation in einer Gruppe. Sie birgt neben den Kosten auch ein Risiko. Bestrafte können sich rächen und den Strafenden in eine langwierige Fehde verwickeln. Damit wäre die Fehde die Kehrseite eines gesellschaftlichen Mechanismus, der für sich genommen sinnvoll ist.

Im Experiment gab es im Anschluss an das Public-Goods-Game fünf Bestrafungsrunden. Dadurch war es möglich, Fehden zu simulieren. Sie wurden als eine Reihe gegenseitiger Bestrafungen modelliert. Wurde beispielsweise jemand in Runde eins gemaßregelt, konnte er sich dafür in Runde zwei rächen. Folgte daraufhin eine erneute Strafe, sprechen die Forscher von einer Vendetta. Ihre Studie zeigt, dass sie weniger wahrscheinlich ist, wenn Trittbrettfahrer bestraft werden.

"Denen wurde quasi ein Signal gesendet: Moment Mal, so geht das nicht. Und aus solchen Bestrafungen sind dann auch sehr selten Vendetten entstanden. Wenn jetzt zum Beispiel aber jemand jemand Anderen bestraft hat, der kooperativ war, da sind dann sehr häufig Vendetten draus entstanden. Das heißt, hier möchte man irgendwie signalisieren, die Bestrafung war nicht in Ordnung, deshalb strafe ich dich jetzt zurück. Und dann ist es eben noch weiter eskaliert."

Fehden entstehen, wenn sich jemand ungerecht behandelt fühlt. Und das ist häufig so. 72 Mal spielten die Studierenden miteinander. Dabei kam es zu 71 Fehden. In dem Spiel konnten sich die Teilnehmer höchstens fünfmal gegenseitig bestrafen, dann war die Fehde zwangsweise zu Ende. In der Realität gibt es theoretisch unendlich viele Bestrafungsrunden. Zum Nachteil für Romeo und Julia. Denen wäre sonst wohl einiges erspart geblieben.

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