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StartseiteCorso"In Guantánamo kontrollierte das Militär meine Arbeit"29.01.2016

Ausstellung "Terror Incognitus" in Mannheim"In Guantánamo kontrollierte das Militär meine Arbeit"

Der Londoner Fotograf Edmund Clark will Machtsysteme aufzeigen, die im Verborgenen liegen, will wissen, wie Menschen auf die Bedrohung durch den Terrorismus reagieren. In seiner Ausstellung "Terror Incognitus" stellt er unter anderem eine dreiteilige Foto-Reihe zu Guantánamo vor.

Edmund Clark im Gespräch mit Tanja Runow

Man sieht den Umriss des Soldaten und den Zaun mit NATO-Draht als schwarze Silhouetten im Gegenlicht der untergehenden Abendsonne. (AFP / MLADEN ANTONOV)
Der Fotograf Edmund Clark durfte in Guantanamo keine Gesichter oder Wachtürme fotografieren (AFP / MLADEN ANTONOV)
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Ausstellung "Terror Incognitus" Edmund Clark in Mannheim

Tanja Runow: Terror ist in diesem Tagen überall in den Nachrichten. Aber was ist "Terror Incognitus"? Der Terror, über den wir nichts wissen?

Edmund Clark: Der Titel "Terror Incognitus" soll andeuten, dass es in der Ausstellung um verborgene Orte und Szenerien geht, die im Zusammenhang mit dem globalen Krieg gegen den Terror stehen. Und die wir sonst nicht sehen, weil ein Machtgefüge um uns herum versucht, das zu verhindern.

Bürokratie als Achillesferse des Systems

Runow: Sie sagen es, Orte wie die geheimen Verhörzentren der CIA sind aus gutem Grund versteckt, ihre Lage geheim- wie haben Sie sie überhaupt gefunden?

Clark: Sie sind versteckt, aber man kann sie schon aufspüren. Interessant ist nämlich, dass sie vor unser aller Augen versteckt sind, so wie auch der gesamte Prozess dieser so genannten "außerordentlichen Auslieferungen", um die es in meinem aktuellsten Projekt geht. Gefunden habe ich diese Orte schließlich, weil ich mit einem Rechercheur zusammenarbeite, Crofton Black. Der wiederum war tätig für Anwälte einiger Terrorverdächtigten, die in andere Länder verbracht wurden. Sein Job war teils forensischer Natur. Er verfolgte den langen Rattenschwanz der Bürokratie, wertete Rechnungen, Flugpläne und andere Dokumente aus, die zeigten welche Firmen, welche Flughäfen, welche Immobilien daran beteiligt waren. Die Bürokratie sozusagen als Achillesferse des Systems. Mit Ihrer Hilfe konnte man schließlich den Verhör- und Folterzentren auf die Spur kommen.

Runow: Und einige dieser Dokumente werden ja auch in der Ausstellung gezeigt oder sind in dem Handbuch dokumentiert, das die Besucher bekommen. Heute wissen wir, dass die CIA ein ganzes Netzwerk solcher sogenannten "Black Sites" geschaffen hat. Und das nicht nur in Europa. Orte, an denen Verdächtige ohne juristisches Verfahren befragt und vermutlich auch gefoltert wurden. Das klingt wie im Science-Fiction. Und wenn man sich dann Ihre Fotos ansieht, dann wirkt das alles so gewöhnlich, Zweckbauten mit ein bisschen Lokalkolorit, die in irgendeinem x-beliebigen Industriegebiet der Welt stehen könnten. Waren Sie selbst überrascht, als sie die zum ersten Mal gesehen haben?

Clark: Nein, ich war nicht überrascht darüber. Wenn wir daran denken, wie mit diesen Terrorverdächtigen umgegangen wird, dann denken wir an Geheimdienste oder die CIA und stellen uns das sehr geheimnisvoll vor, wie die diese Leute an geheimen Orten festgehalten und von Agenten verhört werden. Aber so läuft dieser Prozess gar nicht. Das ist viel gewöhnlicher. Da ist vieles ausgelagert an kleine, lokale Firmen, die zum Beispiel die Transporte durchführen, Flugzeuge chartern und so weiter. Die gesamte Logistik basierte darauf. Und es fand in der Mitte unserer Gesellschaft statt. Einige dieser sogenannten "Black Sites" fanden wir zum Beispiel in ruhigeren Vororten großer Städte in Rumänien. Oder sie waren in kleinen Wald-Dörfern in Litauen. Alles was dort vor sich ging, hatte vom Erscheinungsbild her etwas völlig Normales, ja Gewöhnliches.

Runow: Lassen Sie uns auf Ihre Fotoarbeiten zurückkommen. Sie berühren einen sehr, obwohl das keine Bilder sind, die lautstark anprangern oder die Situation skandalisieren. Sie zeigen brutale Fakten in wunderschönen, oft sorgfältig komponierten Bildern. Auf beinahe poetische Weise. Ihre Guantánamo -Fotos beispielsweise wirkten auf mich zuerst wie friedliche Stillleben. Erst auf den zweiten Blick sieht man: Diese Gefangenen sind so dünn, dass sie bald verschwinden. Und ihre Zelle haben die Maße eines Kleiderschranks. - Warum diese Ästhetik, warum ist das für Sie der richtige Weg, das so zu präsentieren?

Clark: Für mich hängt die Art und Weise, wie ich etwas erkunde, reproduziere und schließlich präsentiere sehr stark vom Thema selbst ab. Die meisten meiner Arbeiten beinhalten zum Beispiel eigentlich fast keine Menschen, weil es mir entweder nicht erlaubt ist, sie zu zeigen oder weil sie selbst nicht gesehen werden möchten.

In Guantánamo beispielsweise müssen Sie akzeptieren, dass ihre Arbeit vom Militär kontrolliert wird. Ich musste mit einer digitalen Kamera fotografieren. Man muss akzeptieren bestimmte Dinge nicht zu fotografieren, zum Beispiel keine Gesichter oder auch keine Wachtürme oder man darf nur eine bestimmte Anzahl von Wachtürmen pro Bild zeigen. Man darf noch nicht einmal Himmel und Meer in ein und demselben Bild fotografieren.

Szenarien des Grauens und der Entmenschlichung

Runow: Warum das?

Clark: Das hat wohl was mit Orientierung zu tun. Sollte Al-Kaida zufällig mit einem U-Boot vor der kubanischen Küste auftauchen, wüssten sie dann, wo sie sind. Natürlich gibt's mittlerweile auch Google Earth, aber gut - meine Arbeit muss sich mit dieser Form von Zensur auseinandersetzen.

Die Fotoarbeit über Guantánamo zum Beispiel hat drei Teile. Im ersten geht es um das Gefangenenlager selbst, im zweiten um das Marine/Navy-Camp, wo die Amerikaner stationiert sind und im dritten geht es um Menschen, die aus Guantánamo entlassen wurden, und die ich in ihrem jetzigen Zuhause besucht habe, in Großbritannien und Ländern des Mittleren Ostens. Es geht also drei Mal um den ganz persönlichen Raum, um Bilder eines zu Hauses. Ich stelle diese Bilder einander gegenüber und erzeuge damit eine gewisse Desorintierung beim Betrachter. Ein Mittel, das, wie wir heute wissen, auch ein wichtiger Bestandteil der Verhörpraxis in Guantánamo gewesen ist, weil dadurch auch gewisse Abhängigkeiten geschaffen wurden.

Meine Motive sind aber auch von den Bildern beeinflusst, die ich zuvor von Guantánamo gesehen hatte. Alle Fotografen, die dorthin gingen, zeigten Szenarien des Grauens und der Entmenschlichung. Gefangene in Orange, ohne Gesichter, gefesselt und geknebelt. Was heute klar wird, ist, dass diese Bilder natürlich bewusst verbreitet worden sind, um dieses Lager und den Umgang mit Terrorverdächtigen zu illustrieren.
Mich interessierte es, die Würde der Menschen, die für diese Bilder benutzt wurden, gewissermaßen wiederherzustellen. So habe ich zum Beispiel. Ehemalige Gefangene besucht, die mittlerweile als unschuldig entlassen wurden. Habe ihre Wohn- und Schlafräume fotografiert in den Häusern, wo sie jetzt leben. Genauso habe ich auch die Zellen fotografiert, als Orte, wo Menschen leben. Um nicht die Entwürdigung noch fortzusetzen, mit meinen Bildern. Ich wollte aber nicht das reproduzieren, was ich schon gesehen hatte.

Runow: In den letzten Jahren haben wir ja eine Menge erfahren über die Aktivitäten der Geheimdienste im Kontext mit dem sogenannten Krieg gegen den Terror. Natürlich kennen wir nicht alle Details. Aber was wir über Guantánamo allein wissen, ist ja schon schrecklich genug. Das wurde von der Öffentlichkeit zwar alles mit einer gewissen Missbilligung aufgenommen, aber es gab nicht DEN großen Aufschrei oder Protest. Haben Sie mehr erwartet?

Clark: Das ist eine schwierige Frage. Bei meiner Arbeit ist mir der historische Aspekt sehr wichtig. Ich habe ja auch Geschichte studiert. Und mit der Zeit habe ich meine Arbeit auch immer mehr begriffen als eine Art visuelle Geschichtsschreibung. Die zwar durchaus relevant für das Heute ist, aber vielleicht noch mehr Bedeutung haben wird in 50, 60 oder 100 Jahren. Es geht im Wesentlichen um die Auswirkungen dieser letzten 15, 16 Jahre auf unsere moralischen und juristischen Standards, mit denen ich aufgewachsen bin, und die wir immer als grundlegende Prinzipien unserer demokratischen Gesellschaft begriffen haben. Was mich umtreibt ist die Frage, wie unsere Gesellschaft auf die Angst und Bedrohung durch den Terrorismus reagiert.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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