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StartseiteKonzertdokument der WocheIronie bei Haydn und Mahler09.04.2017

Aus der Düsseldorfer TonhalleIronie bei Haydn und Mahler

Als hätte er den Sonntagsspaziergang von Carl Spitzweg vertonen wollen - so klingen die Tempovorschriften in Gustav Mahlers Sinfonie Nr. 4: bedächtig, ohne Hast, ruhevoll und sehr behaglich. Hat Mahler es wirklich so gemeint?

Am Mikrofon: Johannes Jansen

Der ungarische Dirigent Ádám Fischer (dpa / picture alliance / Claudia Esch-Kenkel)
Dem Schalk bei Haydn und Mahler auf der Spur: der Dirigent Adam Fischer (dpa / picture alliance / Claudia Esch-Kenkel)
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Joseph Haydn
Sinfonie Nr. 103 Es-Dur "Mit dem Paukenwirbel"

Gustav Mahler
Sinfonie Nr. 4 G-Dur

Hanna-Elisabeth Müller, Sopran
Düsseldorfer Symphoniker
Leitung: Adam Fischer

Aufnahme vom November 2016 aus der Tonhalle Düsseldorf

Kein anderes Werk hat dem Komponisten Gustav Mahler – wenn auch erst nach seinem Tod – so viele Freunde gewonnen wie die Vierte Sinfonie. Die einfachste Erklärung dafür ist: Sie passt auf eine Langspielplatte, wie eine auffallend große Zahl von Aufnahmen aus der Vinyl-Ära beweist. Eine andere Erklärung: Sie war ein Lieblingskind des Komponisten und damit auch jener Dirigenten, die sich ihm besonders nahe fühlten, Willem Mengelberg etwa oder Bruno Walter; beide haben Mahler noch gekannt. Doch zu Mahler hingezogen – und besonders auch zu seiner Vierten – hat es fast alle Pult-Heroen der jüngeren Schallplattengeschichte. Stets war es eine Verneigung nicht nur vor dem Genie des Komponisten, sondern auch vor einem – wenn nicht DEM – Vater ihrer Zunft. Fast möchte man ihn ›Papa Mahler‹ nennen, so wie man vom Patriarchen der Wiener Klassik einst als ›Papa Haydn‹ sprach. Eine virtuelle Begegnung zwischen diesen beiden Vätern herbeizuführen, muss für einen Dirigenten unserer Zeit ein ungemein reizvoller Gedanke sein. Vielleicht hatte Adam Fischer nicht als Erster die Idee. Aber er hat sie Wirklichkeit werden lassen. Es ist DAS Projekt seiner Amtszeit als Erster Konzertdirigent der Düsseldorfer Symphoniker und künstlerischer Berater der Tonhalle, ihrem gemeinsamen Zuhause seit der Saison 2015/16. Von dort heute Abend hier im Deutschlandfunk als Konzertdokument der Woche die Etappe Nummer II des großen, über mehrere Jahre sich erstreckenden Haydn-Mahler-Zyklus, an dessen Ende (in Co-Produktion mit dem Deutschlandfunk) eine Gesamteinspielung der Mahler-Sinfonien stehen wird. Dazu begrüßt Sie am Mikrofon Johannes Jansen. Zu Wort kommen soll natürlich auch Adam Fischer als Vater der Idee zu diesem Düsseldorfer Doppelspiel, bei dem sich zwei musikalische Weltenbauer, einer als Spiegel des anderen, gegenüberstehen. ›Niemand capiert sie‹, hat Mahler nach den ersten Aufführungen seiner Fünften Sinfonie geklagt. Was meint Adam Fischer: Macht es uns die Vierte leichter? Und wann hat er begonnen, Mahler zu kapieren?

Adam Fischer: »Es gab mehrere Mahler-Erlebnisse in meinem Leben. Aber wenn Sie fragen, wann ich Mahler kapiert habe – ich habe ihn heute noch nicht kapiert, weil ich immer wieder Neues entdecke... Wenn Sie mich fragen, welcher Dirigent oder welche Konzerte für mich entscheidend waren, dann muss ich sagen: Leonard Bernstein. Er war derjenige, der mit Offenheit und Ehrlichkeit an Mahler heranging. Das waren ganz große Erlebnisse in Wien in den siebziger Jahren, wie Bernstein Mahler entdeckt hat für eine Welt, die Mahler überhaupt nicht so geschätzt hat wie heute. Als Student habe ich ihn im Musikverein oft bei den Proben gehört.«

›Wer schreibt, der bleibt.‹ Letztlich stimmt es auch für Leonard Bernstein, aber weit mehr noch für Gustav Mahler. Den Schmähbegriff der Kapellmeistermusik haben seine Sinfonien außer Kraft gesetzt. Während der Dirigentenruhm verblasste, begannen sie zu leuchten – und besonders stark das Himmelblau der Vierten. Das himmlische Leben als eine Art Luftspiegelung irdischer Verhältnisse stand Mahler vor Augen, als er diese letzte der sogenannten Wunderhorn-Sinfonien schrieb, ausgehend von einem anrührend kindlichen und auch etwas grausigen Gedicht mit ebendiesem Titel: ›Das himmlische Leben‹. Als musikalische Humoreske hatte er es sich gedacht, und auf dem Weg dorthin, so kommt es einem vor, muss er Joseph Haydn begegnet sein. Der Humor, die Einsprengsel von Volksmusik, die scheinbar unverbrauchte Naivität einer vergangenen Zeit finden sich bei Mahler wieder, einschließlich aller Stör-Elemente, um die auch Haydn nie verlegen war.

Adam Fischer: »Ja sicherlich, die sind seelenverwandt. Dieser schelmische Humor von Haydn, den hat natürlich auch Mahler. Bei Mahler ist es – ich sage nicht: romantischer –, aber die Ironie ist etwas wehmütiger. Es ist eine Ironie über die eigene Sentimentalität. Das ist Mahler.«

Nicht aus Sentimentalität, sondern aus innerer Überzeugung kehrt Adam Fischer, ungeachtet aller sonstigen Verpflichtungen, immer wieder zu Joseph Haydn zurück. Neben Bayreuth und Budapest, Wien, New York, Düsseldorf und anderen Orten, an denen er tätig war und ist – ein Fixpunkt bleibt die von ihm vor dreißig Jahren an Haydns alter Wirkungsstätte im burgenländischen Eisenstadt gegründete Österreichisch-ungarische Haydn-Philharmonie. Unter Fischers Ägide wurden dort im historischen Konzertsaal des Schlosses Esterházy sämtliche Haydn-Sinfonien – nach neuester Zählung 107 – aufgeführt. Das wird in Düsseldorf nicht zu wiederholen sein, obwohl die Stadt eigentlich darauf brennen müsste. Sogar die ›Sinfonie mit dem Paukenwirbel‹, die zu den beliebtesten überhaupt gehört, wurde hier bis zum vergangenen Herbst seit mehr als dreißig Jahren nicht gespielt.

Adam Fischer: »Die 103 ist ein ganz seltsames Werk. Wie in der ›Missa in tempore belli‹ ist da diese Kriegsangst. Dieses Gefühl muss zurückgegeben werden ... Wenn ich eine Aufführung dirigiere, wo der zweite Satz, der bei der Uraufführung wiederholt werden musste, nicht einen besonderen Eindruck bei den Hörern hinterlässt, dann habe ich nicht authentisch Haydn dirigiert. Auf jeden Fall ist die 103 ein Meilenstein der Sinfonie überhaupt. Die ist verwandt mit der ›Eroica‹, verwandt mit den Schubert-Sinfonien, aber auch mit Brahms und Mahler. Es ist eine der interessantesten Sinfonien von Haydn. Ohne Haydn hätte die Sinfonie als Gattung einen anderen Stellenwert.«

Hier ist sie in einer Aufnahme vom 18. November 2016 aus der Düsseldorfer Tonhalle mit den Düsseldorfer Symphonikern unter der Leitung von Adam Fischer: die Sinfonie Nr. 103 in Es-Dur (die ›mit dem Paukenwirbel‹) von Joseph Haydn.

Joseph Haydn: Sinfonie Nr. 103 in Es-Dur
Düsseldorfer Symphoniker, Ltg.: Adam Fischer

Das war die Sinfonie Nr. 103 in Es-Dur (›die mit dem Paukenwirbel‹) von Joseph Haydn. Sie hören eine Aufnahme vom 18. November 2016. Es war die zweite Etappe der im Jahr 2015 begonnenen Haydn-Mahler-Aufführungsserie der Düsseldorfer Symphoniker und ihres Chef-Konzertdirigenten Adam Fischer. Neben dieser großen Haydn-Sinfonie erklang am selben Abend die kleinste von Gustav Mahler – klein freilich nur im Vergleich mit anderen Mahler-Sinfonien und deshalb immer noch zu lang, um sie hier an einem Stück zu senden. Darum vor der Nachrichtenpause nur der erste Satz der Vierten mit der Überschrift ›Bedächtig‹. Das ist – wie die Kürze – ein dehnbarer Begriff. Vielleicht darum hat Mahler noch ein ›Nicht eilen‹ hinzugesetzt. Aber auch das ist relativ, zumal Adam Fischer, aufbauend auf Erfahrungen mit vielen verschiedenen Orchestern, seine eigenen Mahler-Tempo-Vorstellungen entwickelt hat. Auch dazu mehr in der zweiten Stunde.

Gustav Mahler: 1. Satz aus der Sinfonie Nr. 4 G-Dur
Hanna-Elisabeth Müller (Sopran), Düsseldorfer Symphoniker, Ltg.: Adam Fischer


Willkommen zur zweiten Stunde der heutigen Sendung mit einem Haydn-Mahler-Abend der Düsseldorfer Symphoniker unter der Leitung von Adam Fischer. Am Mikrofon: Johannes Jansen. Sosehr die Glöckchen am Anfang auch an eine winterliche Kutschenfahrt erinnerten, war Mahlers Vierte Sinfonie, uraufgeführt im Spätherbst 1901, die Frucht zweier Sommeraufenthalte in den beiden Jahren zuvor. Nur der letzte der vier Sätze – in einem früheren Werkstadium waren es noch sechs – geht schon auf einen Entwurf aus dem Jahr 1892 zurück, als Mahler noch nicht als Direktor der Wiener Hofoper und Dirigent der Philharmoniker tätig war. Beiden Institutionen ist Adam Fischer eng verbunden, als regelmäßiger Gast und seit Januar 2017 auch Ehrenmitglied und ›Ringträger‹ der Staatsoper. Höhere Weihen sind in der Musikwelt, auch außerhalb Österreichs, schwerlich zu erlangen. Das Wiener Modell mit der Doppelbindung des Orchesters an Oper und Konzert entspricht dem Ideal des Mahler-Dirigenten Adam Fischer auch bei der Verwirklichung seiner Pläne in Düsseldorf. Es geht um das notwendige Reaktionsvermögen, um bei wiederholten Darbietungen desselben Werks – im Haydn-Mahler-Zyklus sind es immer drei Konzerte im Abstand weniger Tage – Änderungen am Detail spontan umzusetzen, gerade auch hinsichtlich der Dynamik, wie man es in der Oper schon aus Rücksicht auf die schwankenden Befindlichkeiten der Sänger tut.

Adam Fischer: »Da habe ich eigentlich sehr gute Partner hier. Die Düsseldorfer Symphoniker können das besser als manches Konzertorchester, weil sie in der Oper sozialisiert sind. Eines ist für mich wichtig: Mahler ist nicht so bombastisch, wie die Leute denken... Mahler hat die schönsten Pianissimi und die feinsten Farben. Man muss nur darauf drängen. Und ich glaube, dass das oft verlorengeht. Darum bin ich froh, dass ich in Düsseldorf Partner gefunden habe, die auch die leisen Stellen so spielen können, wie sie gehören.«

Die verbleibenden drei Sätze der Vierten Sinfonie akzentuieren in je eigener Weise, was man als Haupttugenden Fischer'scher Mahler-Interpretation bezeichnen könnte: kammermusikalische Transparenz, Sprungbereitschaft, Elastizität von Tempo und Dynamik, schließlich auch die Balance von Orchesterklang und Solostimme wie dann im letzten Satz der Vierten mit der Sopranistin Hanna-Elisabeth Müller.

Gustav Mahler: 2.-4. Satz aus der Sinfonie Nr. 4 G-Dur
Hanna-Elisabeth Müller (Sopran), Düsseldorfer Symphoniker, Ltg.: Adam Fischer

Das war von Gustav Mahler die Vierte Sinfonie in einer Aufnahme mit Hanna-Elisabeth Müller (Sopran) und den Düsseldorfer Symphonikern unter der Leitung von Adam Fischer. Eine CD-Veröffentlichung ist in Vorbereitung. Bereits erschienen – als erste Aufnahme der in Kooperation mit dem Deutschlandfunk entstehenden Gesamteinspielung – ist die Siebte Sinfonie. Zum Abschluss dieser Sendung daraus nun der dritte Satz, das Scherzo, mit dem Titel ›Schattenhaft‹ – eine Vorgabe, die, wie so oft bei Mahler, dem Dirigenten manchen Spielraum lässt. Aber es ist eine Freiheit, die er nicht in stummer Zwiesprache mit der Partitur aushandeln kann, letztlich also mit sich selbst, sondern nur im klingenden Miteinander, Takt für Takt. Doch so weit der Weg auch ist, er beginnt, um ein chinesisches Sprichwort zu bemühen, stets mit dem ersten Schritt. Adam Fischer sieht das ganz pragmatisch.

Adam Fischer: »Ich wollte mit einer Sinfonie anfangen, die das Orchester schon öfter gespielt hat. Die Siebte haben sie in der Oper öfter als Ballettabend gespielt. Darauf konnte ich bei meinem ersten Konzert mehr bauen. Jetzt kommen die Sinfonien, die etwas unbekannter sind für das Orchester. Ich glaube, die Erste haben sie seit fünf, sechs Jahren nicht mehr gespielt.«

Gustav Mahler: 3. Satz aus der Sinfonie Nr. 7
Düsseldorfer Symphoniker, Ltg.: Adam Fischer

Das war das Scherzo, der dritte Satz, aus der Sinfonie Nr. 7 von Gustav Mahler in einer Aufnahme mit den Düsseldorfer Symphonikern unter der Leitung von Adam Fischer. Wie die Vierte Sinfonie ist auch die Siebte Teil einer derzeit in Zusammenarbeit mit dem Deutschlandfunk entstehenden Gesamteinspielung der Mahler-Sinfonien, die nach und nach beim Label CAvI erscheinen wird. Am Mikrofon des Konzertdokuments verabschiedet sich Johannes Jansen.

Im Internet unter ›deutschlandfunk.de‹ steht diese Sendung noch einige Tage zum Nachhören bereit.

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