Samstag, 16.12.2017
StartseiteKultur heute"Kämpfen wurde unsere Priorität"07.12.2017

Ausstellung über Beate und Serge Klarsfeld"Kämpfen wurde unsere Priorität"

Sie kämpften gegen das Vergessen der Nazi-Verbrechen in der jungen Bundesrepublik: Jetzt werden Beate und Serge Klarsfeld im Memorial de la Shoah in Paris geehrt. Ausgerechnet an dem Tag, als der Mossad den deutschen NS-Verbrecher Adolf Eichmann entführte, verliebten sich die beiden.

Von Kathrin Hondl

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Serge Klarsfeld (r) und seine Frau Beate Klarsfeld in der Shoah-Gedenkstätte in Paris (Frankreich): Die Ausstellung über die beiden "Nazi-Jäger" wurde am 7.12.2017 eröffnet. (dpa / picture alliance / Michel Euler)
Serge Klarsfeld (r) und seine Frau Beate Klarsfeld in der Shoah-Gedenkstätte in Paris (Frankreich): Die Ausstellung über die beiden "Nazi-Jäger" wurde am 7.12.2017 eröffnet. (dpa / picture alliance / Michel Euler)
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Beate und Serge Klarsfeld Erinnerungen zweier Nazijäger

Es war ein coup de foudre, Liebe auf den ersten Blick, und das ausgerechnet an dem Tag, als der israelische Geheimdienst in Buenos Aires den NS-Verbrecher Adolf Eichmann entführte. Und vielleicht war das ja ein Vorzeichen für die kommenden Kämpfe der Klarsfelds – so sehen es die beiden jedenfalls heute – dass ihre Liebe ausgerechnet am 11. Mai 1960 begann.

"Das war der Tag, als Serge Beate entführte", sagt Serge Klarsfeld. "Ich habe sie in der Metro angebaggert, und damit begann unser gemeinsames Leben. Von der Entführung Eichmanns erfuhren wir zwei Tage später. Aber sie geschah am Tag unserer Begegnung. Am 11. Mai gab es also zwei bedeutende Entführungen."

Zwei bedeutende Entführungen

Die Ausstellung im Memorial de la Shoah zeigt mit vielen Dokumenten und Fotografien, wie die Liebesgeschichte des französischen Juden, dessen Vater in Auschwitz ermordet wurde, und der Tochter eines deutschen Wehrmachtsoldaten auch eine Geschichte des Kampfes wurde. Gegen das Vergessen, gegen das Verdrängen, gegen die Allgegenwart alter Nazis in der noch jungen Bundesrepublik. Der Kampf begann, als mit Kurt Georg Kiesinger ein ehemaliger NS-Propagandist zum Bundekanzler gewählt wurde.

"Beate und ich fanden die Wahl Kiesingers skandalös. Und wir beschlossen, uns dagegen aufzulehnen. Das war eine gemeinsame Entscheidung: Kämpfen, nicht für die Ehre sondern um tatsächlich etwas zu erreichen. Das wurde unsere Priorität."

Beate Klarsfeld beschimpft 1968 im Bundestag Kanzler Kiesinger als "Nazi" und Verbrecher" (picture alliance / dpa)Beate Klarsfeld beschimpft 1968 im Bundestag Kanzler Kiesinger als "Nazi" und "Verbrecher" (picture alliance / dpa)Und die Klarsfelds entwickelten dabei eine schlaue und vor allem medienwirksame Strategie: Nämlich auf den Skandal mit der Provokation eines weiteren Skandals zu reagieren. Am 7. November 1968 auf dem CDU-Parteitag in Berlin verpasste die 29-jährige Beate Klarsfeld Kiesinger eine Ohrfeige. Die Ohrfeige, die sie und die Nazi-Vergangenheit des Bundeskanzlers weltweit bekannt machte.

"Beate Klarsfeld, das ist sofort die Ohrfeige. Nach der Ohrfeige war ich allgemein Nestbeschmutzerin, das wurde sehr schlecht aufgenommen von den Deutschen. Es ist eine Ohrfeige gewesen, die nicht nur von mir kam, sondern von der deutschen Jugend, die sich dagegen auflehnte, dass ehemalige Nazis wieder einflussreiche Posten haben konnten in der Politik. Es gab den Auschwitzprozess in Frankfurt, aber im Allgemeinen hatten sich die Deutschen damit abgefunden und interessierten sich nicht für die Opfer, was Deutschland angerichtet hatte. Und das war die Tochter, die den Nazivater ohrfeigte."

Detaillierte Faktensammlung über die Deportation der Juden Frankreichs

Der Rechtsanwalt Serge Klarsfeld wiederum widmete sich akribischen historischen Recherchen. Sein 1978 zusammen mit Beate veröffentlichtes Buch über die Deportation der Juden Frankreichs ist eine detaillierte Faktensammlung, die zwei Jahre später im Kölner Gerichtsverfahren gegen die ehemaligen SS-Leute Kurt Lischka, Ernst Heinrichsohn und Herbert Hagen verwendet wurde. Engagement und Kampfgeist lohnen sich, das dokumentiert die Ausstellung im Mémorial de la Shoah sehr eindrücklich – und Serge und Beate Klarsfeld hoffen, dass ihre Kämpfe Mut machen. Für künftige Kämpfe.

"Wenn die jungen Leute ins Musée de la Shoah kommen und den Kampf von Serge und Beate sehen. Zuerst waren wir ganz alleine, und dann waren wir am letzten Tag vom Kölner Prozess Tausende Juden, die durch die Straßen von Köln marschierten. Das hatten die Deutschen niemals gesehen seit der Kristallnacht. Also wir haben mit unseren Aktionen, auch illegalen Aktionen vieles erreicht!"

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