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StartseiteKultur heuteLion Feuchtwangers Bayern im Literaturhaus München14.10.2014

AusstellungLion Feuchtwangers Bayern im Literaturhaus München

Das Münchener Literaturhaus widmet Lion Feuchtwangers großem Bayern-Roman "Erfolg" eine umfassende Ausstellung, die den historischen Hintergründen des Werks nachspürt. "Kultur heute" hat dazu den Kurator Reinhard G. Wittmann befragt.

Reinhard G. Wittmann im Gespräch mit Burkhard Müller-Ullrich

Undatierte Porträtstudie des deutschen Schriftstellers Lion Feuchtwanger. (picture-alliance / dpa)
Der deutsche Schriftsteller Lion Feuchtwanger (picture-alliance / dpa)

Burkhard Müller-Ullrich: Zur selben Zeit, als in Dessau Walter Gropius, Oskar Schlemmer und Kollegen wirkten, schrieb in Berlin der Urmünchener Lion Feuchtwanger seinen Bayern-Roman "Erfolg". Untertitel: "Drei Jahre Geschichte einer Provinz". Im Münchener Literaturhaus ist diesem Werk jetzt eine von Reinhard G. Wittmann kuratierte Ausstellung gewidmet. Warum gerade dieses Buch, Herr Wittmann?

Reinhard G. Wittmann: Es ist das einzige Buch, der einzige Roman, muss man sagen, der das Land Bayern als Helden hat.

Müller-Ullrich: Als zwiespältigen Helden, muss man sagen, denn wer Bayern hasst, der findet in dem Buch auch genügend Stoff.

Wittmann: Ja, das stimmt. Aber es ist trotzdem das einzige. Es ist ein singuläres Werk. So wie Thomas Mann die "Buddenbrooks" über Lübeck geschrieben hat, so Feuchtwanger über Bayern und insbesondere München. In dem Roman kommen ja 130 Figuren vor, Personen vor. Er wollte wirklich einen Querschnitt durch das Bayern der frühen 20er-Jahre, verbunden mit einem gewissen Geschichtsbild.

Müller-Ullrich: Wobei natürlich die Hauptstadt und deren Viertel eine ganz bestimmte Rolle spielen und unter anderem Schwabing. Es ist auch eine Geschichte der Kulturszene dort.

Wittmann: Es ist eine Geschichte der Kulturszene, das ist völlig richtig. Der Plot handelt ja von einem Subdirektor der staatlichen Gemäldegalerien, und der Skandal wird ja ausgelöst durch Bilder, die der Kultusminister nicht sehen will, und um diesen unbotmäßigen Vizedirektor loszuwerden, hängt man ihm ein Meineidverfahren an. Also es ist beides: Es geht um politische Justiz zu jener Zeit und es geht natürlich, weil die Kunst der Gegenstand des Streits ist, um Kunst.

Müller-Ullrich: Man kann den Roman ins Bild setzen; dann wird ein Film daraus. Das ist auch gemacht worden. Aber Sie machen eine Ausstellung. Was gibt es da zu sehen?

Wittmann: Wir machen eine Ausstellung. Wir wollten eigentlich das machen, was man in einer Literaturausstellung macht, nämlich wie hat der Feuchtwanger gearbeitet, wie ist er an den Stoff herangegangen, was hat er für Material gesammelt, um einfach zu verstehen, was die Hintergründe dieses Romans sind, wie kam er zustande. Und da war große Fehlanzeige. Es gibt zu diesem Roman in keinem der Archive, weder in Deutschland, noch in Los Angeles, irgendwelche Unterlagen. So haben wir uns quasi detektivisch vorarbeiten müssen. Feuchtwanger hat wirklich in schlauer Voraussicht gesagt: In 50 Jahren wird man mich besser verstehen. Wenn der Roman heute gelesen wird, wissen natürlich die meisten Leser nichts mehr über diese Zeit. Das heißt, aus dem historischen Roman ist plötzlich eine Art Geschichtswerk geworden, und das war genau der Punkt, in den wir reingebohrt haben.

Müller-Ullrich: Er hat ja diesen Trick gemacht, so zu tun, als ob der Text im Jahr 2000 geschrieben worden sei und das alles nur eine große Rückblende wäre. Aber Sie sagten, diese dürftige Aktenlage. Die interessiert mich ein bisschen. Die ist natürlich auch biografisch bedingt. 1930, also vor seiner Flucht, die ja eigentlich nur ein Bleiben war - er erfuhr von der Machtergreifung Hitlers, als er in Amerika war, und ist dann dort geblieben, aus guten Gründen -, da kam vieles Material nicht mehr recht bei. Andererseits: Seine Frau hat ihn überlebt, drei Jahrzehnte. Es gab, glaube ich, auch noch eine Sekretärin, die bis in die späten 80er-Jahre noch in Sanary gelebt hat. Da konnte man fündig werden?

Wittmann: Man konnte fündig werden sozusagen aus Sekundärquellen, wenn man so will. Es hängt, glaube ich, mit seiner Arbeitsweise zusammen. Das ist ja der erste Roman, den er diktiert hat, den er seiner Sekretärin diktiert hat, was, glaube ich, dem Roman sehr zugutekommt. Dadurch kommt ja dieser fast mündliche Erzählton zustande mit diesem ganzen Hochdeutsch-Bayerisch, das er da dann so erfunden hat.

Auf der anderen Seite ist natürlich '33 etwas passiert, was wir nicht mehr genau rekonstruieren konnten, als sein Haus von der SA geplündert wurde, seine Villa im Grunewald in Berlin. Da ist natürlich auch vieles verloren gegangen. Das haben wir uns jetzt fast detektivisch über Sekundärhinweise und auch über den Roman selbst erschlossen. Man muss ja nur gewisse Ereignisse nachprüfen im Roman. Zum Beispiel der Hauptplot, diese Geschichte des Kunstskandals in München, den hat es in München nicht gegeben in den 20er-Jahren. Das ist aber auch die spannende und interessante Geschichte, wenn man noch mal versucht, den historischen Roman zu nehmen und gleichzeitig die reale Geschichte jener Zeit. Da findet man so viel Verschobenes.

Wir sind jetzt gerade beim Rundfunk. Die Figuren des Romans, die hören schon '22 Musik, die gehen schon zum Rundfunk und halten dort Ansprachen. Aber einen Bayerischen Rundfunk oder einen Rundfunk gab es erst ab '24 überhaupt. Da spielt Feuchtwanger mit den Ereignissen und Daten, wie es ihm eigentlich in den Roman passt.

Müller-Ullrich: Reinhard G. Wittmann, vielen Dank für diese Einstimmung in Ihre Ausstellung im Münchener Literaturhaus zu Lion Feuchtwangers Bayern- und vor allem München-Roman "Erfolg".

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