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StartseiteForschung aktuellDingos gegen Katzen17.06.2015

AustralienDingos gegen Katzen

Australien geht neue Wege im Kampf gegen Katzen. Einst von Europäern eingeschleppt, haben sich die Raubtiere rasant vermehrt und bedrohen die eingeborenen Pflanzenfresser. Nun setzen australische Ökologen ihre Hoffnung auf natürliche Feinde der Katzen: Dingos und tasmanische Teufel.

Von Monika Seynsche

Australischer Dingohund (picture alliance / dpa / Hinrich Bäsemann)
Dingos sollen die wildernden Katzen im Zaum halten (picture alliance / dpa / Hinrich Bäsemann)

Jede Nacht wiederholt sich das gleiche Spiel. Bis zu 20 Millionen wild lebende Katzen durchstreifen den australischen Busch und hinterlassen eine blutige Spur. Sie töten Kängururatten, genauso wie Beutelmarder, Kaninchennasenbeutler, Erdsittiche und etwa vierhundert weitere Tiere, sagt der Ökologe Euan Ritchie von der Deakin University in Melbourne.

Als die europäischen Einwanderer im 18. und 19. Jahrhundert Australien besiedelten nahmen sie ihre Hauskatzen mit. Und nicht nur das. Englische Jäger wollten in der neuen Heimat nicht auf die Fuchsjagd verzichten und setzten Füchse aus. Ungewollt brachten sie damit die größte Aussterbewelle der Neuzeit in Gang. 30 australische Säugetierarten sind ihr in den vergangenen 200 Jahren schon zum Opfer gefallen. Ausgerottet in erster Linie von Füchsen und verwilderten Katzen.

Eine wilde Katze hat im australischen Queensland-Nationalpark ein Kurznagelkänguru erlegt. (Queensland Parks and Wildlife Service / PNAS / dpa)Eine wilde Katze hat im australischen Queensland-Nationalpark ein Kurznagelkänguru erlegt. (Queensland Parks and Wildlife Service / PNAS / dpa)

Um das Problem in den Griff zu bekommen, werden in Australien seit vielen Jahren vergiftete Köder ausgelegt. Der Aufwand ist gewaltig, der Erfolg übersichtlich. Fuchspopulationen lassen sich mit den Ködern eindämmen. Das Vorkommen von Katzen aber nicht.

"Das Problem bei Katzen ist, dass sie anders als Füchse nur sehr ungern tote Dinge fressen. Sie jagen lieber lebende Tiere. Wenn man also Giftköder auslegt, sterben dadurch zwar Füchse, aber kaum Katzen. Jedenfalls lange nicht genug, um die Populationen unter Kontrolle zu bringen.

Noch dazu vermehren sich Katzen sehr schnell und wir haben jetzt schon viel zu viele. Man kann sie zwar abschießen, aber auch das ist nicht sehr effektiv, denn die Tiere leben im Verborgenen und sind schwer zu finden. Und sie meiden Menschen. Aus dem Grund bringt es auch nicht viel, Fallen aufzustellen. Katzenpopulationen unter Kontrolle zu bekommen, ist also wirklich schwierig."

Dingos sollen Katzen dezimieren

Die eingeschleppten Räuber haben auf dem australischen Festland nur einen wirklichen Feind. Und genau auf den setzt Euan Ritchie seine Hoffungen: Dingos, die größten Raubsäuger Australiens.

"Wir wissen heute, dass eine der wichtigsten Aufgaben der großen Raubtiere überall auf der Welt die Kontrolle der kleineren Räuber ist. In Schweden zum Beispiel kontrollieren die Luchse die Fuchspopulationen. In Nordamerika sind es Wölfe, die Kojoten in Schach halten. Ähnliches könnte für Australien gelten. Denn der Dingo ist recht gut darin, Fuchs- und Katzenpopulationen unter Kontrolle zu bringen."

Dingos töten Katzen und Füchse. Und sie verbessern den Lebensraum der kleinen einheimischen Pflanzenfresser, indem sie Kängurus und wilde Ziegen jagen. Dadurch bleiben Gras und Büsche höher und bieten den kleinen Tieren Nahrung und Schutz vor Katzen und Füchsen.

Die Sache hat allerdings einen Haken. Der Dingo wird seit der Ankunft der Europäer in Australien erbittert gejagt. Denn er frisst auch Schafe. Trotzdem plädiert Euan Ritchie dafür, den Räuber in Ruhe zu lassen, damit der wiederum die einheimischen Tiere schützen kann. Und der Forscher will noch einen Schritt weitergehen. Denn es gibt noch einen zweiten einheimischen Jäger, der helfen könnte, Katzen und Füchse unter Kontrolle zu bringen.

Marissa Parrot späht in ein hügeliges Gehege im Zoo von Melbourne. Die Reproduktionsbiologin sucht Gonzo, einen alten tasmanischen Teufel.

"Da ist er ja. Er liegt in der Sonne, direkt neben seiner Wasserstelle. Tasmanische Teufel können schwimmen, auch wenn sie es nicht oft tun. Und jetzt verschwindet er."

Tasmanische Teufel halten Katzenpopulationen klein

In der Wildnis kommen Tasmanische Teufel heute nur noch auf Tasmanien vor. Dort wird die Art seit fast zwanzig Jahren von einem ansteckenden Gesichtstumor bedroht, der die Populationen hinwegrafft. Deswegen werden in vielen australischen Zoos Tiere wie Gonzo gezüchtet. Sie sollen die Art vor dem Aussterben bewahren. Mittlerweilen leben etwa 700 Tasmanische Teufel in Tierparks. Euan Ritchie würde einige dieser Tiere gern auf dem australischen Festland auswildern.

"Der Tasmanische Teufel ist ein interessanter Fall. Vor höchstens 5000, vielleicht sogar noch vor 500 Jahren lebte diese Art auch auf dem australischen Festland und war dort weit verbreitet. Genauso wie Dingos können die Teufel Katzen und Füchsen gefährlich werden. Sie jagen die Jungtiere. Und sie verbreiten Angst. Gegenden, in denen viele Tasmanische Teufel leben, werden von den eingeschleppten Jägern gemieden. Davon wiederum profitieren die Beutetiere der Katzen. So schützen die Teufel indirekt die kleinen einheimischen Tiere."

Dieser Effekt lässt sich auf Tasmanien beobachten. Dort leben bis heute viele Arten, die auf dem Festland schon ausgerottet wurden. Seit aber auf der Insel die Teufelpopulationen durch den Gesichtstumor einbrechen, breiten sich Katzen aus und die kleinen einheimischen Säugetiere geraten zunehmend in Gefahr. Auf Tasmanien können die Teufel aus dem Zoo noch nicht wieder ausgewildert werden, denn dort würden sie sich sofort bei ihren kranken Artgenossen anstecken und sterben. Auf dem Festland aber gibt es keinen Tumor. Euan Ritchie und seine Kollegen schlagen deshalb vor, gesunde Teufel auf einer Halbinsel südöstlich von Melbourne anzusiedeln. Wilsons Promontory ist ein Nationalpark, der nur über eine schmale Landzunge ans Festland angebunden ist. Dadurch ließe sich das Experiment relativ gut kontrollieren.

Ansiedlung birgt Risiken

Das sei eine wirklich interessante Idee, sagt Marissa Parrott vom Zoo in Melbourne. Sie sei in den vergangenen Jahren von unterschiedlichen Forschern aufgeworfen worden. Zum einen wäre es eine Möglichkeit, den bedrohten Tasmanischen Teufeln einen neuen Lebensraum zu geben und zum anderen könnte sie kleine einheimische Tiere schützen.

"Dieses Experiment birgt allerdings auch eine Reihe von Risiken. Zum Beispiel wissen wir nicht genau, wie Teufel, Füchse und Katzen dann wirklich interagieren werden. Wir wissen auch nicht, was mit den einheimischen Arten passiert, die sich in den vergangenen Jahrhunderten an eine Umgebung ohne Tasmanische Teufel gewöhnt haben. Die Ansiedlung könnte dem Ökosystem und den Teufeln selbst sehr helfen, aber wir müssen zuerst die möglichen Risiken abschätzen, bevor wir die Tiere aussetzen."

Es wird also noch einige Zeit dauern, bis der Schrei der Tasmanischen Teufel wieder über das australische Festland gellt.

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