Mittwoch, 13.12.2017
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Ausstellung von Anna McCarthyPizza als Antwort

Schwarzer Humor, scharfe Intelligenz und politische Widerständigkeit: Die Göttinger Ausstellung "What are people for?" taucht ein in die Welt der britischen Künstlerin Anna McCarthy. Darin stellt sie die ultimative Frage: dem Sinn und Zweck des Menschen an sich.

Von Andi Hörmann

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Künstlerin Anna McCarthy vor ihrem "Fleischmantel" (Andi Hörmann / Deutschlandfunk)
Künstlerin Anna McCarthy vor ihrem "Fleischmantel" (Andi Hörmann / Deutschlandfunk)
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"Bei mir schwingt immer ein schwerer Sarkasmus mit."

"What are people for?" Für was ist der Mensch eigentlich zu nutze? Anna McCarthy provoziert schon mit dem Werbebanner für ihre Ausstellung in Göttingen: Eine Schwarzweißfotografie von ihrem nacktem Hintern mit dem Logo einer bekannten Luxus-Modemarke - wirkt anrüchig und komisch zugleich. Anna McCarthy sagt:

"Ich finde, dass Humor ein gutes Mittel ist, um kritisch zu sein."

Die Künstlerin selbst steht am Eingang, trinkt ein Bier, raucht eine Zigarette - und schildert gleich mal selber was den Besucher als erstes erwartet:

"Wenn man rein kommt, wird man eigentlich erst von so einer Mauerwand begrüßt. Aber die Fenster sind links und rechts offen und es wehen so weiße Tücher in den Fenstern. Ich wollte so eine Mischung aus Versperren und Offenheit."

Bissig-zynischer Humor

Künstlerhaus Göttingen, 2. Stock: Ein Altbau mit knirschendem Dielenboden, hohe Decken, weiß getünchte Wände. Es beginnt also mit einer einladenden Geste und zugleich einem Vor-den-Kopf-Stoßen: Romantisch wehende Fenstergardinen, dazwischen schäbige Backsteinmauern im Posterformat.

"Zement auf Holz. Angemalt in so einer scheußlichen, pinken Farbe - mit den Mauerlinien gezogen. Und die bröckeln halt immer. Ich will eigentlich hunderte davon machen."

Klar, die Mauer! Trump und so. Man denkt erst mal: Oh nee, nicht schon wieder das ausgelutschte Reizthema "Fake News" und "Alternative Fakten".

"Wegen Trump auch, und die ganzen Mauern, die noch so aufgezogen werden, fand ich es witzig, jetzt bröckelnde Mauern zu verkaufen. Also dass man froh ist, dass sie zumindest bröckeln." - "Ein-Euro-Pfandmarken sehe ich da auf der Mauer." "Das war dann der Spaß, dass man die zurückgeben kann und dann wieder einen Euro bekommt."

Was bei Anna McCarthy zunächst so verspielt plakativ daher kommt, verkehrt sich im Laufe der Ausstellung in bissig zynischen Humor. Im zweiten Raum der Ausstellung ist etwa ein blutroter Ledermantel an die Wand gepinnt: Das Innenfutter tapeziert mit Steaks, Koteletts, Leber und Nieren - ausgeschnitten aus Kochbüchern. Anna McCarthy nennt ihn den "Fleischmantel".

"Wenn man den Mantel aufmacht, macht man ja selber was auf. Also wie so ein Händler, der in seiner Jacke was verkauft. Also das Handeln mit Fleisch, mit Menschen."

Eine wortwörtliche Schnitzeljagd

"What are people for?" Kommerz, Resteverwertung, Kunst. In ihren Arbeiten legt Anna McCarthy dazu Spuren und gibt keine Richtung vor. "Schnitzeljagd" nennt sie das - der Begriff erfährt bei ihr eine Bedeutungsverschiebung. Wie sie überhaupt vieles vom Abstrakten ins Konkrete zieht – und umgekehrt. Wie etwa bei ihrer "People-killing Pizza Machine":

"Es gibt so eine Geschichte, wo ich klein war in der Schule, da sollten wir eine Pizzamaschine entwerfen. Also ich war so acht Jahre alt. Das war genau die Phase, wo Mädchen Jungs blöd finden. Dann habe ich so eine Zeichnung gemacht, die hieß dann "Boy-killing Machine". Wo Jungs in so eine Maschine reinkommen und zerhackstückt werden und am Ende kommt eine Pizza raus."

Und da steht sie nun im dritten Raum der Ausstellung, die "People-killing Pizza Machine" von Anna McCarthy. Sieht schrottig aus: Eine Art Werkbank zusammengeschustert aus alten Haushaltsgegenständen und Krimskrams vom Sperrmüll. Eine Maschine mit Trash-Faktor, der man sofort ansieht, dass sie nie funktionieren kann. Obwohl es von ihr perfide technischen Zeichnungen auf Millimeterpapier gibt. Ein absurdes Kunstwerk. Die Kuratorin Anja Lückenkemper ist begeistert von der Detailarbeit:

"Erst wird der Mensch gegriffen, dann gibt es so eine Art von Häcksler-Maschine, wo er zerstückelt wird, dann so eine Art von Stampfer…"

Anna McCarthy interessiert sich für den Menschen an sich. Dabei entdeckt sie das journalistische Arbeiten für ihre künstlerische Praxis: Vier Filme à zehn Minuten sind die zentralen Arbeiten der Ausstellung, im Format einer Nachrichtensendung, nur ohne gesprochenes Wort, dafür mit pantomimischem Ernst - unterlegt mit gruseligen Soundscapes.

"Die heißt HTSAR TV: How to start a revelation."

Inszenierter Journalismus als Kunstwerk

Revelation, die Enthüllung durch inszenierten Journalismus als Kunstwerk. Eine Folge zum Putschversuch in der Türkei, eine zu Fake News, eine zum Amoklauf in München und eine über den journalistischen Arbeitsethos an sich.

"Das, was ich mitbekomme, versuche ich zu beobachten und in eine Geschichte zu packen, die verschiedene Ansichten repräsentiert. Und nicht, dass ich unbedingt urteile."

Es ist ein Entlarven der Missstände tagesaktueller Ereignisse, die Anna McCarthy in ihren Arbeiten durch den künstlerischen Fleischwolf dreht. Spröde Ironie spart sie dabei aus. Dafür würzt sie ihre Arbeiten mit knochentrockenem, britischem Humor. "What are people for?": Für was ist der Mensch nun zu gebrauchen? 

"Pizza. Das ist die Antwort. Pizza und TV. Deswegen gibt es die TV-Show und dann gibt es noch die Pizza."

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