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Ausbildung zum Diplom-Bürger

Die Hochschule Karlsruhe bietet den Studiengang "Der professionalisierte Bürger" an

Von Silvia Huth

Bürgerpflichten - mehr als Wählen. (AP)
Bürgerpflichten - mehr als Wählen. (AP)

Die Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe bietet einen Studiengang der besonderen Art an: Unter dem Titel "Der professionalisierte Bürger" kann sich jeder zwei Jahre lang zum Diplom-Bürger, Diplom-Patienten, Diplom-Konsumenten, Diplom-Rezipienten und Diplom-Gläubigen weiterbilden lassen.

Ästhetik-Professor Bazon Brock, 1968 berühmt geworden durch seine Besucherschule auf der Kasseler documenta, über die neuen Studiengänge:

"Wir bieten ihnen an: eine neue Art der Bildung, die in der Fähigkeit beruht, autonom zu werden, als Patient autonom zu werden, heißt zum Beispiel, sein eigenes Kranksein als Problem zu bearbeiten in der Verantwortung, die man selbst für sich hat als Patient."

Eigenverantwortung wird Markus Gatzen, Chefarzt der Inneren im Aachener Marienhospital, den angehenden Diplom-Patienten beibringen.

"Ich werde Beispiele zeigen, wie wenig man sich um sich selbst kümmert. Beispiel - akuter Notfall: Wie viele haben in den letzten zwei Jahren einen Erste-Hilfe-Kurs gemacht? 85 Prozent haben das nicht gemacht. Als Beispiel, dass man sich nicht ganz auf andere verlassen muss, sondern eben selbst initiativ werden muss."

Gatzen, der das Karlsruher Projekt mithilfe einer Stiftung finanziert, hat in Aachen öffentliche Patientenforen eingerichtet. Grundsätzlich gehöre das Thema aber an die Hochschulen:

"Eine Hochschule ist der richtige Ort dafür und ich bin froh, mich an diesem Projekt beteiligen zu können, weil es in der medizinischen Fakultät bisher so noch nicht angeboten wird."

Und mit einem interdisziplinären Ansatz, der weit in Fragen von Politik und Philosophie hineinreicht, sei es an der Karlsruher Hochschule für Gestaltung bestens aufgehoben.

400 statt der angemeldeten 80 Menschen haben gestern Abend die Auftaktveranstaltung in Karlsruhe buchstäblich gestürmt. Einige wenige gingen nach zwei Stunden skeptisch nach Hause.

"Es war ziemlich unklar, worum es sich handelt. Ich hatte eine Vermutung, die sich bestätigt hat: Das ist eine VHS-artige Veranstaltung mit dem besonderen Flair, dass sie von renommierten Leuten durchgeführt wird."

"Ich hab so den Verdacht, dass es auch nur ein um sich selbst drehendes Unterhaltungsprogramm ist. Das ist nicht meine Vorstellung von einem politischen Bewusstwerdungsprozess."

Die Mehrheit war von den Vorträgen der Fachreferenten begeistert, fasziniert, euphorisch - 140 haben sich allein bis heute Mittag verbindlich für die zwei Jahre dauernden Kurse angemeldet - die meisten für drei, vier oder alle fünf Veranstaltungen.

"Alle, alle fünf - ich sehe jetzt die Notwendigkeit, dass man sich bilden muss, um sich so zu verhalten, dass es uns in der Zukunft besser geht."

"Spätestens nach der ersten Stunde wusste ich, ich mache das. So etwas hat es in meinem Leben auch im Zeitalter der Volkshochschule noch nie gegeben. Das ist neu und einzigartig und ich finde das fantastisch."

"Ich finde, die Hochschule soll sich auch öffnen zu den Normalbürgern. Außerdem haben wir früher auch eine Hochschule besucht, da war das natürlich sehr speziell. Das wäre jetzt Studium generale."

"Das ist wie so neue Kulturrevolution, eine neue Demokratisierung. Ich werd hingehen."

"Es sind eine ganze Menge alternative Gedanken, die da angestoßen werden. Und das fasziniert mich eigentlich."

"Wir haben grade festgestellt: Wir sind alle 68er und so ein bisschen: Der Wind kommt auf wie bei '68."

Tatsächlich füllen die einstigen 68er, die heute in Rente und Pension sind, die neuen Studiengänge. An der Hochschule berät man zur Stunde über den unerwarteten Ansturm und darüber, dass man auf dem besten Weg ist, eine weitere Seniorenuni zu entwickeln, was ja eigentlich nicht geplant war. Bazon Brock weiß, dass auch das Wissenschaftsministerium mit Interesse verfolgt, was in Karlsruhe passiert:

"Deswegen haben wir die Lizenz, das experimentell zu erproben - zwei Jahre. Dann müssen wir Bericht erstatten, das auswerten und sehen, wie es geht. Und ich bin fest überzeugt, dass es nach drei Jahren in verschiedensten Ländern in den normalen Kanon des Bildungsangebots von Hochschulen aufgenommen wird."

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