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StartseiteBüchermarktAus dem Schattenreich der Ehe14.12.2007

Aus dem Schattenreich der Ehe

“Nicht so schlimm“ von Nicolas Fargues

Vom Scheitern einer Ehe, dem erbarmungslosen Krieg zwischen den beiden Partnern und dem Trost einer neuen Beziehung schreibt der französische Schriftsteller Nicolas Fargues in seinem Bestseller "Nicht so schlimm". Der biografische Roman aus dem Schattenreich der Ehe reiht sich in die intim-sexuelle Literatur derzeit erfolgreicher französischer Autoren wie Michel Houellebecq oder Catherine Millet ein.

Von Christoph Vormweg

Verliebt, verlobt, verheiratet und geschieden: Nicolas Fargues schildert das Scheitern einer Ehe. (Stock.XCHNG / Arcelia Vanasse)
Verliebt, verlobt, verheiratet und geschieden: Nicolas Fargues schildert das Scheitern einer Ehe. (Stock.XCHNG / Arcelia Vanasse)

"Das ist mein erster Roman, der zu hundert Prozent autobiografisch ist."

Hundert Prozent autobiografisch? Die Feststellung von Nicolas Fargues irritiert, denn warum lanciert er "Nicht so schlimm" dann als Roman? Warum nicht einfach als "Zeugnis", Marke: Erfahrungsbericht, hundert Prozent erlebt, Abteilung Sachbuch? In jedem Fall: Knapp 200 Seiten Monolog stehen zur Debatte. Ein Mann, sprich hundert Prozent Nicolas Fargues, Jahrgang 1972, erzählt von seiner Ehekrise, seinem Ehekrieg, seiner Trennung, und: Welche Rolle die italienische Studentin Alice bei dem ganzen Tohuwabohu spielt.

"Dieses Buch ist eine Beichte: die Beichte eines Mannes, der zu jemandem spricht, der selbst nichts sagt. Für diese dringende, unbedingt nötige Beichte schien mir die alltägliche Sprache angemessen: mal gefühlvoll, mal sehr einfach, mal vulgär. Denn so redet man, wenn man versucht, Empfindungen zur Sprache zu bringen, die äußerst schmerzvoll waren. Man kann, denke ich, nicht mit Samthandschuhen über Sachen reden, die einem körperlich so nah gehen. Also schien mir die unmittelbarste Sprache dafür die beste."

Die klassische Achterbahnfahrt einer Trennung: Zuerst geht der Ehemann fremd, dann wird er, oh Wunder, von seiner Ehefrau betrogen. Auf Verlustängste folgen Eifersuchtsanfälle und nackte Aggressionen. Im Wechsel wird geschmollt. Man verweigert sich, demütigt den anderen so gut es geht. Dann wieder wird gehofft, der Versuch unternommen, zu retten, was zu retten ist:
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"Es ist der angestaute Druck zwischen uns und unserer Rachsucht, weshalb wir so vögeln, jeden Morgen und jeden Abend, energisch, aber ohne Glücksgefühl. Jeder macht es sich selbst, ohne Zärtlichkeit, ein Schwanengesang, völlig verkorkst: Wegen Alice kriege ich einen hoch und kann es meiner Frau besorgen, und weil sie sich an den Schwanz des Mobalesen erinnert, will sie meinen Schwanz."
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Noch Fragen? Wer Scheidungsschlachten durchlebt oder beobachtet hat, wird sich bei der Lektüre von "Nicht so schlimm" bald langweilen, denn Nicolas Fargues’ Beicht-Prosa ist, was die Beschreibung der Gefühlslagen angeht, hundert Prozent ironiefrei. Und das gilt es erst einmal zu verkraften.

Für Leser, die in Trennungskriegen unerfahren sind, könnte jedoch zumindest die Sezierung der Mechanismen der Zerrüttung von Interesse sein. Denn sie entwickeln - gerade wegen der Kurzsichtigkeit, der kaum gefilterten Emotionalität der Handelnden - eine Eigendynamik, die durchaus Spannung erzeugt. Die Rhythmen der Selbstzerfleischung, des Nicht-verzeihen-Könnens und des Sich-doch-wieder-Aufrappelns beschreibt Nicolas Fargues ungeschminkt realistisch:

"Ich denke, der Erzähler verlangt nicht nach Absolution. Manchmal vergibt er sich selbst, das heißt, er ist sein eigener Richter, sein eigener Rechtsanwalt, sein eigener - würde ich sagen - Advocatus Diaboli. Er ist also sein Verteidiger und sein Ankläger. Das ist ein Prozess, der sich in ihm vollzieht - mit dem Willen, dass er trotz allem erhobenen Hauptes aus dieser Beichte hervorgeht. Das ist keine völlig masochistische Beichte. Es gibt Momente, wo er versucht, sich möglichst objektiv zu betrachten, aber im Grunde besitzt er Stolz und Eigenliebe und versucht, sich selbst zu vergeben. Sein Gegenüber ist kein Priester, das ist keiner, vor dem er sich moralisch rechtfertigen will. Das ist eher ein Alter Ego, ein nötiger Spiegel."

Nicolas Fargues schätzt das selbsttherapeutische Potenzial des Schreibens. Das ist sein gutes Recht und sicher werden durch seine schonungslose Offenheit und durch den beschriebenen Slalom der Mühen der männlichen Selbsterkenntnis auch einige Leser potenziell davor bewahrt, die größten Peinlichkeiten der Trennungsschlachten selbst zu verursachen.

Doch leisten das natürlich auch die anspruchsvolleren Frauen- und Herrenmagazine auf ihren Psycho-Seiten. Wo also liegt der literarische Anspruch von "Nicht so schlimm"? Nicolas Fargues selbst sagt, dass die Romanstruktur eigentlich ungewollt gewesen sei. Ohne sie allerdings hätte wahrscheinlich kein Verlag mit literarischem Anspruch diesen Sermon gedruckt. Mit anderen Worten: Die - nennen wir es - unbewusste formale Zwanghaftigkeit des Schriftstellers, der schon vier Romane vorweisen kann, hat das Buch vor dem Totalabsturz in die psychologisierende Geschwätzigkeit gerettet. So lotst uns Nicolas Fargues routiniert zwischen verschiedenen Orten hin und her: zwischen Italien, Frankreich und Afrika. Und es gelingen ihm mitunter respektable Beschreibungen, so der Liebesnächte mit Alice oder der heilsamen Wirkung ihres Email-Verkehrs.

Hinzu kommt, dass es Nicolas Fargues versteht, Informationen geschickt zurückzuhalten, um die Dramatik der Trennungsgeschichte anzuheizen. So dürfen wir uns bis zum Ende fragen, ob die neue Liebe wirklich eine Chance gegen die alte hat, zumal auch die Zukunft von zwei süßen Kindern auf dem Spiel steht. Der Held jedenfalls, hundert Prozent Nicolas Fargues, entlässt uns nach der endlosen Kämpferei mit zwiespältigen Gefühlen:
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"Verrückt: Endlich gehöre ich mir selbst, aber ich erkenne mich nicht wieder. Ich ist ein anderer."
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"So geht das", hätte der vor kurzem verstorbene Kurt Vonnegut wahrscheinlich - wie in seinem Kultroman "Schlachthof 5" – kommentiert oder: Der erste Trennungskrieg ist eben der erste Trennungskrieg. Deshalb ist "Nicht so schlimm" auch - wenn überhaupt - ein Roman für Twens. Die werden das verzweifelte "Frei-von-der-Leber-weg" leichter als Rasanz empfinden und nicht verzweifelt im Text nach neuen, überraschenden Zwischentönen suchen, denn die braucht es, um Déjà-vu-Erlebnisse für Leser mit ersten grauen Haaren literarisch attraktiv zu machen.

Fargues, Nicolas: Nicht so schlimm
Aus dem Französischen von Frank Wegner
Rowohlt Verlag, Reinbek 2007, 190 Seiten, 16,90 Euro

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