Mittwoch, 13.12.2017
StartseiteFirmenporträtDer letzte Feilenhauer Mitteleuropas 01.12.2017

Aussterbende BerufeDer letzte Feilenhauer Mitteleuropas

Es gibt Berufe, die sind nur noch in historischen Enzyklopädien verzeichnet. Der Raspel- und Feilenhauer ist so ein Beruf. Einer der letzten seiner Art in Mitteleuropa lebt und arbeitet in Tschechien: Seit 1992 leistet Drahomír Smejkal dort minitiöse Feinarbeit - und beliefert damit die ganze Welt.

Von Iris Milde

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Drahomír Smejkal mit Sohn David (Deutschlandradio / Iris Milde)
Drahomír Smejkal mit Sohn David in der Werkstatt (Deutschlandradio / Iris Milde)
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An der Hauptstraße im Dorf Hruškovy Dvory bei Jihlava steht ein weißes Reihenhäuschen. Im Hof dahinter befindet sich eine kleine Werkstatt. Früher sei das seine Garage gewesen, sagt Drahomír Smejkal. Ein Regal, eine Werkbank und drei Stühle, für mehr ist kein Platz. Seit sechs Uhr schon ist er auf den Beinen.

"Ich bin der Älteste und fange zuerst an", grinst der rundliche 61-jährige und setzt sich auf den hintersten Stuhl an der Wand. Neben ihm sitzt sein Sohn David.

"Wir sind drei. Mein Vater und mein Bruder arbeiten hier immer und ich gelegentlich."

Drahomír Smejkal rückt an einen kleinen Amboss heran. In eine Form, das sogenannte Bettchen, schiebt er einen Rohling in Form einer Feile, darüber legt er zwei Lederriemen, die er mit dem Fuß spannt.

"Das ist der Hammer, der Griff ist abgerundet, damit man die Hand nicht so hochhalten muss. Und dann nehme ich ein Stemmeisen und jetzt kommt das Schlimmste."

Smejkal setzt den kurzen vierkantigen Stift, der am unteren Ende angespitzt ist, auf den Stahl und schlägt kräftig mit dem Hammer darauf. Entlang einer gedachten schrägen Linie entsteht ein scharfes Zähnchen nach dem anderen. Nach etwa einer halben Stunde ist die Raspel fertig. Smejkal nimmt eine kleine Schablone mit einer quadratischen Öffnung und misst.

"Das sollten zehn Zähne pro Quadratzentimeter sein, möglich sind bis zu 100."

Extrem feine Raspeln brauchen Instrumentenbauer, die besonders groben Hufschmiede. Aber auch Holzrestauratoren, Orgelbauer, Goldschmiede und Pferdezahnärzte sind auf die Spezialfeilen und -raspeln aus dem Hause Smejkal angewiesen. Smejkal nimmt einen silbern glänzenden, mit Zähnen besetzten Keil aus dem Regal.

"Das ist eine chirurgische Raspel. Wenn ein Gelenk eingesetzt wird, dann arbeitet der Chirurg vorher das Knocheninnere mit dieser Feile heraus."

"Keiner weiß, dass wir dahinter stecken"

Die Smejkals liefern aber auch an Großhändler, die ihre Feilen und Raspeln im In- und Ausland vertreiben.

"Wir haben die Sprachbarriere", sagt David Smejkal, "Deutsch können wir nicht, nur ein bisschen Englisch. Wir sind gut vertreten in der Welt, aber keiner weiß, dass wir dahinter stecken."

Der Feilen- und Raspelhauer ist noch heute unersetzlich, denn Maschinen können nur Standardformen behauen. Und noch etwas unterscheidet die Handarbeit von der maschinell gefertigten Raspel:

"Schauen Sie hier." Smejkal nimmt einen Holzklotz und fährt mit einer handelsüblichen Raspel darüber. Sie hinterlässt fünf Rillen. Die handgefertigte Raspel dagegen schabt die ganze Fläche ab.

"Die Zähne unserer Raspel stehen alle ein klein bisschen anders. Und bei einer Maschine ist jeder Zahn gleich. Und das hinterlässt Furchen im Holz."

Raspeln seien ihr Bestseller, weil der Unterschied zur Maschinen-Raspel so groß ist. Aber auch handgehauene Feilen haben eine höhere Qualität, oft werden sie über Generationen weitergegeben. Smejkal legt wieder einen Rohling ins Bettchen und wischt mit Kreide darüber.

"Damit es nicht blendet und das Stemmeisen nicht abrutscht", erklärt er.

Dann setzt er ein breites Stemmeisen schräg an. Von oben nach unten schlägt er Rille für Rille ein, dann noch einmal schräg in die andere Richtung.

Ein Dorf mit einer langen Tradition

1972 lernte Drahomír Smejkal in Jihlava zusammen mit zehn anderen den Beruf des Feilenhauers. Inzwischen ist er der Letzte, der in dem Handwerk arbeitet, das in der Region Jihlava eine lange Tradition hat. Denn unweit der Kleinstadt liegt das Dorf Křížanky, wo noch Ende des 19. Jahrhunderts fast alle Familien von der Feilenhauerei lebten.

"In unserer Fabrik waren noch drei alte Meister aus Křížanky. Die haben mir gezeigt, wie man mit der Hand haut", erzählt Smejkal. "Dann kam die Samtene Revolution und man sagte uns, dass wir Handhauer nun überflüssig wären. Aber die Spezialisten, wie die Instrumentenbauer, die brauchten das noch."

"Anfangs sah es so aus, als würde Vater bald wieder aufgeben"

1992 gründete Smejkal deshalb seine eigene Werkstatt.

"Anfangs sah es so aus, als würde Vater bald wieder aufgeben, weil die Auftragslage so schlecht war", erinnert sich Sohn David. "Dann wurde es immer mehr. Und die letzten vier, fünf Jahre haben wirklich so viele Aufträge, dass wir auch an den Wochenenden arbeiten müssen, weil wir es gar nicht schaffen. Wir haben Aufträge für sechs, sind aber nur drei."

Heute sitzt Smejkal mit dem 35-jährigen Sohn Pavel und dem 39-jährigen David Schulter an Schulter an der Werkbank. Das Raspelhauen ist eine anstrengende Tätigkeit, der schwerste Hammer wiegt über zwei Kilo. Pro Raspel werden im Schnitt 2.800 Zähne eingeschlagen. Über 300 verschiedene Feilen und Raspeln haben die Smejkals im Sortiment. Eine kostet zwischen 5 und 50 Euro. Das reicht zum Leben, aber für eine größere Werkstatt schon nicht mehr, sagt Drahomír Smejkal. In zweieinhalb Jahren könne er in Rente gehen, aber ein Leben ohne das monotone Pochen, das kann er sich nicht vorstellen.

"Ich habe verschiedene Preise bekommen, das freut mich natürlich, aber am meisten freut mich, wenn ein Kunde mir schreibt, dass er zufrieden ist."

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