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Seit 05:00 Uhr Nachrichten
StartseiteKultur heutePaul Klee und der Erste Weltkrieg01.12.2013

Ausstellung "Mythos Fliegen"Paul Klee und der Erste Weltkrieg

Paul Klee hat seine Erfahrungen im Ersten Weltkrieg in Bildern über die Fliegerei verarbeitet. Eine Ausstellung im Augsburger Glaspalast widmet sich den Werken, die er während seines Militärdienstes in den Jahren 1916 bis 1918 geschaffen hat.

Von Julian Ignatowitsch

Zeitgenössisches Porträt des Malers Paul Klee (picture-alliance/dpa)
Der Maler und Grafiker Paul Klee (picture-alliance/dpa)

Es war der Krieg, der Paul Klee im Januar 1917 nach Augsburg, genauer gesagt an die Königlich Bayerische Fliegerschule V in Gersthofen, führte. Widerwillig trat er, der Kriegsskeptiker, dort seinen Dienst an. Ein Jahr zuvor hatte er genau an dem Tag, an dem er vom Tod seines Maler-Freundes Franz Marc erfahren hatte, seinen Einberufungsbefehl erhalten. Seitdem lebt er mit der ständigen Furcht vor einer Versetzung an die Front. Die Kunst ist ihm Zufluchtsort – während des Ersten Weltkrieges mehr denn je.

Produktive Schaffensphase des Künstlers

Die Ausstellung in Augsburg beleuchtet nun diese äußerst produktive Schaffensphase des Künstlers – und damit verbunden das Motiv des Fliegens. Leben und Werk erhalten gleichermaßen Platz. Ein erster Teil dokumentiert Klees Augsburger Militäralltag. Kurator Shahab Sangestan schildert die Situation in Gersthofen:

"Diese 70 Mann starke Truppe kam dann dorthin und es standen gerade mal ein paar Barackenhäuser, die Hallen waren noch gar nicht fertig, die Flugzeuge waren noch gar nicht da, der Flugbetrieb wurde zum 1. April – gut zwei Monate später – überhaupt erst aufgenommen. Und das war dann zunächst seine Aufgabe: Barackenbau. Aber glücklicherweise wird man auf sein Talent aufmerksam: der Hauptmann Friedrich Moosmeier. Er möchte, dass Paul Klee ein Fotoalbum für ihn ausmalt und er kommt dann dementsprechend in die Kassenverwaltung."

Beobachter eines "wahnsinnigen Krieges"

Klees Glück. Er wird nicht ins Schlachtfeld ziehen müssen. Und bleibt stattdessen Beobachter des, so von ihm bezeichneten, "wahnsinnigen Krieges".

"Diese Woche hatten wir drei Tote, einer vom Propeller derschlagen, zwei derhutzen sich aus der Luft. Ein vierter sauste gestern mit Krach, Splitter-Riß und Schurf auf das Dach der Werft", schreibt er einmal in sein Tagebuch.

Die Ausstellung zeigtFotografien von solchen abgestürzten Fliegern, dem Flugplatz und der Staffel. Die eine oder andere Aufnahme, so erfährt man, könnte sogar von Klee selbst stammen. An manchen Tagen vertritt er den Militärfotografen. Diese historischen Zeugnisse sind dem Besucher immer noch präsent, wenn er dann im zweiten Teil der Ausstellung rund 80 künstlerische Werke Klees – schwerpunktmäßig von 1917/18 – zu sehen bekommt. Gemeinsam mit den zahlreichen Tagebuch-Zitaten, die den Besucher über den ganzen Rundgang hinweg an den Wänden begleiten, ermöglichen eine Einordnung der Bilder. Zeichnungen wie "Schicksalsergebenheit", "Schwere des Schicksal" oder "Katastrophe“ unterstreichen in ihrer formalen Gestaltung Klees Gefühle gegenüber dem Krieg.

"Die Angst kann man sehr gut beobachten an einem stilistischen Mittel: Gerade in der Zeit tauchen Winkelformationen, Zickzack-Linien, die auch aggressiv zu deuten sind, auf – und interessanterweise hören die auch kurz nach dem Krieg wieder auf. Also das ist eine absolute Spezifik für die Werke, die in dieser Zeit entstanden sind. Das ist ein Ausdruck für Bedrohung, Angst, Todesangst, für den Krieg und für Zerstörung."

Mythos des Fliegens als Motiv

Inhaltlich taucht in diesem Zusammenhang regelmäßig als Motiv, der Mythos des Fliegens auf. Bei Klee ist dieser einerseits – ganz der Ikaruslegende nach – ein Verweis auf die menschliche Hybris, wie im Bild "Der Held mit dem Flügel": Eine verstörende Radierung, die einen missgestalteten Krieger mit verkümmertem Engelsflügel zeigt. Klee selbst notiert dazu im Bildrand:

"Von der Natur mit einem Flügel besonders bedacht, hat er sich daraus die Idee gebildet, zum Fliegen bestimmt zu sein, woran er zugrunde geht."

Zeichnungen wie "Fliegersturz" oder "Luftkampf" folgen ebenfalls dem Ikarustopos. Andererseits ist das Fliegen für Klee aber auch Ausdruck einer Transzendenz und Erlösung. Er schreibt dazu in seinem Tagebuch:

"Um mich aus meinen Trümmern herauszuarbeiten, musste ich fliegen. Und ich flog."

Kurz gesagt: Klee illustriert eine Dialektik des Fliegens, in der Absturz und Auferstehung gleichermaßen berücksichtigt werden. Die Ausstellung zeigt das. Nach allem, was man weiß, ist der Künstler selbst nie geflogen. Die Angst vor dem Absturz hat – nach den Erfahrungen des Ersten Weltkrieges – die Hoffnung auf Auferstehung dann wohl doch überwogen.

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