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Aus dem arabisch-israelischen Alltag

Ayman Sikseck: "Reise nach Jerusalem", Arche Literaturverlag, 160 Seiten

Von Sigrid Brinkmann

Blick vom Ölberg in Jerusalem auf die Mauer, die die Stadt vom Westjordanland (hinten) trennt
Blick vom Ölberg in Jerusalem auf die Mauer, die die Stadt vom Westjordanland (hinten) trennt (picture alliance / dpa / Roland Holschneider)

In seinem Romandebüt lässt Ayman Sikseck ein alter ego auferstehen. Seine Hauptfigur ist wie der Autor selbst arabischer Israeli, lebt in Jerusalem und leidet am übermächtigen Gefühl der Fremdheit. Anhand von Alltagssituationen porträtiert Sikcheck die Probleme einer zerrissenen Stadt und Gesellschaft.

"In Berlin, Prag und New York habe ich mich eher zuhause gefühlt als in Jerusalem, wo ich Vergleichende Literaturwissenschaft studiert habe. Ich bin zwischen Tel Aviv-Yafo und Jerusalem gependelt, weil ich es in Jerusalem nicht aushalten konnte. Es gibt dort so viele Gemeinschaften, die nichts mit anderen zu tun haben wollen. Man fühlt sich einfach als Außenseiter. Und dann die massive Präsenz von Sicherheitskräften. Auch auf dem Campus gibt es mehrere Sperren, und wenn man so wie ich eine etwas dunklere Haut hat, wird man besonders gründlich durchsucht. Diese quälenden Prozeduren überlagern mein Bild von Jerusalem."

Ayman Sikseck hat ein alter ego erfunden, das an einem übermächtigen Gefühl der Fremdheit in Jerusalem leidet und am liebsten sein Literaturstudium abbräche, um ganz nach Tel Aviv-Yafo zurückzukehren. Etwa 20.000 arabische Israelis leben in Yafo. Sisecks junger Ich-Erzähler trifft sich heimlich in Gassen und Parks mit einem arabischen Mädchen. Mit einer jüdischen Freundin zeigt er sich öffentlich. Seine Schwester entschließt sich notgedrungen zur Heirat, weil die verwitwete Mutter ihr Pädagogikstudium nicht bezahlen kann und der Onkel die Ausbildung nicht finanzieren will. Lieber investiert er in Siksecks passiven Helden. Der schwankt zwischen dem Gefühl einer permanenten Bringschuld und der Verachtung für die Rollenverteilung, an der die selbstgewissen arabischen Männer seiner Familie festhalten.

"Die männlichen Charaktere sind sehr einseitig gezeichnet. Mein Protagonist betrachtet aber auch sich selbst äußerst kritisch. Er prüft sein Selbstbild als palästinensischer Mann und isoliert sich mehr und mehr von den anderen. Er weiß, dass er permanent beobachtet wird. Indem er jeder Entscheidung ausweicht, wehrt er sich gegen das, was man immerzu von ihm erwartet."

Für Männer mit traditionellem Rollenverständnis ist Siksecks zweifelnder Protagonist nicht satisfaktionsfähig, aber auch Frauen wenden sich verunsichert von dem jungen Mann ab. Seine Unentschiedenheit offenbart zu große existenzielle Nöte.

Zur Zeit wird mit einem Verlag in Saudi-Arabien über die Übersetzung des Romans ins Arabische verhandelt. Ayman Sikseck erwartet eher eine zurückhaltende Aufnahme, denn die zögerliche Grundhaltung seines Helden widerspricht eben den herkömmlichen Erwartungen des arabischen Publikums. Das, stellt er nüchtern fest, favorisiere nach wie vor tragische oder heldische Charaktere.

Siksecks Ich-Erzähler treibt einfach nur umher und hat dennoch nichts von einem müßigen Flaneur. Halt sucht er im Notieren von Alltagsbeobachtungen. Bei Stadtgängen sammelt er Eindrücke und Spuren, die die palästinensische Geschichte vor der Staatsgründung Israels bezeugen, und fügt Erinnerungen an inzwischen abgelegte Gewohnheiten wie das Feiern jüdischer Feste hinzu. Sikseck schmückt nichts aus. Sein Stil ist protokollarisch.

"Ich wollte, dass der Leser den Eindruck bekommt, in einem Tagebuch zu blättern. Es gibt keine einführenden, erklärenden Worte. Man wird mitten hineingeworfen. Man folgt den Gedanken meines Helden, der sich insgeheim danach sehnt, Schriftsteller zu werden. Das Buch endet deshalb mit einem Kapitel aus einem unfertigen Roman. Dieser erzählerische Bruch war wichtig für mich. Der Leser wird zuletzt ganz in die innere Welt des Erzählers hineingezogen."

Besonders gelungen sind kleine Szenen wie die Beobachtung eines Nippes verkaufenden alten Mannes oder eines Jungen, der eine Gasse auszuspähen scheint und dabei doch nur unbemerkt an einen Beutel mit altem Brot gelangen will. Ayman Sikseck verknüpft diese Begebenheit mit der miserablen Lebenssituation von Palästinensern, die sich von den israelischen Sicherheitsbehörden anwerben ließen.

"Man bringt sie zu ihrer eigenen Sicherheit in den großen Städten unter und stellt ihnen Wohnungen zur Verfügung, damit sie weiter Informationen liefern. In Yafo gibt es mehrere Familien solcher Zuträger. Jeder hier kennt deren Geschichte, aber niemand spricht mit ihnen. Meistens sind sie ziemlich mittelos und wohnen in kaputten Häusern, um die sich keiner mehr kümmert. Als ich diese Szene mit dem kleinen Jungen schrieb, dachte ich an die Familien der Araber, die Leute und Orte ausspähen. Sie haben Kinder, die oft allein umherschleichen. Jeder kennt das doch, dass man manchmal vorschnell ein Urteil über jemanden fällt. Der Junge wirkt, als ob er was im Schilde führt. Dabei denkt er nur ans Essen. Er hat Hunger."

Ayman Sikseck greift in seinem Romandebüt alle Themen auf, die im arabisch-israelischen Alltag relevant sind: die arabisch-hebräische Sprachkompetenz, die mangelnde oder verleugnete Kenntnis palästinensischer Geschichte wie auch die Loyalität gegenüber Israel. Verhalten, fast schamvoll beschreibt er die Positionen seiner Figuren.

Diese Haltung als Autor wie als Person unterscheidet Sikseck denn auch von Sayed Kashua. Dieser brilliert als Erzähler und öffentliche Person auf diversen Podien und in den Medien mit ironischen und selbstironischen Beobachtungen und Kommentaren. Stoisch kontert Kashua Angriffe arabischer Leser, die nicht davon ablassen wollen, Hebräisch schreibende Palästinenser als Verräter zu bezichtigen.

Ayman Sikseck stehen diese öffentlichen Infragestellungen noch bevor. Er spricht Hebräisch und Arabisch. Er hat an einem französischen Gymnasium in Yafo das Abitur gemacht; sein Englisch ist hervorragend. Er träumt von Stipendien, die ihn wegführen aus einem Land, in dem – wie auch während unseres Gespräches – zu oft Sirenen heulen. Die in Israel häufig gestellte Frage nach der Identität hat Ayman Sikseck für sich inzwischen beantwortet und sich so innerlich vorbereitet auf einen Weggang, der ihm eine andere erzählerische Freiheit verheißt.

"Ich glaube nicht, dass die nationale Identität in irgendeiner Weise an einen spezifischen Ort gebunden ist. Man braucht keinen Boden. Es reicht zu wissen, woher man kommt. Wir erleben es doch, dass der Verlauf der Grenze zwischen Israel und den palästinensischen Gebieten sich durch die ständige Gründung neuer Siedlungen immer wieder verändert.

Es ist schwer, eigentlich unmöglich, für einen Palästinenser zu sagen, wo auf der Landkarte sein Platz ist. Orientiert man sich daran, welches Gebiet Palästina heute zugewiesen wird – hinter der grünen Linie? Oder besteht man auf dem Land, in dem die Vorfahren gelebt haben? Ich glaube, für einen palästinensischen Autor aus Israel ist es das Beste, sich von einer geografischen Vorstellung von Heimatland zu lösen. Besser man sucht sich seinen Ort in der Kultur. Ich bemühe mich darum. Sprache ist für mich ein Anker und zugleich der Schlüssel zur Identität."

Ayman Sikseck: Reise nach Jerusalem
Roman. Aus dem Hebräischen von Ruth Achlama
Arche Literaturverlag, Zürich-Hamburg
Gebunden, 160 Seiten, 18 Euro



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