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StartseiteKalenderblattAus dem Kinderzimmer entführt01.03.2007

Aus dem Kinderzimmer entführt

Der Tod des Sohnes von Charles Lindbergh erschütterte die USA

Am 1.März 1932 wurde der Sohn des weltberühmten Transatlantik-Fliegers Charles Lindbergh entführt. Mehr als zwei Monate später fand ein Lkw-Fahrer die Leiche des Kleinkindes. Obwohl der zwei Jahre später verhaftete Richard Hauptmann die Tat bis zum Schluss leugnete, wurde er nach einem kontroversen Indizienprozess hingerichtet.

Von Barbara Jentzsch

Charles A. Lindbergh vor seinem Atlantikflug im Jahr 1927. (AP Archiv)
Charles A. Lindbergh vor seinem Atlantikflug im Jahr 1927. (AP Archiv)
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Enthüllungen über den Pionier der Lüfte

"Lucky Lindy" nannte Amerika den kühnen Transatlantik-Flieger Charles Lindbergh. In den Roaring Twenties, den wilden zwanziger Jahren, war Lindbergh Amerikas Darling. Groß, blond, überaus fotogen, weltberühmt und reich, verheiratet mit der bildhübschen Millionärs- und Botschaftertochter Anne Morrow, seiner Co-Pilotin . Amerika hatte sein Traumpaar, und die Welt lag ihm zu Füßen. Das Märchenleben endete mit dem Verbrechen des 20. Jahrhunderts: Am 1. März 1932 wurde der kleine Lindbergh-Sohn Charles entführt.

"Charles Augustus Lindbergh Junior, der 20 Monate alte Sohn des berühmten Fliegers und seiner Frau Anne Morrow wurde am 1. März gegen 9:00 abends aus seinem Kinderzimmer im zweiten Stock des Elternhauses in der Nähe von Hopewell, New Jersey entführt. Die Abwesenheit des Kindes wurde etwa gegen 10:00 Uhr von der Amme Betty Gow entdeckt und den Eltern mitgeteilt. Bei der sofortigen Durchsuchung des Hauses wurde auf dem Fensterbrett im Kinderzimmer eine Lösegeldforderung über 50.000 Dollar gefunden","

schreibt das amerikanische Bundeskriminalamt FBI zum Fall Lindbergh.

Die Eltern erhalten insgesamt 15 Lösegeldschreiben. Amerika erlebt eine Fahndungsaktion wie nie zuvor. Charles Lindbergh nimmt die fieberhafte Suche nach seinem Sohn selbst in die Hand, und er zahlt die verlangten 50.000 Dollar . Doch nichts passiert. Aus dem Gefängnis bietet der Gangster Al Capone seine Hilfe an. Andere zwielichtige Figuren setzen Lindbergh absichtlich auf falsche Fährten. Zehn Wochen nach der Entführung bringt die New York Times die gefürchtete Schlagzeile: "Baby Dead”. Ein Lastwagenfahrer hat die Kinderleiche auf einem Feld nur wenige Meilen vom Elternhaus entfernt entdeckt - von Tieren angefressen, mit einem tiefen Loch im Schädel.

Monatelang läuft die größte Verbrecherjagd der amerikanischen Geschichte ins Leere. Erst 1934 führt eine markierte Lösegeld-Banknote zur Verhaftung des 35-jährigen Bruno Richard Hauptmann, eines vorbestraften, illegal aus Deutschland eingewanderten Schreiners.

Bruno Richard Hauptmann, mutmaßlicher Entführer des Lindbergh-Babys, kurz nach seiner Verhaftung 1934 (AP)Hauptmann kurz nach seiner Verhaftung 1934. (AP)Dem Verbrechen des Jahrhunderts folgte der Prozess des Jahrhunderts. Hauptmanns Anwalt Edward Reilly gab sich bei der Eröffnung des Verfahrens zwar optimistisch, er hoffte auf Freispruch. Doch vox populi forderte nicht Freispruch, sondern Vergeltung. Der Prozess geriet zu einer abscheulichen Mischung aus Volksfest und Lynchjustiz. "Kill the German” brüllten Zigtausende von Schaulustigen, die ins kleine Örtchen Flemington eingefallen waren, um vielleicht einen Blick auf das tragische Traumpaar zu erhaschen. Eine im Gerichtssaal versteckte Kamera sorgte dafür, dass Zeugenaussagen alsbald in der Kino-Wochenschau zu sehen waren.

Obwohl Hauptmann die Tat bis zum Schluss bestreitet, wird er im April 1936 auf Grund von Indizien hingerichtet. Bis heute gibt es begründete Fragen, ob Hauptmann das Opfer eines von Massenhysterie und Medienzirkus erzwungenen Justizirrtums wurde. Der mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnete Schriftsteller Scott Berg teilt diese Bedenken, als er mit den Recherchen zur Lindbergh-Biografie beginnt:

""Als ich anfing, das Buch zu schreiben, hatte ich die große Hoffnung, dass ich genügend Beweise für Hauptmanns Unschuld finden würde. Und ich habe mich wirklich angestrengt. Aber je tiefer ich mich einarbeitete und je genauer ich die Beweise betrachtete, desto schuldiger erschien er mir."

Als die Presse nicht davor zurückschreckt, den Sarg des Babys aufzubrechen, als Fotos der Kinderleiche vor dem Gericht verkauft werden und als Todesdrohungen für den zweitgeborenen Sohn John eintreffen, flüchten Charles und Anne Lindbergh ins Exil nach England. Dort lässt man die Familie endlich in Ruhe. In die USA kehren die Lindberghs erst Jahre später zurück.

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