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StartseiteDeutschland heuteStasi-Jagd auf RIAS-Hörer06.11.2015

Ausstellung in FrankfurtStasi-Jagd auf RIAS-Hörer

RIAS, der Vorläufer vom Deutschlandfunk-Schwestersender Deutschlandradio Kultur in West-Berlin, war für das DDR-Regime der Feindsender Nummer 1. Eine Ausstellung in Frankfurt am Main zeigt, wie gefährlich der Kontakt mit dem Sender für DDR-Bürger war.

Von Ludger Fittkau

RIAS-Schild auf dem Deutschlandradio-Funkhaus in Berlin (Deutschlandradio - Markus Bollen)
"Eine freie Stimme der freien Welt": Der RIAS in Westberlin war der Feindsender Nummer 1 für das SED-Regime und die DDR-Medien. (Deutschlandradio - Markus Bollen)
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An den Wänden des Museums für Kommunikation in Frankfurt am Main hängen über-dimensionale, geöffnete Briefumschläge, aus denen beschriftete und mit vielen Zeichnungen versehene Blätter herausdrängen. Es geht um Zuschriften von DDR-Hörern an den "Rundfunk im amerikanischen Sektor" - kurz RIAS.

"Hier ist RIAS Berlin - eine freie Stimme der freien Welt."

"In diesen Tagen, wo es um Sein oder Nichtsein von 2,2 Millionen Berlinern geht, hat sich RIAS die Berlin Hörerschaft und die Hörerschaft der Ostzone im Sturm erobert."

Weil der RIAS in der Hochphase des Kalten Krieges die Berliner Luftbrücke lobte oder über den Arbeiteraufstand 1953 in der DDR intensiv berichtet hatte, wurde er der Feindsender Nummer 1 für das SED-Regime und die DDR-Medien:

"RIAS - das ist das perverse Ausrufungszeichen hinter deutscher Charakterlosigkeit."

"Ich bin dafür, dass der RIAS vernichtet und beseitigt wird, mit Mann und Maus. Wobei mir nur die Maus leidtun würde, denn die wäre das einzige unschuldige Wesen in dieser amerikanischen Institution."

Hörerpost, die nie ankam

Es war für DDR-Bürger politisch gefährlich, Hörerpost an den Sender zu schicken. Auch an die vermeintlich harmlose Quizsendung "Das klingende Sonntagsrätsel", seit Mitte der 1960er-Jahre vom beliebten Hans Rosenthal moderiert:

"Heute geht es wieder mal um sechs Buchstaben und zusammengesetzt ergeben sie einen prominenten Namen. Alles klar, gut."

Insgesamt 4.500 Briefe und Postkarten an den RIAS befinden sich heute in den Archiven des Bundesbeauftragten für die Stasiunterlagen. Post, die nie ankam, sondern von der Staatssicherheit abgefangen wurde. Ausstellungs-Kuratorin Lilo Nagengast macht an einer Original-Postkarte in einer Vitrine deutlich, warum dies für die Absender sehr gefährlich werden konnte:

"Auf der Rückseite steht: eine Ansichtskarte meines Dorfes. Mein Heimatdorf. Später soll meine Heimat Westberlin sein, da ich vor einem Jahr einen Ausreiseantrag gestellt habe. Da bleibt mir heute noch fast das Herz stehen, so etwa auf einer Karte zu schreiben. Also ich denke mal, dies ist schon eine folgenschwere Sache dann nachher gewesen, ja."

Gefängnisstrafe für einen Hörerbrief

Was die Stasi mit dem Schreiber dieser von ihr abgefangenen Postkarte machte, konnte auch Professor Joachim Kallinich von der Berliner Humboldt-Uni bisher nicht herausfinden. Der Ethnologe hat gemeinsam mit Studierenden jedoch das Schicksal einiger ehemaligen DDR-Bürger recherchiert, die Repressalien ausgesetzt waren, weil sie an Hans Rosenthal und sein Team der RIAS-Rätselsendung geschrieben hatten. Drei Fälle sind in der aktuellen Frankfurter Ausstellung dokumentiert. Joachim Kallinich:

"Der erste ist ein Schüler, der reglementiert wurde, weil er an den RIAS geschrieben hat. Das Zweite ist ein Student, der exmatrikuliert wird. Und das dritte ist ziemlich folgenschwer. Ein Hörer, der an den RIAS geschrieben hat und deswegen ein Jahr und sechs Monate im Gefängnis gelandet ist, weil er sich zu einer möglichen Wiedervereinigung geäußert hat."

In einer Ecke des Ausstellungsraumes steht eine Radiotruhe aus den 1960er-Jahren, aus der die Erkennungsmelodie des "klingenden Sonntagsrätsels" schallt. Gleich gegenüber mitten im Raum ein beinahe zwei Meter hoher Metallkasten. Der sollte im Kalten Krieg verhindern, dass die Sendungen des - in der DDR zu hören sind. Kuratorin Lilo Nagengast:

"Das ist ein Original-Störsender. Die DDR hat zwei Störsender gebaut. Einen 50 KW-Störsender und dies ist der große Störsender. Am 8 November 1989 wurde auf Weisung Erich Mielkes die Postkontrolle eingestellt. Mit dem Zusatz: vorübergehend. Weil man sich das nicht vorstellen konnte, dass es irgendeinen Staat gibt, der nicht die Post kontrolliert. Aber wir wissen ja alle, dass es eine endgültige Sache war und vielleicht auch ein gutes Datum. Dass am gleichen Tag 25 Jahre danach hier diese Ausstellung eröffnet wird."

 

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