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StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenAus der Geschichte lernen?06.01.2011

Aus der Geschichte lernen?

Was historische Wirtschaftskrisen über die aktuelle Finanzkrise aussagen

Was unterscheidet die aktuelle Wirtschafts- oder Finanzkrise von früheren? Ein Vergleich könnte zeigen, welche staatlichen Eingriffe sinnvoll sind und welche unwirksam. Doch die Wirtschaftsgeschichte ist in der Wissenschaft in den Hintergrund gedrängt worden.

Von Peter Leusch

Arbeitslose leben in ausgedienten Tram-Waggons, Berlin 1932. (AP)
Arbeitslose leben in ausgedienten Tram-Waggons, Berlin 1932. (AP)

"Wenn wir die Krise erklären wollen, dann können wir uns nicht darauf zurückziehen zu sagen, das liege daran, dass Menschen es auf eine bestimmte Weise falsch gemacht haben, denn das hieße auch, dass sie es im Aufschwung auf eine bestimmte Weise richtig machen. Daran kann man das nicht festmachen, sondern man muss die Wirtschaft eher als einen dynamischen Prozess des Strukturwandels begreifen, in dem es eben Auf- und Abschwünge gibt, und dass bei langfristiger Betrachtung der wirtschaftlichen Entwicklung die Boom- und die Krisenphasen so überraschend nicht sind."

Werner Plumpe, Wirtschaftshistoriker an der Universität Frankfurt, lehnt es ab, die jüngste Finanz- und Wirtschaftskrise allein auf das Versagen bestimmter Akteure oder auf menschliche Gier im Allgemeinen zurückzuführen. Nein, die Krise gehöre zum Kapitalismus wie das Gewitter zu einem heißen Sommertag. Dergleichen las man schon bei Karl Marx. Für Marx manifestierte sich in den Krisen der unvermeidliche Niedergang des Kapitalismus. Werner Plumpe zieht jedoch eine andere Konsequenz, folgt dabei dem österreichisch-amerikanischen Ökonom Josef Schumpeter.

"Marx meinte, dass geht in der Tendenz nach unten und irgendwann bricht der Kapitalismus zusammen, Schumpeter sagt, solange er innovativ ist, der Kapitalismus, solange er neue technische Lösungen hervorbringt - in Marxschen Worten: solange die Produktivkräfte sich entwickeln könnten - solange sei ihm um den Kapitalismus nicht bange, und ich finde, da ist empirisch was dran."

Geht der Kapitalismus gestärkt aus der Krise empor - neugeboren wie Phönix aus der Asche?
So einfach ist es Werner Plumpe zufolge nicht, denn es gebe keinen Automatismus der Selbstheilung. Um die Krise zu bewältigen sei es nötig, dieses Phänomen umfassend zu analysieren, auch in dem man andere historische Krisenszenarien heranzieht und mit der aktuellen vergleicht. Das hat Plumpe jüngst in dem Buch "Wirtschaftskrisen. Geschichte und Gegenwart" versucht. Toni Pierenkemper, ebenfalls Wirtschaftshistoriker, der bis zu seiner Emeritierung an der Universität Köln lehrte, markiert dabei einen Unterschied zwischen traditioneller und moderner Ökonomie:

"Natürlich hat es immer exogene, von außen kommende Impulse gegeben, die Ungleichgewichte in der Wirtschaft erzeugt haben, das war schon in der Antike so, die apokalyptischen Reiter Pest, Hunger und Kriege waren wohlbekannt, in der modernen Wirtschaft ist es so, dass diese Instabilität eine Eigentümlichkeit des Systems geworden ist, und wenn man auf die aktuelle Krise hinweist, dann ist das eine besondere Form, eine Spekulationskrise gewesen, - die jetzt als neue Krise uns entgegentritt als Staatsfinanzkrise - das sind sehr unterschiedliche Dinge, und die lassen sich auch in der Geschichte sehr unterschiedlich verfolgen."

Gerade für Spekulationskrisen bietet die Geschichte bestes Anschauungsmaterial. Lange bevor der moderne Industriekapitalismus entstand, trieb die Spekulation zum Beispiel um 1636 in Amsterdam eine ebenso schillernde wie kuriose Blüte. Damals investierten Kaufleute und Spekulanten ein Vermögen in eine Blumenzwiebel, in die Tulpe. Werner Plumpe:

"Es gab immer Neuzüchtungen, und es entstand ein Wettlauf um die besten Tulpen, und dadurch stiegen die Preise an. Und im Höhepunkt der Tulpenspekulation, da konnte man für eine Zwiebel der Sorte Semper Augustus in Amsterdam drei Häuser kaufen, das ist eine ganze Menge, die Zwiebel wurden auch in Anteilsscheinen gehandelt usw. Das heißt, man erkennt hier eine richtig schöne spekulative Blase, weil alle Menschen davon ausgehen, die Tulpenpreise steigen weiter."

Bis die Blase platzte - bei dieser Tulpenmanie ebenso wie 100 Jahre später bei der so genannten Südseespekulation oder dem Mississippi-Schwindel oder der jüngsten Immobilienspekulation in Amerika: Es ist bis heute ein- und dieselbe Logik. Spekulation setzt zweierlei voraus: Erstens reichlich billiges Geld aufgrund günstiger Kredite, zweitens hohe Erwartungen, dass mit einem bestimmten Produkt oder einer Technik große Gewinnchancen verbunden sind.

Aber in den Auswirkungen auf die Gesellschaft bestehen große Unterschiede zwischen der Tulpenmanie damals und den Spekulationsblasen heute, wie zuletzt auf dem amerikanischen Immobilienmarkt. Toni Pierenkemper:

"Da waren ein paar Spekulanten in Amsterdam, die haben investiert, einige haben gewonnen, andere haben verloren - Spekulation ist immer ein Nullsummenspiel - aber der tumbe Bauer irgendwo in der Provinz oder in Deutschland hat, wenn er überhaupt davon gehört hat, es zwei Jahre später zur Kenntnis genommen und war nicht davon betroffen.
Das wurde aber zunehmend stärker, je mehr Leute beteiligt sind, je höher das Wohlfahrtsniveau ist und Leute Geld haben um mitzuspekulieren, umso riskanter wird es, das Risiko wird gestreut und die Verknüpfung zwischen dem Finanzsystem und der Realwirtschaft wird immer enger, das ist im Verlauf der Zeit so gewesen und das ist bis heute so."

Bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts hinein waren Wirtschaftskrisen in der Hauptsache Agrarkrisen. Um 1850 arbeiteten in Europa 70 bis 80 Prozent der Menschen in der Landwirtschaft und einfacher gewerblicher Tätigkeit. Sie waren damit beschäftigt Nahrungsmittel zu beschaffen, Grundbedürfnisse zu stillen. Konjunkturzyklen wie heute mit ihren Auswirkungen auf Arbeitsmarkt und Konsumverhalten kannte man nicht, umso fataler allerdings wirkten sich - meist witterungsbedingte - Missernten aus. Auf dem Lande hungerten die Menschen, in den Städten sanken die Löhne, stieg die Arbeitslosigkeit.
Transportmittel und -infrastruktur, um mangelnde Nahrungsgüter aus anderen Ländern herbeizuschaffen, existierten noch nicht. Eine Wirtschaftskrise damals bedeutete Hunger, Krankheit und Tod. Werner Plumpe:

"Die dramatischste dieser älteren Krisen ist wahrscheinlich die gewesen, die in den 1840er Jahren Irland getroffen hat. Da kam zum einen eine Kartoffelkrankheit, zum anderen fielen die Getreideernten europaweit sehr schlecht aus, die Preise waren sehr hoch - man muss sich das vorstellen: in Irland stirbt in den 1840er Jahren ein Drittel der Bevölkerung, ein Drittel der Iren wandert aus, und ein Drittel schafft es sich im Lande zu behaupten, aber dass das geradezu traumatische Wirkungen hat, und dass diese älteren Krisen alle eine unmittelbare existentielle Bedrohung des Menschen waren, so traumatisch in Erinnerung sind, das ist gut nachvollziehbar. Unseren modernen Krisen, die gemessen an den vorkapitalistischen Krisen zwar schwer, zum Teil auch dramatisch sind wie die Weltwirtschaftskrise von 1929, fehlt in der Regel aber völlig diese apokalyptische Dimension."

Hatte die Weltwirtschaftskrise nicht doch apokalyptische Dimension, jedenfalls für die Weimarer Republik und den deutschen Weg in Nationalsozialismus und Zweiten Weltkrieg, in Völkermord und millionenfaches Elend für ganz Europa? 1932, auf dem Höhepunkt der Weltwirtschaftskrise, gab es in Deutschland sechs Millionen Arbeitslose. Rechnet man Kurzarbeit und versteckte Arbeitslosigkeit hinzu, schreibt Werner Plumpe, so war die Hälfte der Bevölkerung erwerbslos. Soziales Elend und politische Radikalisierung bereiteten den Boden für Hitlers Machtergreifung.

Die Weltwirtschaftskrise steht bis heute im Fokus nicht nur von Ökonomen und Wirtschaftshistorikern, ihr gilt auch der besorgte Blick der Politiker während der jüngsten Krise: Wie war die Situation damals, welche Maßnahmen wurden in den USA, in Großbritannien, in Deutschland ergriffen. Kann man daraus Lehren ziehen für die Gegenwart?
Moritz Schularick, Wirtschaftshistoriker am John-F.-Kennedy-Institut der FU Berlin hat zur Weltwirtschaftskrise in den USA geforscht:

"Das, was ins Auge springt, ist, dass es durchaus ähnliche Elemente gab, nämlich starkes Kreditwachstum, ein großer Optimismus - die 20er-Jahre in den USA, das ist das Jahrzehnt, in dem die USA elektrifiziert werden, in dem der Strom in den Haushalten ankommt, die Jahre, in denen man sich Autos und Kühlschränke und Waschmaschinen kauft, also ein großer Zukunftsoptimismus, der dann zunehmend seinen Ausdruck darin findet, dass man Kredit aufnimmt, sprich dass man künftiges Einkommen heute schon für den Konsum einsetzt. Dann aber hat die Weltwirtschaftskrise neben dieser Ähnlichkeit auch ganz andere Elemente, es geht nicht ums Internet, um den Aufstieg Chinas und Indiens, sondern es ging um Autos und Kühlschränke und die Elektrifizierung."

Als erledigt und endgültig beantwortet gilt unter Wirtschaftshistorikern die Frage, ob denn die Nationalsozialisten seinerzeit die Arbeitslosigkeit in Deutschland beseitigt und für Vollbeschäftigung gesorgt hätten, eine Behauptung, mit der sie nicht nur bei den Zeitgenossen, sondern auch noch im Nachkriegsdeutschland punkten konnten. Toni Pierenkemper kann darauf nur noch sarkastisch antworten:

"Wenn Sie alle Leute in die Wehrmacht schicken, dann haben Sie das Beschäftigungsproblem gelöst, und wenn Sie die nach Russland schicken, dann haben Sie die auch gut beschäftigt. Aber ist das eine Lösung - die Leute von der Straße zu bringen? Das war es ganz gewiss nicht. Denn erstens war es so, dass der Höhepunkt der Krise längst durchschritten war, als die Nazis an die Macht kamen, der Tiefpunkt der Beschäftigung ist bereits Ende 1932 erreicht, und es ist auch in anderen Ländern so gewesen, dass erste Kräfte des Aufschwungs sich durchsetzten. Erste Vollbeschäftigung kann man erst 1936 konstatieren, und das eben aufgrund der Maßnahmen, die nicht gerade marktgerecht waren."

Die Weltwirtschaftskrise hat eine Fülle von Einzeluntersuchungen zu bestimmten Aspekten hervorgerufen, ja sogar ganze ökonomische Theorien provoziert. In der Zusammenschau bilanziert Werner Plumpe, dass die politischen Zustände in der Zwischenkriegszeit wichtiger waren für die Eskalation der Krise als einzelne ökonomische Faktoren. Toni Pierenkemper argumentiert ebenso:

"Im Grunde war es so, dass erstens das Weltwirtschaftssystem infolge des Ersten Weltkriegs zerrüttet war und es keine erfolgreichen Maßnahmen gegeben hat, dies wieder zu kitten und ins Gleichgewicht zu bringen - im Gegenteil: Es hat einen Abwertungswettbewerb zwischen den verschiedenen Ländern gegeben, um die eigenen Probleme auf Kosten der Nachbarn zu sanieren. Es hat keine Zusammenarbeit im internationalen Rahmen gegeben, weder im Bereich der Zollpolitik - dort hat es protektionistische Maßnahmen gegeben - noch im Bereich der Geldpolitik, wo es auch keine Zusammenarbeit der Zentralbanken in hinreichendem Maße gegeben hat. Und dann kam auch die Spekulation als Auslöser in den USA hinzu, und die Wirkung auf Deutschland über die Verschuldung, über die Zwänge, weiterhin die Reparationsschulden bedienen zu sollen oder zu wollen, was dann zu einer Bankenkrise auch in Deutschland geführt hat."

Nach dem Zweiten Weltkrieg hat man es besser gemacht und die internationale Zusammenarbeit gesucht. Das zeigt, meint Pierenkemper, dass man durchaus manchmal aus der Geschichte lernt. Auch in der aktuellen Finanzkrise greift die internationale Kooperation. Selbst wenn die beschlossenen Maßnahmen umstritten sind, vielleicht auch nicht ausreichen, so steht doch der Wille zur Zusammenarbeit außer Frage.

Die globale Verflechtung der Wirtschaft macht internationale Kooperation notwendiger denn je. Denn die ökonomischen Krisen, so das nüchterne Fazit Werner Plumpes, gehören zum Kapitalismus hinzu als unvermeidliche Kehrseite seiner Dynamik, seines steten Strukturwandels. Der Glaube an ein ständiges Gleichgewicht sei eine utopische Verkennung. Werner Plumpe plädiert deshalb für einen gelassenen Umgang mit Krisen, fordert dazu aber auch ein neu austariertes Regulierungs-Set, das nicht nur zum Feuerwehreinsatz in der Krise taugt, sondern die Wirtschaft durchgehend rahmt, in Zeiten des Aufschwungs ebenso wie in der Rezession.

Moritz Schularick konkretisiert diese Forderung mit Hinweis auf die historisch weit höhere Eigensicherung der Banken:

"Der Grundsatz muss sein, dass die Banken einen viel größeren Eigenkapitalpuffer bekommen, wenn man ins späte 19. oder 20. Jahrhundert guckt, dann waren Eigenkapitalquoten von 20, 30, 40 Prozent ganz normal, die sind vor der Krise auf drei, vier Prozent heruntergegangen. Da muss der Puffer wieder viel größer werden, ich denke, da sind auch die acht Prozent, von denen jetzt in den Verhandlungen die Rede ist, völlig unzureichend, wir müssen deutlich über die zehn, eher an die 20 Prozent herankommen. Meine These ist, dass die realwirtschaftlichen Konsequenzen sehr gering wären, denn ein Großteil des Kreditwachstums, den die Banken in den letzten zehn, 20 Jahren finanziert haben, ging nicht in sinnvolle produktive Investitionen, sondern vor allem in die Spekulation mit Vermögenswerten, in erster Linie mit Immobilien."

Die Wirtschaftshistoriker sind sich prinzipiell einig in ihrer Forderung nach einer stärkeren Regulierung. Es scheint, dass auch in der Wissenschaft die Vorherrschaft des Neoliberalismus gebrochen ist, jener Glaube, dass der Markt die wirtschaftlichen Probleme am besten allein lösen könne. Über der jüngsten Krise ist die Politik, nicht nur als Dukatenesel, sondern auch als Ordnungsgarant wieder gefragt. Und ebenso die Tradition der Sozialpartnerschaft in Deutschland, die zuletzt im globalen Geschäft nur als Ballast und Profitbremse angesehen wurde. Werner Plumpe:

"In den 90er-Jahren und nach der Jahrtausendwende war es geradezu selbstverständlich, dass man bestimmte Traditionen der deutschen Wirtschaft und Sozialpolitik als hinterwäldlerisch bezeichnete, weil der wirtschaftliche Aufschwung in Amerika, England, Irland doch zeigte, es geht alles in Richtung Dienstleistungsgesellschaft, ökonomische Transaktionen, das Englische war Inbegriff des Modernen schlechthin, was in der Krise sich gar nicht als überlegen bewahrheitete und wirtschaftlich erfolgreich. Heute sehen wir, dass das Festhalten an bestimmten Traditionen, etwa unserer industriellen Struktur, an bestimmten Traditionen der Arbeitskräfteausbildung und bestimmten Traditionen der Sozialpartnerschaft im Aufschwung vielleicht etwas langsamer nur zum Tragen kommt, aber dafür in der Krise seine großen Vorteile besitzt."

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