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StartseiteCorsoAlltäglichkeit im Todesstreifen14.08.2017

Ausstellung "Beyond the Wall"Alltäglichkeit im Todesstreifen

Die East-Side-Gallery in Berlin dokumentiert deutsche Mauer-Geschichte. Mit Video-Stills aus den 80er-Jahren will der Künstler Stefan Roloff an die Schicksale erinnern, die sich hier zu Zeiten der DDR ereigneten.

Von Jenny Genzmer

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Die Bilder zeigen, wie es hier zu DDR Zeiten tatsächlich einmal ausgesehen hat. Zu sehen sind alte Videostills von Grenzbeamten. (Deutschlandradio / Jenny Genzmer)
Die Bilder zeigen, wie es hier zu DDR Zeiten tatsächlich einmal ausgesehen hat. Zu sehen sind alte Videostills von Grenzbeamten. (Deutschlandradio / Jenny Genzmer)
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Die Berliner Eastside-Gallery ist schon von der Oberbaum-Brücke aus sichtbar. Fast ein wenig verloren wirkt sie vor den unfertigen Neubauten im Hintergrund. Die westliche Seite des übrig gebliebenen Mauerstücks soll eigentlich weiß bleiben, wie damals, als sie noch Ost und West trennte. Nun zeigt ein Kunstwerk, aufgeklebt auf den 229 Mauermetern, wie es hier tatsächlich einmal ausgesehen hat.

"Also zwei unterschiedliche Arten von Bildern, das eine sind diese schwarzen Silhouetten, Triptychen immer, das sind Porträts von Menschen, deren Leben extrem von der Mauer beeinflusst war und die bis heute auch eigentlich davon traumatisiert sind ..."

... und deren Schicksale kurze Sätze andeuten, die Stefan Roloff, Foto- und Videokünstler, in weißen Buchstaben auf die Silhouetten drucken ließ.

"Es hieß, ich hätte Damenunterwäsche geklaut. Zu fetischistischen Zwecken, hm"

Liest eine Besucherin und wundert sich.

"Diese Sätze hab ich bewusst kryptisch gewählt. Da fragt man sich, was hat das mit der DDR zu tun?"

Persönliche Geschichten

Textauszüge von langen Interviews, in denen jede dargestellte Person von ihrer Geschichte erzählt, sollen darauf Antwort geben. Diese hier gehört zu Alexander. Ein Afghane, der schon zu Schulzeiten von der Stasi beobachtet und diskreditiert wurde zum Beispiel als Wäschedieb.

"Man hat ihn aus der Schule geholt, ohne vorher ihn zu warnen und hat ihn neun Stunden lang verhört, und immer wieder versucht, dazu zu bringen, am Ende hat er das schließlich unterschrieben, ja ich habe Damenunterwäsche geklaut. Ich meine, was soll das. Aber es war nur, um einen Fall gegen ihn zu bauen, der absurd war."

Groteske Anziehungskraft

"Absurd" ist so ein Wort, das Roloff gern benutzt, wenn er über die DDR spricht. Sein Vater wurde als Mitglied der sogenannten Roten Kapelle von der Gestapo gefangen genommen, der Totalitarismus ist immer wieder Gegenstand in den Werken des 63-Jährigen. Besonders die groteske Verbindung von Grausamkeit und Normalität interessiert ihn an der DDR.

"Und dann kommen wir hier zu diesen anderen Bildern, das sind Bilder, die wurden im sogenannten Todesstreifen gemacht."

Damals, 1984 – von ihm und dem Kameramann Louis von Adelsheim, erzählt Roloff, der zügig über die Betonplatten am Fuß der Mauer entlang eilt, und vor einer der vielen Serienaufnahmen halt macht.

"Und wir haben diverse kurze Filme gedreht, über dieses Leben im Todesstreifen, in dem eigentlich nichts passierte. Da saßen nur Grenztruppen rum, die machten nichts, die waren völlig, ja in so einer kafkaesken Welt, da wurden Minenstreifen geharkt, Fenster in Wachtürmen geputzt, aber im Grunde ging es nur darum, zu warten, dass jemand vorbei läuft, den man erschießen muss."

Fotorealistische Bilder auf der Mauer

Wartende Beamte in grün-beigefarbener Kulisse, Metallzäune, Panzersperren. Oder dieser Offizier, der auf dem Grenzsicherungsboot versucht, seinen kaputten Scheibenwischer zu reparieren. Eindrücke, die fast untergehen, hier im Betrieb an der Mauer. Roloff sieht den Abgrund im Alltäglichen.

"Zum Beispiel ganz da hinten am Ende, das letzte Bild. Da sieht man eine halb verhungerte Katze im Todesstreifen rumlaufen. Die lebt da irgendwo, wovon die sich ernährt, das weiß man nicht."

Die Katze, die Grenzsoldaten, die Dienstwägen – alles wird verschwommener, je näher man den Bildern kommt. Roloff musste die Video-Stills aus den 80ern, nicht größer als Briefmarken, auf die Mauerhöhe von drei Metern bringen. Die Lösung: Eine Drucktechnik, die Bilder aussehen lässt wie gemalt. Damit möchte er auf alte Meister verweisen, bis ins 17. Jahrhundert zu Diego Velázquez.

"Seine besten Bilder, wenn man vor denen steht, sieht man nicht viel, man sieht Pinselstriche, man sieht irgendwelche Elemente, die fliegen und sich bewegen und erst wenn man weit davon weg tritt, dann kriegt man ein fotorealistisches Bild."

Fotorealistische Bilder, die die Mauer auffälliger machen, dem Ort seine Geschichte wieder zurückgeben. Einige Besucher lassen sich ein, auf die Botschaften an der Wand. Eins bleiben Sie dennoch: Kunst, ein Mahnmal ersetzen sie nicht.

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