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StartseiteBüchermarktAus dem Leben eines Taugewas. Erinnerungen06.11.2002

Aus dem Leben eines Taugewas. Erinnerungen

Ullstein, 319 S., EUR 22,-

Joachim Büthe

Ohne Chlodwig Poth wäre die Geschichte der bundesdeutschen Satire anders verlaufen. Er ist an den Gründungen der Zeitschriften Pardon und Titanic maßgeblich beteiligt gewesen, und er bildet, gemeinsam mit Hans Traxler, die Keimzelle dessen, was später einmal Neue Frankfurter Schule genannt werden sollte. Wenn er nun seine Erinnerungen vorlegt, dann ist darin auch ein Stück Pressegeschichte enthalten. Poth:

Einfach auch durch die Dauer, weil ich schon sehr früh, schon mit 16 Jahren angefangen habe zu publizieren. Und weil ich mich immer für das Geschehen um mich herum interessiert habe. Ich habe eigentlich nie, was ja auch in Pardon und Titanic viel gemacht worden ist, Nonsens gemacht. Ich habe mich eigentlich immer mit dem Zeitgeschehen beschäftigt. Und insofern ist meine Arbeit schon ein Überblick über die letzten 50 Jahre deutsche Geschichte.

Chlodwig Poth ist so etwas wie der Chronist unter den Satirikern, der die laufenden Ereignisse und die mentalen Verwirrungen, die sie auslösen, mit Zeichenstift und Feder dokumentiert. Einen Roman hat er auch einmal geschrieben, aber er erzählt seine Geschichten lieber in Wort und Bild. Seine Erinnerungen hat er eigentlich nicht schreiben wollen. Poth:

Ich glaube nicht, dass ich ohne diese Augengeschichte ein Buch, also diese Autobiographie geschrieben hätte. Man überlegt sich das ja, ob man so was machen würde, und ich habe eigentlich immer gesagt, das kommt für mich nicht in Frage. Ich habe zu wenig Erinnerungen, bloß so bruchstückhaft, und ich wüsste auch gar nicht, ob das jemanden interessiert. Ich habe für mich immer entschieden, so was machst du nicht. Ich weiß gar nicht, ob ich überhaupt noch mal was geschrieben hätte. Eher könnte ich mir vorstellen, dass ich eine gezeichnete autobiographische Sache gemacht hätte.

Diese Augengeschichte. Es handelt sich um den allmählichen Verlust der Sehschärfe. Der Zeichner Poth hat sie bisher, mit Hilfe optischer Vergrößerungsgeräte, zu kompensieren gewusst. Titanic-Leser wissen es. Seine Doppelseite hat bisher in noch keiner Ausgabe gefehlt. Doch der Kampf gegen die Krankheit, die Befürchtung, schon bald nicht mehr arbeiten zu können, strukturiert das Buch. Die Niederschrift der Erinnerungen ist auch eine Art Selbsttherapie; der Versuch, die allgegenwärtige Angstkröte aus dem Haus zu scheuchen.

Wenn man schreibt, kann man nichts anderes nebenbei denken. Beim Zeichnen, vor allem diese Schraffurtechnik, die ich jetzt mache und jetzt auch noch machen kann, das ist eine ziemlich mechanische Angelegenheit, da kann man dabei durchaus andere Gedanken haben. Und dann würde einem doch bloß wieder das Elend einfallen. Beim Schreiben, wenn man einen Satz formuliert, kann man nichts anderes dabei denken. Man ist tatsächlich völlig auf das Schreiben konzentriert und dadurch abgelenkt, was einem sonst an Angst oder an Elend durch den Kopf gehen würde.

Das erste Kapitel beginnt mit dem Verlust des Glaubens, ein Jahr bevor der Zeichner Chlodwig Poth erstmals an die Öffentlichkeit tritt. Das ist für einen Satiriker nicht ungewöhnlich. Doch es endet, schon weniger selbstverständlich, mit einem hausgemachten Gottesbeweis, in dem die Vollkommenheit der Kunst, auch der eigenen, zu Sinn und Ziel der seit dem Urknall fortlaufenden Ereignisse erklärt wird. Sehr evangelisch, so kommentiert ein Zuhörer die Botschaft, die Poth ironisch als seine Bergpredigt bezeichnet.

Ich weiß auch nicht, inwiefern das mit der Angst vor der Augengeschichte zu tun hat. Ich könnte mir schon denken, dass jeder, der nicht mehr an eine etablierte Religion glaubt, versuchen wird, sich irgendwie ein bisschen seine eigene Religion zusammenzuzimmern.

Vielleicht haben das Bilanzen so an sich, dass sich die letzten Fragen noch einmal neu stellen. Aber von einer Predigt ist Poth denn doch weit entfernt. Die letzte Instanz, einmal eingeführt, kommt im Buch des öfteren zu Wort. ER hat beschlossen, dem Zeichner Poth den Stift aus der Hand zu nehmen. Deshalb ist ER auch die Instanz, gegen die man sich in seiner Ohnmacht auflehnen kann. 0-Ton: Dies auch, aber vor allem hatte ich immer auch ein bisschen Angst, dass das ganze zu pathetisch oder zu tiefsinnig wird. Ich wollte das immer ein bisschen auffangen und ein bisschen ironisieren. Damit das nicht so eine triefige Geschichte wird.

Nein, triefig ist die Geschichte gewiss nicht geworden. Dazu gibt es zu viel fröhliche Feste und Freundschaften in diesem Buch. Feindschaften natürlich auch. Hans A. Nikel, der berüchtigte Verleger und Totengräber von Pardon, bekommt noch einmal sein wohlverdientes Fett, und man erfährt aufschlussreiche und amüsante Details aus der Geschichte der Neuen Frankfurter Schule, die ja nie eine Schule gewesen ist. Eine Geburt im nachhinein, an deren Anfang die brennende Frankfurter Schule auf F.K. Waechters Ausstellungsplakat stand.

Es hat keine Satzung gegeben, es hat keine Gründung gegeben, es hat keine Statuten gegeben und deswegen auch keine Streitigkeiten gegeben wie sonst bei Künstlergruppen. Fraktionsbildungen und Ausschließungen hat es auch nie gegeben. Weil es in dem Sinne keine Gruppe ist. Sondern Leute, die sich zusammengefunden haben bei der Arbeit an einer Zeitung, auch befreundet waren und Feste gefeiert haben und die dann irgendwann einen Namen bekommen haben.

Einen Namen, eines der Schlagworte, die von uns Journalisten so gern aufgegriffen werden. In diesem Fall können die Beteiligten ganz gut damit leben. Ein anderes Schlagwort aber soll hier korrigiert werden. Es betrifft den APO-Opa Chlodwig Poth. Eine Etikettierung, die er seinem Aussehen verdankt und einer seiner erfolgreichsten Serien: Mein progressiver Alltag. Sie zeigt den Revolutionär auf dem langen Marsch ins Kleinbürgertum. Das besitzanzeigende Fürwort war vielleicht ein Fehler. Auch in diesem Fall hat Poth nur seinen Chronistenpflichten genügt.

Ich bin mindestens 10 Jahre älter als die 68er. 68 war ich 38. Ich habe auch nur einmal in meinem Leben an einer Demonstration teilgenommen und kam mir ziemlich fehl am Platz vor. Ich war auch nie in einer Wohngemeinschaft. Es war halt mein Beruf, das, was sich in Deutschland tat, zu beschreiben oder zu dokumentieren. Die Hauptfigur war ein Werbemensch mit einem Sohn. Und ich habe zwei Töchter und war nie in der Werbung tätig.

Nun ist er seit einiger Zeit und hoffentlich noch eine ganze Weile Chronist der Vorstadt. Last Exit Sossenheim informiert die Titanic-Leser über die mentalen und ästhetischen Desaster der von den Städten verschluckten Dörfer. Die Sossenheimer haben es ihm nicht gedankt. Doch gerade diese Arbeiten lassen den weiten Weg erkennen, den der Zeichner Poth, bei aller Unverkennbarkeit seiner Handschrift, seit seinen Anfängen gegangen ist. Die Emanzipation der Sprechblase als gestalterisches Element ist nur eine der Innovationen, die wir ihm verdanken. Der Zeichner Poth steht im Mittelpunkt dieser Erinnerungen. Manchmal fühlt er sich unterbewertet. Es ist ihm nicht zu verdenken.

Das fing schon mal damit an, dass die ganze Zeit, jetzt ist es ein bisschen besser geworden, ein Karikaturenbuch nie besprochen worden ist. Das war eben immer U, diese Spaltung, die es nur in Deutschland gibt, zwischen U und E. Das war so, wenn man ein Karikaturenbuch hatte, dann wurde das nicht richtig im Feuilleton besprochen, wie jeder Roman, sondern es gab eine Abbildung mit einem etwas längeren Untertext, wo das Buch dann genannt wurde. Die jetzt, heute, Redakteure sind, die sind alle mit Comics aufgewachsen und mit Karikaturen. Diese Unterbewertung ist jetzt nicht mehr so stark, aber sie ist noch vorhanden.

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