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StartseiteInterview"Das ist auch Aufgabe der Politik"29.08.2016

Ausbau des Digitalradios"Das ist auch Aufgabe der Politik"

Die öffentlich-rechtlichen Radiosender in Deutschland treiben den Ausbau des Digitalstandards DAB+ voran. Private Sender sträuben sich - zu hoch sind für sie die Umrüstungskosten. Deutschlandradio-Intendant Willi Steul fordert deswegen Politik und Regulierungsbehörden zur Mithilfe auf - denn DAB+ sei längst auch international der technische Standard für qualitativ hochwertiges Radiohören, sagte er im DLF.

Willi Steul im Gespräch mit Dirk Müller

(Deutschlandradio - Bettina Fürst-Fastré)
Willi Steul ist seit 2009 Chef vom Deutschlandradio (Bild: Deutschlandradio - Bettina Fürst-Fastré) (Deutschlandradio - Bettina Fürst-Fastré)
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Auch sei der Betrieb für DAB+-Radio viel günstiger, so Steul. Die gut 320 UKW-Frequenzen des Deutschlandradios zu bespielen, koste 38 Millionen Euro. Damit sei der flächendeckende Empfang von Deutschlandfunk und Deutschlandradio Kultur aber nicht gewährleistet. "Wir sind mit dem Deutschlandfunk in etwa 70 Prozent der Fläche und von 70 Prozent der Menschen erreichbar, mit Deutschlandradio Kultur weniger als 60." Nur mit dem Digitalradio könne man 100 Prozent erreichen - und das für 23 Millionen Euro.

Steul äußerte Verständnis für die Zurückhaltung der privaten Radiosender beim DAB+-Ausbau. UKW-Frequenzen seien beschränkt - damit gebe es auch weniger Konkurrenz und die Sender könnten ihre Refinanzierung sichern. Gleichzeitig bedeute der Umbau auf Digitalradio hohe Kosten. "Deswegen ist es auch Aufgabe der Politik und Regulierungsbehörden, dass man hier Lösungen sucht," sagte Steul. "Am Ende ist nämlich der Betrieb von DAB für alle sehr viel billiger."

Internet-Streaming keine Konkurrenz

Und auch die Qualität des Digitalradios sei unbestritten. "Über die Technik brauchen wir nicht mehr reden, das ist auch international der Standard." Die Schweiz beispielsweise schalte ab 2025 UKW komplett ab.

Konkurrenz für das Digitalradio durch Streaming im Internet sieht Steul nicht. "Es ist kein Gegensatz. Wir brauchen Streaming, aber auch DAB+ als Ersatz für UKW."


Das Interview in voller Länge:

Dirk Müller: Schnellere und präzisere Verkehrsnachrichten auf Abruf zu jeder Zeit, ebenso politische Nachrichten, Informationen, Sport und Musik, immer und sofort zu haben in der ganzen Bandbreite der Radiolandschaft, kein lästiges Frequenz- und Sendersuchen mehr, ein viel größeres Angebot ohne Störungen, auf dem Gipfel der Zugspitze genauso zu empfangen wie auf den Ostfriesischen Inseln, und das alles viel billiger zu haben als bislang - das verspricht das Digitalradio, eine Technik, die vor allem die öffentlich-rechtlichen Sender in Deutschland ausbauen wollen. Das passiert nicht nur in Deutschland. In Frankreich und Großbritannien beispielsweise ist digitales Hören längst auf dem Vormarsch. Aber es gibt auch Widerstände und mächtig Konkurrenz via Internet beispielsweise durch Streamen. Die ARD und Deutschlandradio haben heute Thementag Digitalradio. Wie gut ist das Digitalradio? Das ist jetzt unser Thema am Deutschlandfunk-Thementag mit Deutschlandfunk-Intendant Willi Steul. Ich begrüße ihn in Berlin. Guten Morgen!

Willi Steul: Guten Morgen, Herr Müller.

Müller: Herr Steul, mit Blick auf die Politik: Ist das wirklich ein Eiertanz?

Steul: Ja, das ist ein Eiertanz. Über die Technologie und über die Technik brauchen wir überhaupt nicht mehr zu reden. Auch international ist dies der Standard. Nein, es geht hier um Interessen und es geht auch um Wirtschaftsinteressen. Wenn die zwei Jungs aus Nordrhein-Westfalen, der Jürgen Brautmeier und der Staatssekretär Marc Jan Eumann, das UKW so sehr verteidigen, dann ist das auch die besondere Situation der Privatfunk-Landschaft in NRW, die sie verteidigen. In Bayern sieht es ganz anders aus.

Technologische und preisliche Vorteile

Müller: Das sind SPD-Medienpolitiker, also wichtige Kräfte in diesem Zusammenhang?

Steul: Marc Jan Eumann ist ein SPD-Medienpolitiker, Jürgen Brautmeier, der gehört dieser Partei nicht an. Aber gut, er war Direktor der Landesmedienanstalt von Nordrhein-Westfalen. Nein, es gibt eine Debatte, die ist schon seit Jahren geführt. Die ist in der Schweiz entschieden. Die Schweiz wird ab 2025 beginnen, das UKW-Netz abzuschalten. Die technologischen und technischen Vorteile liegen auf der Hand. Ich gebe Ihnen mal einen Preisvergleich auch. Deutschlandradio bespielt mit seinen Programmen derzeit 322, glaube ich, oder 323 UKW-Frequenzen und die Verbreitung kostet uns 38 Millionen. Wir sind mit dem Deutschlandfunk in etwa 70 Prozent der Fläche und von 70 Prozent der Menschen erreichbar, mit Deutschlandradio Kultur weniger als 60. Wenn wir aber eine 100-Prozent-Verbreitung haben - und die erhalten wir nur über DAB -, dann kostet uns das statt 36 Millionen nur noch 23 Millionen. Das ist ein Wort, es ist also der Preis.

Der Kampf gegen DAB oder der Widerstand gegen DAB, nennen wir es mal so: Wenn ich eine UKW-Frequenz habe und die UKW-Frequenzen sind knapp, dann beschränkt das die Konkurrenz. Das heißt: Habe ich eine UKW-Frequenz, dann kann ich aus dieser UKW-Frequenz auch meine Refinanzierung als Privatprogramm erreichen. Und das verstehe ich schon, dass man die Konkurrenz fürchtet, und das verstehe ich auch schon, dass die Kosten, wenn ich zunächst in der Übergangsphase parallel DAB und UKW ausstrahle, dass das dann teuer wird.

"Wir brauchen Internet-Streaming und DAB"

Müller: Herr Steul, wenn ich jetzt viel, viel jünger wäre als ich bin, dann würde ich sagen, was will der Willi Steul eigentlich mit diesem Digitalradio DAB plus. Ich habe mein Smartphone, meinen Mobilfunk, und damit kann ich alles bekommen was ich will. Warum dann digital?

Steul: Im Krisenfalle bricht das Mobilfunknetz zusammen. Das kennen wir alle schon, auch wo keine Krise ist, an Silvester. Versuchen Sie mal, an Silvester zu telefonieren zwischen Mitternacht und ungefähr ein Uhr. Dann werden Sie sehen, wie weit Sie kommen. Die Flatrate wird auch nicht angetastet, wenn Sie über DAB gehen. Wir brauchen eine sichere, auch für uns, den Rundfunk proprietäre Verbindung. Es fehlt uns jetzt die Zeit, die ganzen Argumente aufzulisten, aber es ist kein Gegensatz, der hier konstruiert ist.

Müller: Aber ist das nicht wirklich der große Konkurrent, das Streamen, was ja viel, viel mehr Leute schon machen, als DAB plus nutzen?

Steul: Nein, das stimmt nicht. Wir haben eine Entwicklung bei DAB plus, die ist sehr positiv. Wir werden auch bei etwa 14, 15 Prozent der Haushalte in diesem Jahr landen. Die Entwicklung ist rasant, die Verkäufe auch. Nein, es ist kein Gegensatz. Wir brauchen das Internet-Streaming und wir brauchen DAB plus als Ersatz für UKW. Es ist ein konstruierter Gegensatz. Wir wissen aber auch aus Untersuchungen, dass die Menschen, wenn sie über alle Möglichkeiten verfügen - DAB, UKW und das Web Radio, das IP-Radio - dann entscheiden sie sich nach relativ kurzer Zeit für ausschließlich das DAB, die DAB-Verbreitung auf den von ihnen auch zuvor genutzten Programmen. Dass man da im World Wide Web Reggae aus Jamaika und Ukulele aus Südamerika jetzt plötzlich zur Verfügung hat und diese große Auswahl - die allermeisten Menschen haben präferierte Programme.

"Das ist eine Aufgabe der Politik und der Regulierungsbehörden"

Müller: Wir müssen beide auf die Uhr gucken, Herr Steul. Noch eine Frage: Sie haben eben schon ein bisschen Verständnis, glaube ich, geäußert. Viele Lokalstationen, Lokalradios sagen, das ist uns alles zu teuer. Die haben nicht viel Geld und diese Umrüstung kostet uns zu viel. Ist da was dran?

Steul: Natürlich ist da was dran. Sie haben doppelte Kosten: einmal UKW und dann über DAB. Und das ist eine Aufgabe der Politik und der Regulierungsbehörden, wie man so schön sagt, auch der Landesmedienanstalten und anderer, dass man hier Lösungen sucht. Am Ende ist nämlich der Betrieb von DAB für alle sehr viel billiger.

Müller: Thementag Digitalradio im Deutschlandfunk und in der ARD - unser Gespräch mit Deutschlandfunk-Intendant Willi Steul. Vielen Dank, Ihnen einen schönen Tag.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

 

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