Kultur heute / Archiv /

 

Aus zwei mach eins

In Lübeck wird das Museumsquartier St. Annen eröffnet

Von Rainer Berthold Schossig

Das wertvollstem Ausstellungsstück des neugestalteten Museumsqaurtier St.Annen in Lübeck: der Memling Altar aus dem Jahr 1491.
Das wertvollstem Ausstellungsstück des neugestalteten Museumsqaurtier St.Annen in Lübeck: der Memling Altar aus dem Jahr 1491. (picture alliance / dpa / Markus Scholz)

Nach mehrjährigen Umbauarbeiten verschmelzen das Lübecker St. Annen-Museum und die Kunsthalle zum Museumsquartier St. Annen. Das neue Quartier spannt einen Bogen von mittelalterlichen Altären bis zur modernen Kunst und gibt Einblick in die bürgerliche Wohnkultur der Hansestadt.

Ortstermin im Lübecker Viertel St. Annen. Hier, im Süden der Altstadt wohnten traditionell Handwerker, rund um die gotische St. Ägidien. Heute leben hier, hinter Puppenstubenfassaden, viele Menschen am Tropf sozialer Fürsorge. Neben den Renaissancehäusern der Beginenkonvente, dem Logenhaus und der Synagoge aus dem 18. Jahrhundert - das St. Annen-Kloster - ein altes Museum, für Thomas Baltrock, Pastor an der Ägidienkirche, lange ein Fremdkörper:

"Bisher ruhte dieses Museum ein bisschen wie ein UFO hier in der Bewohnerschaft dieses Quartiers!"

Das soll sich jetzt ändern: Hans Wisskirchen, dem leitenden Direktor der Lübecker Museen, kam vor fünf Jahren, anlässlich einer Ausstellung für den Lübecker Komponisten Dieterich Buxtehude, die Idee, das alte Museum und seine Bestände umzukrempeln. Das Ergebnis kann sich sehen lassen:

"Wir gründen ein neues Museumsquartier, indem wir die Kunsthalle St. Annen und das St. Annen-Museum – 4.500 Quadratmeter Ausstellungsfläche, Gänge, Höfe und Gärten – zu einem Quartier zusammenfassen, wo man einen halben Tag verbringen kann."

Man betritt das 500 Jahre alte Gebäude durch einen gotischen Torbogen der Ruine der St. Annenkirche. Im Erdgeschoss stößt man auf Dutzende lübischer Reliefs und Skulpturen sowie ausladender niederländischer Altäre. Der Kunsthistoriker Jan Friedrich Richter ist zuständig für die mittelalterliche Sammlung:

"Wir haben den Vorteil, dass von der Brandkatastrophe des 19. Jahrhunderts große Teile des Klosters erhalten sind, die zwar ursprünglich keine Ausstattungsstücke enthalten haben, aber die trotzdem einen sehr guten Eindruck davon bieten, wie mittelalterliche Räume mit den Klostergewölben, den Säulenstützen ausgesehen haben."

Lübeck war als Zentrum des südwestlichen Ostseeraums Jahrhunderte lang Hauptmacht der Hanse und damit lukrativer Standort für Kunsthandwerker, die nicht nur Lübecker Kirchen schmückten, sondern bis nach Skandinavien hin wirkten. Zugleich gab es lebendige Beziehungen zu niederdeutschen und flämischen Künstlern.

Glanzstück der Sammlung: Hans Memlings prächtiger Passionsaltar aus dem Jahre 1491. Als würdige Neuerwerbung ist kürzlich ein kostbarer Flügelaltar Jacob von Utrechts hinzugekommen. Direktor Hans Wisskirchen legt Wert darauf, die Trias von religiöser, bürgerlicher und moderner Kunst zu inszenieren:

"Glaube, Gesellschaft und Kunst. Die entwickeln sich aus der Geschichte dieses Ortes. Es war uns wichtig, dass wir nichts von außen aus Marketinggründen hier aufsetzen, das kann nie funktionieren. Dieser Ort ist 1515 gegründet worden, als Jungfrauenkloster. Die reichen Lübecker Bürger brauchten einen neuen Ort, an dem die jungen, unverheirateten Frauen als Nonnen leben konnten. Es kam auch nach Lübeck die Reformation, da gab es einen Funktionswandel, ab 1601 ist es Armen- und Waisenhaus gewesen, teilweise auch mal Gefängnis, und 1915 dann das große Staatsmuseum – also ein Ort der Kunst."

Über 1000 Exponate aus fünf Jahrhunderten von kleinen Alltagsdingen, wie Schiefertafeln oder Medaillons, über Musikinstrumente, Möbel, Tapeten und Freundschaftsbilder bis zu ganzen Prunkräumen aus Renaissance, Barock und Klassizismus beglaubigen die große bürgerliche Kulturgeschichte Lübecks. Bettina Zöller-Stock, die Leiterin des St. Annen-Museums, über ihre Schätze:

"Es ist ein Spezifikum unserer Sammlung, dass die Schätze, die wir hier bewahren, überwiegend aus bürgerlichem Besitz stammen. Und ein weiteres Spezifikum ist die Atmosphäre dieses Hauses, Einbauten, die vor 100 Jahren zur Museums aus Abbruch- und Altenhäusern in Lübeck entnommen und hierhin transloziert worden sind."

Die Konzentration und Neuinszenierung des Gesamtbestandes weitet und schärft zugleich den Blick auf die bislang eher im Verborgenen schlummernden ererbten Reichtümer der Stadt. Auch die Kinderspielzeug-Abteilung sowie die bisher eher im Schatten stehende moderne Kunsthalle haben nun endlich eine Chance, weit über die Grenzen der Stadt wahrgenommen zu werden. Zugleich ist St. Annen auch ein metropoles Museumsquartier im nahezu dörflichen Ägidienviertel. Pastor Thomas Baltrock sieht darin aber keine Konkurrenz:

"Ob dieses Viertel in 50 Jahren als Museumsquartier firmiert oder immer noch als Ägidienviertel, das mögen die Herrschaften in 50 Jahren entscheiden."

Weiterführende Infos zur Neugestaltung: Museumsquartier St. Annen in Lübeck

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Kultur heute

Sex-Spot des UmweltministeriumsMixtur aus Umwelterregtheit und Kindesmissbrauch

Ein Mann und eine Frau als Silhouette küssen sich am 08.01.2013 in Berlin.

Die Tochter überrascht ihre Eltern beim Sex im Wohnzimmer und macht pikiert das Licht aus. So zeigt es ein Spot, den Bundesumweltministerin Hendricks abgesegnet hat. Das Ziel: für Stromsparen und damit für den Klimaschutz werben. Sex zur Volksaufklärung - offenbar kocht die politische Libido der Ministerin über, meint unser Autor Burkhard Müller-Ullrich.

Caracas Kultur im Visier

Kultur heute Die Sendung vom 23. November 2014

 

Kultur

Protest in der KunstweltAusverkauf der öffentlichen Kunstsammlungen?

Die Andy Warhol Kunstwerke (l-r) "Triple Elvis" (1963) und "Four Marlon" (1966). Die Westdeutschen Spielbanken wollen in New York zwei ihrer wichtigsten Bilder versteigern lassen und erhoffen sich dafür 100 Millionen Euro.

Der Verkauf von zwei bedeutenden frühen Andy-Warhol-Gemälden durch das Land Nordrhein-Westfalen hat zu massiven Protesten aus der Kunstwelt geführt. Dabei wurde auch die Frage nach der Verantwortung der öffentlichen Hand für den Kunstbesitz aufgeworfen. Der Direktor des Kunstmuseums Bonn Stephan Berg zählt zu den Kritikern des Verkaufs.

Der fünfte BeatleEinsam, depressiv und tablettenabhängig

(L-r) John Lennon, George Harrison, Manager Brian Epstein, Ringo Starr und Paul McCartney relaxen in einer Hotel-Suite während einer Auslandstournee der britischen Popgruppe The Beatles. (Undatierte Aufnahme). Brian Epstein, erfolgreicher Manager der Pilzköpfe, wurde am 19.09.1934 in Liverpool geboren und am 27.08.1967 tot in seiner Wohung in Belgravia in London aufgefunden.

"Wenn es einen fünften Beatle gegeben hat, dann war es Brian Epstein", sagte Paul McCartney einmal. Der tragische Tod von Epstein läutete auch das Ende der Beatles ein. Vor Kurzem ist seine Autobiografie in deutscher Sprache erschienen

CorsogesprächMithüpf-Garantie für das Party-Proletariat

Die Musiker der Punkrockband "Schmutzki" (v.l) Beat Schmutz (Gitarre), Dany Maier (Bass), Florian Hagmüller (Schlagzeug) stehen am 14.11.2013 in ihrem Probenraum in Stuttgart-Möhringen.

"Backstage", "Disko Diktatur" oder "Krass gut" - so heißen Songs von Schmutzki, einem Stuttgarter Punkrock-Trio. Die Jungs repräsentieren und ironisieren gleichzeitig das wilde Leben als coole Band, spielen mit selbst gelebten Klischees und bieten einen erfrischend melodiösen Punkrock inklusive Mithüpf-Garantie.