Seit 23:10 Uhr Das war der Tag

Mittwoch, 25.04.2018
 
Seit 23:10 Uhr Das war der Tag
StartseiteKultur heuteHommage an die grauen Haare20.11.2017

Ausstellung in WienHommage an die grauen Haare

In der Kunstgeschichte ist die Jugend das Idealbild: Venus, Aphrodite, Michelangelos Jünglinge. Im Unteren Belvedere eröffnet nun die Ausstellung "Kraft des Alters". Ein Loblied auf das Alter und ein Plädoyer für Bilder und Vorbilder abseits des Mainstreams.

Von Julian Ignatowitsch

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Blick aus dem Garten auf das Untere Belvedere und die Innere Stadt von Wien, aufgenommen am 17.06.2012. Die barocke Schlossanlage wurde nach Plänen des bedeutenden österreichischen Architekten Johann Lucas von Hildebrandt errichtet. Im Hintergrund überragt der Turm des Stephansdoms alle anderen Bauten der Stadt. (dpa / Frank Baumgart)
Blick aus dem Garten auf das Untere Belvedere und die Innere Stadt von Wien (dpa / Frank Baumgart)
Mehr zum Thema

Ausstellung in Zürich "Extra Bodies" Künstler als Körperfresser

Atemgymnastik Medizin aus Luft

Streetart von Vermibus Verzerrte Schönheitsideale

Performance über Dickleibigkeit "Ich habe Arme so dick wie andere Beine"

Ein Fest des Alters: Sieben nackte Frauen - kräftige, stolze, alte Frauen - liegen da verschlungen auf einer Wiese. Sie berühren einander, sie lachen, sie reißen neugierig die Augen auf - kurz: Sie feiern das Leben und ihre grauen Haare. 

Jede Faltbar sichtbar

Kuratorin Sabine Fellner steht vor diesem zutiefst menschlichen Ölgemälde von Aleah Chapin und spricht über das Anliegen der Ausstellung, die sich ausdrücklich gegen Jugendwahn, Anti-Aging und Forever Young wendet:

"Das Problem unserer Gesellschaft liegt darin, dass Alter nicht als normaler Lebensabschnitt wahrgenommen wird, wie Kindheit, Jugend, Erwachsenenalter, sondern ausgeblendet wird. Und durch dieses Ausblenden fehlen unserer Gesellschaft kraftvolle Vorbilder, wie man Alter leben kann. Vor allem Frauen fehlen diese Vorbilder, weil Frauen ab 50 überhaupt aus der öffentlichen Wahrnehmung verschwinden."

Von 1900 bis heute - einmal quer durch die Moderne führt die Ausstellung in sechs Themenkomplexen zu verschiedenen Facetten des Altseins. Künstler-Größen wie Gustav Klimt, Pablo Picasso oder Maria Lassnig sind dabei. Insgesamt 200 Werke, die am eindrucksvollsten sind, wenn sie ganz nah heranrücken ans Alter, wenn sie sozusagen jede Falte sichtbar machen.

Wie zum Beispiel der Film "Omsch" von Edgar Honetschläger, der ein einfühlsames, persönliches Porträt über seine Nachbarin kurz vor ihrem 100. Geburtstag gedreht hat.

Erotische Ausstrahlung jenseits der 60

Die gesellschaftliche Wahrnehmung von Mann und Frau, sie unterscheidet sich freilich auch im letzten Lebensabschnitt stark. Die Ausstellung illustriert diesen Unterschied, zum Beispiel, wenn Oskar Kokoschkas Porträt des Malers Carl Moll gleich neben dem computerbearbeiteten Selbstporträt von Martha Wilson hängt. Hier der bürgerliche Gentleman, dort der unmenschlich-faltenfreie Mädchen-Avatar. Während der potente alte Mann gesellschaftlich seit jeher eine gewisse Stellung innehat, ist gerade das weibliche Ideal bestimmt vom Jungsein:

"Und was schön ist, dass in den 70er-Jahren die feministische Avantgarde sehr offensiv und konfrontativ mit diesem Thema umgeht und mit Witz und Ironie den Jugendkult auf die Schippe nimmt."

Pina Bausch zum Beispiel lässt Frauen und Männer ab 65 in Abendgarderobe ausgelassen tanzen. Als weibliche Vorbilder für reife, selbstbewusste Körperverbundenheit treten Vivien Westwood und Helen Mirren in Fotografien von Jürgen Teller in Erscheinung.

"Gerade Vivien Westwood lebt das ja offensiv und konfrontativ vor: Dass sie sich in fortgeschrittenem Alter nicht in die gesellschaftlich vorgesehene Ecke der asexuellen Großmutter zurückzieht, sondern visualisiert, dass Frauen auch jenseits der 60 eine erotische Ausstrahlung haben können."

Parallelen zur Kindheit

In ruhigeren Arbeiten, wie Eric Fischls "Zerbrechlichkeit als ein Moment der Selbstreflektion" oder Karin Macks "Slow Time", tritt das entschleunigte Rentnerleben als Gegenentwurf zum kapitalistischen Turbo - "immer mehr, immer weiter" - hervor. Hier wird deutlich, was wir vom Alter lernen können: nämlich Gelassenheit, Nächstenliebe und Glücklichsein im Moment.

"Das ist eine Parallele zur Kindheit. Kinder können sich komplett im Moment verlieren. Kinder kennen keine Vergangenheit und keine Zukunft, Kinder sind stark im Hier und Jetzt. Und das ist auch einer der Gründe, wieso alte Menschen sich oft so gut mit Kindern verstehen."

Als Hommage an das Alter spart die Ausstellung manchen kritischen und gesellschaftspolitischen Aspekt aus: Bei der Bundestagswahl haben zum Beispiel mehrheitlich ältere Menschen AfD gewählt, in Österreich FPÖ oder in England für den Brexit gestimmt. Letztlich ist aber gerade das die Stärke der Schau - dass sie sich eindeutig positioniert, dass sie sich auf Körperlichkeit und Individualität konzentriert - und Stellung bezieht: für das Altern, für den Tabubruch, für Bilder, Vorbilder abseits des Mainstreams. 

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk