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StartseiteMusikjournalNürnberger Musiktheater und Machtspiele zur NS-Zeit11.06.2018

Ausstellung "Hitler. Macht. Oper"Nürnberger Musiktheater und Machtspiele zur NS-Zeit

Adolf Hitler mochte Oper und nutzte sie für seine NS-Propaganda. In Nürnberg griff er sogar in den Spielplan und die Architektur des Opernhauses ein. Die Ausstellung "Hitler. Macht. Oper" beleuchtet die Musiktheatralität in der NS-Zeit - als gesamtgesellschaftliches Phänomen am Beispiel von Nürnberg.

Von Dorothea Hußlein

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Blick auf das Opernhaus zur "blauen Stunde" am 22.04.2014 in Nürnberg (Bayern) (picture alliance/dpa - Daniel Karmann)
In Nürnberg widmet man sich der Aufarbeitung der Vergangenheit - im Zentrum die Oper (picture alliance/dpa - Daniel Karmann)
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Johann Casimir Eule, persönlicher Referent von Staatsintendant Peter Theiler und Initiator des Forschungsprojekts, bezeichnet es als geradezu glückliche Fügung, auf Anno Mungen, den Leiter des Forschungsinstituts für Musiktheater Thurnau getroffen zu sein und ihn für dieses Projekt zu begeistern. Denn ohne die Mitarbeit der Zeithistoriker aus dem Team Mungens wäre es für das Staatstheater Nürnberg nicht möglich gewesen, dieses Thema so breit und mit interdisziplinärer Perspektive zu bearbeiten und neben Symposien und Veranstaltungen auch noch eine Ausstellung zu stemmen. Das Forschungsprojekt hat den Begriff Musiktheater stark erweitert. Es untersucht die Musiktheatralität in der NS-Zeit als gesamtgesellschaftliches Phänomen am Beispiel des Staatstheaters Nürnberg oder der Nürnberger Oper, eingebunden in das gesamte Umfeld der Stadt der Reichsparteitage, wie Anno Mungen erklärt.

"Das war einer unserer entscheidenden Ausgangspunkte, dass wir gesagt haben, oder natürlich man weiß das, aber dann auch in der ersten Forschungsarbeit sofort erkannt haben: Nürnberg ist ein besonderer Fall in vielerlei Hinsicht. Vor allem wegen der Reichsparteitage, auch wegen des engen Kontaktes von Adolf Hitler mit der Stadt, auch mit seinem Bezug auf die Geschichte der Stadt oder NS auf die NS Stadt Nürnberg. Das war die eine Idee. Die andere Idee war, und das hängt mit unserer Forschungsarbeit zusammen, wir definieren Musiktheater in einem breiten Sinne, also wir sprechen nicht nur über Oper, Operette und Musical, sondern schauen uns auch theatrale Inszenierungen mit Musik in der Stadt an. Und da bot sich das an, den Reichsparteitag als musiktheatrale Inszenierung auf das zu beziehen was im Opernhaus stattgefunden hat. Und beide Dinge haben tatsächlich miteinander zu tun."

Masterplan für ästhetische Überwältigungsstrategien in der Politik und der Öffentlichkeit

Die Ausstellung trägt den Titel "Hitler. Macht. Oper" – (im Untertitel "Propaganda und Musiktheater in Nürnberg") - ein doppelsinniges Wortspiel. Denn Adolf Hitler hat Oper sehr gemocht und hätte wohl auch gerne selbst Oper gemacht. Er beschäftigte sich schon in seiner Wiener Zeit mit Bühnenentwürfen und unterstützte zum Beispiel finanziell und durch seine Präsenz in Bayreuth. Insbesondere in Nürnberg griff er sogar in den Spielplan und die Architektur des Opernhauses ein. Zum anderen geht es um die Wechselbeziehungen zwischen der Inszenierung von Musiktheater und den Machtspielen und der Selbstdarstellung des "Führers". So waren die Mittel der Oper als Gesamtkunstwerk für Hitler und seine Gefolgsleute eine Art Masterplan für ästhetische Überwältigungsstrategien in der Politik und der Öffentlichkeit. Johann Casimir Eule:

"Es gibt insgesamt sieben Schwerpunktbereiche: Die Meistersinger von Nürnberg, die in besonderer Weise mit der Stadt, der Eröffnung der Reichsparteitage und einer als Vorbildhaft empfundenen Ästhetik, die entwickelt wurde, verbundenen sind. Dann geht es natürlich um die Institution Oper, es geht um die Reichsparteitage, es geht um das Haus, die Architektur und die Eingriffe in diese, es geht um die beiden musiktheatralen Bereiche, Oper und Operette, es geht zum Ende hin um die Götterdämmerung. Und natürlich, wie es sich für eine gute Ausstellung gehört, gibt es auch einen Ausblick in die Nachkriegszeit. Die Ironie der Musiktheatergeschichte im NS möchte es, dass die letzte Vorstellung überhaupt im Deutschen Reich, die Aufführung der 'Götterdämmerung' am Nürnberger Theater war. Das Ganze endete dann im Bombenhagel und auch das Nürnberger Opernhaus bekam einige Granaten aufs Dach."

Der Besucher ist auch Akteur

Die Schau findet in der großen Ausstellungshalle im Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände statt. Und groß heißt: auf einer Fläche von mehr als 500 Quadratmeter, 40 Meter lang, 20 Meter breit und 15 Meter hoch. Um diese riesige Kongresshalle mit ihren wuchtigen Backsteinmausern zu bespielen, hat Bühnenbildner Hermann Feuchter eine Art abstrahierten Theaterbau in Kulissenbauweise entwickelt und dort hineingestellt. Somit will er der Idee der Ausstellung, dem Flüchtigen des Theaters gerecht werden. Das soll ein inszenierter Raum sein, einen Gang wie durch ein Theater ermöglichen.

"Im Grunde genommen ist der Besucher mit Akteur, also er betritt das Theater, den Eingang, geht in das Zimmer des Theaterdirektors, des Intendanten durch diesen langen Flur, eine gekippte Bühne mit einer verschrägten Portalsituation und einem Zuschauerraum, einem halbrunden, angedeutet, stilisiert mit einem abgerissenen Vorhang, also eine etwas aus dem Lot geratene Bühne."

Und die dominierenden Farben in diesem Ausstellungsraum sind Schwarz und Grau.

"Das ist ja der Flur, wo wir den Reichsparteitag zeigen, und der Umstand, dass man hier selber das Gehen hört, hat natürlich auch mit dem zu tun, was wir hier ausstellen, das heißt, das Marschieren, Paraden-Abhalten, hängt natürlich ganz stark auch an dieser Rhythmik. Ich bin selber jetzt nicht so rhythmisch gegangen, aber das kann man natürlich auch machen."

Fotos von Produktionen, Bühnenbildern, Stadtansichten und Aufmärschen, Portraits von Künstlern, Faksimiles von Kompositionen wie zum Beispiel des Spektakels "Licht-Dom", einer gigantischen Säulenhalle aus Lichtstrahlern, Originaldokumente von Korrespondenzen und Hinweistafeln mit historischen Verweisen geben Aufschluss über die Vorgänge rund um die Nürnberger Oper während der NS-Zeit und beleuchten exemplarisch die Instrumentalisierung von Kunst für politische Propaganda. Um die Ausstellung nicht mit Video oder Audio zu überfrachten, gibt es nur jeweils eine Ton- und eine Bildschleife. Aber beide Schleifen sind künstlerisch gestaltet und versuchen das Collage-Prinzip der Ausstellung aufzunehmen.

Wissenschaftliche Arbeit

Es ist eine wissenschaftliche Arbeit die hier für den Besucher in einer puristischen und sachlichen Atmosphäre aufbereitet wurde. Sie kann durchaus auch als eine Art Vorarbeit auf den Katalog gesehen werden, der im Juli erscheinen wird. Zudem ist es der Versuch einer wissenschaftlichen Arbeit eine Struktur zu geben, die auch sinnlich erfahrbar ist. Dass das den Machern ein Anliegen ist, wird in der Verschränkung von Raum und der Installation deutlich. Man muss Zeit mitbringen, mindestens eine Stunde, um sich auf die einzelnen Kapitel einzulassen, und sich neben der Aufnahme von Sachinformationen auch auf die räumliche Gestaltung einlassen. Sich quasi selbst als Teil einer großen Inszenierung zu empfinden. Von den Informationen wird man nicht überfrachtet, aber man muss Fantasie mitbringen, um inmitten der reduzierten Form vom Bühnenbild eins Staatstheaters der Geschichte einer schwierigen Epoche zu folgen.

Ausstellung "Hitler. Macht. Oper" im Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände Nürnberg vom 15. Juni bis 3. Februar 2019

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