Sonntag, 19.11.2017
StartseiteCorsoKunst trifft Neurowissenschaften13.10.2016

Ausstellung "Ich als Ego-Maschine" Kunst trifft Neurowissenschaften

Das menschliche Gehirn und das Bewusstsein stehen im Mittelpunkt der Ausstellung "Ich als Ego-Maschine" der Eres Stiftung in München. Die Künstler experimentieren dabei mit der menschlichen Wahrnehmung.

Von Julian Ignatowitsch

Begehbarer Kubus des österreichischen Multimedia-Künstlers Peter Kogler. Die Computeranimation mit Monitoren und Spiegeln ist im Rahmen der Ausstellung "Ich ist eine Ego-Maschine" in München zu sehen. (Christoph Knoch / Eres-Stiftung)
Begehbarer Kubus des österreichischen Multimedia-Künstlers Peter Kogler. Die Computeranimation mit Monitoren und Spiegeln ist im Rahmen der Ausstellung "Ich ist eine Ego-Maschine" in München zu sehen. (Christoph Knoch / Eres-Stiftung)
Mehr zum Thema

Ausstellung über technische Utopien Zurück in die Zukunft

Ausstellung "Infra_Beuys" in München Obdachlosigkeit als Kunstprojekt

Festival für Robotermusik Musik mit Maschinen

Kunstprojekt "Am Fluss / At the River" Kulturen des Ankommens in Dresden

Kunst-Ausstellung "AER" Die Besitzverhältnisse im Luftraum

Hat eine Maschine ein Bewusstsein?

"Naja, zumindest eine Wahrnehmung!"

Was der Künstler Thomas Zipp hier aufgebaut hat, mutet wie ein begehbares Gehirn an. Ein lautes Gehirn mit Boxen und Verstärkern, mit einem großen Synthesizer-Modul in der Mitte, mit vielen, vielen Kabeln und Antennen, die hysterische Sounds auslösen, wenn man in ihre Nähe kommt.

"Die reagieren auf die körpereigenen, elektromagnetischen Schwingungen."

"Das ist so mein Labor, aber natürlich ist es auch ein Modell von einem Gehirn. Die Synthesizer müssen ja auch verknüpft werden, man kann sich das vorstellen wie eine neuronale Verknüpfung im Gehirn."

Kunst trifft Neurowissenschaften - wie einen Besuch im Naturkundemuseum sollte man sich das aber nicht vorstellen. Denn die künstlerischen Positionen stellen nicht den aktuellen wissenschaftlichen Forschungsstand dar, schon gar nicht erklären oder beantworten sie wissenschaftliche Fragestellungen. Nein, die Künstler greifen sich heraus, was sie an unserem Gehirn, unserer Wahrnehmung, unserem Bewusstsein interessiert, und sie experimentieren damit. 

Die Wahrnehmung auf die Probe stellen

"Wir stehen in diesem Kubus und die vier Wände, der Boden, die Decke sind alle mit diesem schwarz-weißen abstrakten Bildmaterial überzogen, was eine gewisse Räumlichkeit suggeriert. Dadurch kann man den Raum rotieren lassen oder er kippt nach unten und beginnt zu pulsieren."

"Und wir können feststellen, wie unsere Wahrnehmung funktioniert?"

"Wie sie funktioniert oder wie sie nicht funktioniert, weil es ja gleichzeitig sehr irritierend ist."

Der österreichische Multimedia-Künstler Peter Kogler hat einen begehbaren Würfel aus Fernsehbildschirmen und Spiegeln anfertigen lassen, in dem er die menschliche Wahrnehmung auf die Probe stellt. Eine betörende Video-Choreografie von Schwarz-Weiß-Mustern. Unsere Erfahrung von Raum beginnt zu schwinden. Wir drehen uns, nach oben und unten, nach rechts und links - diese Kategorien lösen sich auf.

Und auch künstliche Intelligenz ist ein Thema, erklärt Kuratorin Sabine Adler, während sie eine Virtual-Reality-Brille in der Hand hält und im Hintergrund die Maschinen lärmen: "Die Erkenntnisse der Neurowissenschaften beflügeln ja gerade sehr die Entwicklung der künstlichen Intelligenz. Die Mensch-Maschine-Schnittstellen werden immer durchlässiger und rücken immer mehr zusammen. Gleichzeitig ist es so, dass die Möglichkeiten eine virtuelle Realität zu gestalten immer perfekter und raffinierter werden."

"Was Bewusstsein genau ist, werden wir wohl nie erfahren"

Weitere Bewusstseinsexperimente: Der Pole Pawel Althamer probiert LSD, Magic Mushrooms oder Haschisch und filmt sich dabei. Solche Versuche sind nicht neu. Der Belgier Jan Fabre trifft den Neurologen Giacomo Rizzalotti, den Entdecker von Spiegelneuronen, zu einem ironisch-intellektuellen Streitgespräch zwischen Kunst und Wissenschaft.

Und dann sind da doch noch ein paar Arbeiten, die  einen primär wissenschaftlichen Blick auf das Thema bieten. Zum Beispiel die Zeichnungen von Santiago Ramón y Cajal aus medizinischen Lehrbüchern, die unter anderem die Körnerzellen einer Taube zeigen. Oder Ulrich Blum, der klinisch sauber aus der Zentralperspektive ein Gehirn in der Pathologie fotografiert. Titel: "Nichts als ein Haufen Neuronen".

Dieser Haufen Neuronen jedenfalls wird hier in der Ausstellung aufs Beste herausgefordert und stimuliert, auch wenn viele Fragen bleiben. Aber das muss wohl so sein:

"Es ist eines der letzten ganz großen Rätsel der Wissenschaft. Und viele deterministische Neurowissenschaftler sagen: Wir wissen sehr viel über Teilbereiche des Bewusstseins, aber was Bewusstsein genau ist, werden wir wohl nie erfahren."

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk