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StartseiteSport am WochenendeAus Tradition fremd26.12.2011

Aus Tradition fremd

Der polnische Fußballklub Pogon Lwów spielt mit Überzeugung in der ukrainischen Liga

Die Fußballeuropameisterschaft im kommenden Jahr in Polen und der Ukraine soll auch die beiden Gastgeberländer näher zueinander führen. Ein Fußballverein im ukrainischen Lwiw steht dabei als Beispiel für die gemeinsame Geschichte beider Länder. Bei Pogon Lwów spielen Polen in der Ukraine für Tradition und Toleranz.

Von Tilo Mahn

Im Auto unterwegs durch die Stadt Lemberg in der Westukraine. (Janko Hanushevsky)
Im Auto unterwegs durch die Stadt Lemberg in der Westukraine. (Janko Hanushevsky)

Ganz oben auf dem Rathausturm von Lwiw treffen sich Touristen und Einheimische. Das Thema ist klar: Es geht um Fußball. Polnische Touristen besuchen schon vor der EM 2012 Jahr die nahe gelegene, westukrainische Stadt besonders gern.

"Ich setze auf Spanien, aber Deutschland zählt auch zu den Favoriten. Deutschland, Holland und Spanien ... "

"Ja, Touristen werden viele kommen. Touristen aus Polen und woanders her, hier in unsere Stadt."

"Ich bin keine Fußballexpertin. Aber ich hoffe auf eine Möglichkeit, uns hier gut zu präsentieren."

Lwiw ist eine der Gastgeberstädte für die Europameisterschaft im kommenden Jahr - und eine Stadt, die für die Geschichte zwischen Polen und der Ukraine steht. Ehemals auf polnischem Gebiet gelegen hat auch der Fußball in Lwiw eine polnische Vergangenheit. 1904 gründete hier ein Professor einen der ältesten polnischen Fußballvereine: Pogon Lwów. Neben den sportlichen Erfolgen - Lwów wurde vier Mal polnischer Meister - setzte sich der Verein schon früh für politische Fragen ein. Jüdische Fußballer, in anderen Vereinen Anfang der 30er-Jahre ausgegrenzt, spielten bei Pogon Lwów bis zum Beginn des Zweiten Weltkrieges. Bis heute erinnert der Präsident des Klubs, Marek Horban, an die Ursprünge:

"Jeder Spieler bei uns weiß: Wenn er unser Trikot trägt, hat er auch unsere gesamte Geschichte am Körper mit allen Werten und Ideen, aber auch die Geschichte der Beziehungen zweier Länder."

Horban gehört zur polnischen Minderheit in Lwiw. Der Verein, dessen Erfolge aus den 20er Jahren er selber nur aus Erzählungen kennt, ist während des Zweiten Weltkrieges in der Bedeutungslosigkeit verschwunden. Das polnische Lwów wurde ukrainisch, der Verein löste sich auf. 71 Jahre lang war Pogon Lwów nur noch ein Name. Doch vergessen hatten die Polen in Lwiw ihren Verein nicht:

"Wir haben viele Kinder polnischer Herkunft, die hier zur Schule gehen. Es ist allgemein schwer, in Lwiw eine Familie zu finden, die überhaupt keine polnischen Wurzeln hat."

2009 hat Marek Horban zusammen mit polnischen Studenten den Verein neu gegründet - zuerst nur mit Amateurspielern. Das erste Training fand bei Schnee im Stadtpark statt. Für die Trainersuche hat Horban die polnischen Medien zu Hilfe genommen. Seine Kontakte in die Wirtschaft brachten dem Verein einen Sponsor - eine polnische Versicherungsfirma. Die Stadt Lwiw lobt das Engagement der polnischen Minderheit, hält sich bei finanziellen Mitteln jedoch vornehm zurück. Der Bürgermeister Andri Sadovyj blickt vor allem auf die bevorstehende Europameisterschaft:

"Der Verein ist auch ein Versuch, noch einmal zurückzublicken in die Geschichte. Das erste Fußballspiel hier in Lwiw fand zwischen Pogon und Krakau statt. Wir haben gute und freundschaftliche Beziehungen zu polnischen Kollegen. Wenn man sich die Karte der Europameisterschaft anschaut, dann liegt Lwiw genau in der Mitte zwischen den polnischen und ukrainischen Gastgeberstädten. Lwiw ist sozusagen das Herz."

Pogon Lwów spielt in der vierten ukrainischen Liga. Als Exot und Wanderverein. Polnische Fans unterstützen den Verein mit Internetauftritten. Inzwischen spielen Fußballer aus verschiedenen Ländern beim polnischen Traditionsverein. Pogon Lwów versteht sich nicht als Enklave polnischer Bürger. Zusammen mit Trainern und Spielern will Marek Horban im Fußball Toleranz und Bewusstsein für die Geschichte leben. Horbans Klub lebt dabei von seinem besonderen Engagement.

"Manchmal verstehen Profispieler nicht, warum andere Fußballer bei uns spielen, obwohl sie woanders viel mehr verdienen könnten."

Zur Europameisterschaft erwartet die Stadt Lwiw Touristen aus ganz Europa. Drei Spiele im neuen Stadion an der Stadtgrenze. Viele Polen werden kommen, einige auch, um Pogon Lwów zu sehen, hofft Marek Horban:

"Wir sind ein Lwiwer Verein und wollen auch hier spielen."

Deshalb sucht Marek Horban weiter nach einer festen Spielstätte für seinen Verein. Zur Europameisterschaft will sich die Stadt Lwiw mit dem neuen Stadion als guter Gastgeber für EM-Touristen präsentieren. Wenn er Sponsoren findet, will Marek Horban auch mit Pogon Lwów einmal in der neuen Arena spielen. Dann als Gastgeber für Fußballfans aus aller Welt.

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