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StartseiteBüchermarktAuswanderung einer Irin17.10.2010

Auswanderung einer Irin

Buch der Woche: "Brooklyn" von Colm Toibin. Hanser Verlag

Colm Toibin erzählt die Geschichte einer Irin, die sich in einem fremden Land zurechtfinden muss. Das Innenleben der Figur schildert Toibins facettenreich sowie nachvollziehbar und so lernt man unter anderem, was jeder Überseereisende wissen muss.

Von Susan Bernofsky

Colm Toibin: Brooklyn, Hanser Verlag
Colm Toibin: Brooklyn, Hanser Verlag

In seinem neuen Roman "Brooklyn" erzählt der meisterhafte Colm Toibin von der Irin Eilis Lacey, die in der wirtschaftlich schwierigen Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg aus der Kleinstadt Enniscorthy nach Brooklyn auswandert, wo das goldene Vlies - eine Stelle als Verkäuferin - auf sie wartet. Viele junge Iren haben in den Vereinigten Staaten in den Jahren nach dem Krieg ihr Glück versucht. Eilis unternimmt diesen Versuch unter den bestmöglichen Voraussetzungen: Ein Priester aus ihrer Heimatstadt, der inzwischen nach Brooklyn umgesiedelt ist, besorgt ihr schon im Voraus die Arbeitsstelle, ein Zimmer und die Papiere für die Einreise. Sie fährt also zwar in die Fremde, wird aber von Brooklyns großer irischen Gemeinde aufgefangen. So findet sie sich in der neuen Welt gleichzeitig von ihrer Heimat abgeschnitten und von ihr umschlossen: sie wohnt bei einer irischen Zimmervermieterin unter irischen Zimmernachbarinnen, geht in die irische Kirche und nimmt an irischen Tanzvergnügungen teil. Und lernt dabei, dass die alte und die neue Welt einander näher sind, als sie früher ahnte.

Mrs. Kehoe, der das Haus gehörte, war aus der Stadt Wexford und redete für ihr Leben gern über die Heimat, über Sonntagsausflüge nach Curracloe und Rosslare Strand oder über Hurling-Spiele, die Geschäfte auf der Main Street in Wexford oder über Personen, an die sie sich erinnerte.

Auch in dem großen neuen Land ist Eilis gewissermaßen noch zu Hause in der Kleinstadt, wo jeder jeden kennt, und wo kein Geheimnis lange besteht, bevor es zum Stadtgespräch wird. Alles, was sie ist, tut und treibt hängt im Großen und Ganzen davon ab, was ihre Nachbarn - sowohl hüben wie drüben - und ihre Familie von ihr erwarten.

"Brooklyn" - soeben im Hanser Verlag erschienen - ist der sechste Roman des irischen Schriftstellers Colm Toibin und wurde wie auch seine früheren auf deutsch erschienenen Büchern von Giovanni und Ditte Bandini mit großem Können aus dem Englischen übersetzt. Der 1955 geborene Toibin hat sich mehrfach ausgewiesen als einer der wichtigsten Stimmen der englischsprachigen Gegenwartsliteratur - unter anderem mit den Romanen "Das Feuerschiff von Blackwater", "Die Geschichte der Nacht" und vor allem mit "Porträt des Meisters in mittleren Jahren". Toibin schreibt Bücher, in denen das Innenleben seiner Figuren so facettenreich und überzeugend geschildert wird, wie bei seinem großen Vorbild Henry James, mit dem er auch am häufigsten verglichen wird.

Toibins ausgeprägte Geschicklichkeit in der psychologischen Entwicklung seiner Figuren sieht man sehr deutlich in "Brooklyn", in dem die große Auslandsreise der Protagonistin ein Katzensprung ist gegen die Entdeckungsreise, die sie in ihrem Inneren unternimmt. Aus einem zwar aufsässig aber dennoch schüchternen und unerfahrenen Mädchen wird eine selbstbewusste Frau, die sich in einem fremden Land zurechtfindet, die sich auch nachts unbegleitet auf die Straße traut, die sogar am angesehenen Brooklyn College studiert, denn sie will nicht immer und ewig Handschuhe und Strumpfhosen im Kaufhaus feilbieten. Eilis will Buchhalterin werden und in einem Büro arbeiten wie ihre ältere Schwester, Rose, die zu Hause bleiben durfte in Enniscorthy, weil sie eine gute Stelle innehatte - Rose, die sich immer schön kleidet und schminkt und zum Zeitvertreib mit ihren eleganten Freunden Golf spielt. Trotz dieser großen Zukunftspläne leidet Eilis so sehr an Heimweh, dass ihre Abteilungsleiterin sie einmal nach Hause schicken muss, aus Angst, sie könnte mit ihrer betrübten Miene Kunden vertreiben. Eilis weiß nicht einmal, was das ist, Heimweh:

Das alles legte sich ihr wie eine entsetzliche Last auf die Seele, und einen Moment lang glaubte sie, gleich weinen zu müssen. Es war so, als ob ein Schmerz in ihrer Brust versuchte, ihr Tränen zu entlocken, trotz der ungeheuren Anstrengung, die sie unternahm, um sie zurückzuhalten. Sie gab dem Drang nicht nach. Sie überlegte, bemühte sich herauszufinden, was dieses neue Gefühl verursacht hatte, diese Niedergeschlagenheit, ähnlich der, die sie empfunden hatte, als ihr Vater gestorben war und sie zugeschaut hatte, wie der Sarg geschlossen wurde, im Wissen, dass er die Welt nie wiedersehen würde und sie nie mehr mit ihm würde reden können.

Hier war sie niemand. Es lag nicht nur daran, dass sie hier keine Freundinnen und Verwandten hatte; eher war sie ein Gespenst, in diesem Zimmer, auf den Straßen auf dem Weg zur Arbeit, im Kaufhaus. Nichts hatte irgendeine Bedeutung. Die Zimmer des Hauses in der Friary Street, dachte sie, gehörten zu ihr; wenn sie sich dort aufgehalten hatte, war sie wirklich da. Wenn sie in der Stadt zum Laden oder zur Berufsschule ging, waren die Luft, das Licht, der Boden unter ihren Füßen fest und ein Teil von ihr, selbst wenn sie niemand Bekanntes traf. Hier war nichts ein Teil von ihr. Alles war unecht, dachte sie, leer. Sie schloss die Augen und versuchte, wie sie es schon so oft in ihrem Leben getan hatte, an etwas zu denken, auf das sie sich freuen konnte, aber es gab nichts. Nicht das Geringste. Nicht einmal auf den Sonntag. Auf nichts außer vielleicht auf den Schlaf, und sie war sich nicht einmal sicher, dass sie sich darauf freute. Auf jeden Fall konnte sie noch nicht schlafen, da es noch nicht einmal neun war. Es gab nichts, was sie tun konnte. Es war, als sei sie eingesperrt.


Erst langsam in der Fremde dämmert Eilis, dass ihre Reise nach New York nicht eine Strafe ist, die ihr - als Einziger Stellenlosen unter fünf Geschwistern - auferlegt wurde, sondern dass ihre erfolgreiche Schwester Rose ihr diese Gelegenheit gegönnt hat. Muss doch einer zu Hause bleiben bei der verwitweten Mutter. Die kleine Schwester nach Amerika fahren zu lassen bedeutet für Rose: nicht mehr heiraten können, nicht wie die Brüder nach England fahren, wo es bessere Karrieremöglichkeiten gibt. Es bedeutet: Die Mutter auf ihre alten Tage pflegen, um dann selber allein zu bleiben.

Die Einfühlsamkeit, mit der Colm Toibin in diesem Roman von den verzwickten Verwicklungen erzählt, die Familienmitglieder aneinanderbinden und auseinandertreiben, ist bei ihm nichts Neues. Schon in seinem Erzählungsband "Mütter und Söhne” aus dem Jahr 2007, zeigt er eine ähnliche Souveränität in der Beschreibung von Familienverhältnissen - meist nicht gerade die glücklichsten. Hier sind die titelgebenden Söhne entweder helle und neugierig oder aber emotional erschöpft. Hier sucht zum Beispiel ein Sohn Tag für Tag zusammen mit seinem erbitterten Vater im Schnee nach dem Leichnam seiner Mutter, einer Alkoholikerin, die aus Verzweiflung mitten im Winter weggelaufen ist, nachdem ihr Mann ihren Geheimvorrat weggeschüttet hat. Vater und Sohn suchen den ganzen Winter lang, bis das Tauwetter einsetzt - aus Angst, die Geier könnten ihnen zuvorkommen. Hier leidet eine Mutter, weil ihr Sohn, ein Lehrer und Priester, beschuldigt wird, sich an seinen Schülern vergangen zu haben. Und ein anderer Sohn, der Dieb geworden ist, leidet, weil seine Mutter im Suff gesprächig wird und einem Polizeispitzel gegenüber von seinen Umtrieben plappert. Die Figuren und Konflikte in diesen Erzählungen werden mit Feingefühl, mit Intelligenz und auch mit Güte beschrieben. Auch die unsympathischen Figuren, die uns hier begegnen, besitzen eine Vorgeschichte, ein hinter den Kulissen ausgereiftes Innenleben und handeln danach. Man sieht dem souveränen Porträtisten Colm Toibin die erzählerische Geduld an, die er bei seinem Meister gelernt hat: bei Henry James.

In seinem bisher wichtigsten Buch, dem Roman "Porträt des Meisters in mittleren Jahren", der 2005 in deutscher Übersetzung erschien, spielt Henry James sogar als Protagonist mit. Das Buch erzählt fünf Jahre aus dem Leben Henry James', die letzten fünf Jahre des neunzehnten Jahrhunderts. Colm Toibin führt detailliert aus, wie bei James - zumindest bei seinem erfundenen James - Leben und Schreiben ineinander übergehen. Aus den Menschen um ihn herum, aus den teuersten Freundschaften, bastelt James Literatur, und erst dabei lernt er das Leben einigermaßen kennen. Toibin hat das Buch gründlich recherchiert - es ist gespickt mit Einzelheiten, die aus Briefen und Biografien stammen - und dennoch gelingt es diesem Werk, als Roman zu bestehen: als ein Roman über das Schreiben und über den schmerzhaften Verlust der Vergangenheit und der Heimat - denn Henry James hat die letzten 40 Jahre seines Lebens im Exil verbracht. Und so macht Tóibin aus Vergangenem Ewiges, genauso wie dies Henry James getan hat, den Toibin sich imaginiert. Nach der Moral seiner Geschichten gefragt, antwortet Toibins James:

"Die Moral ist die pragmatischste, die wir uns überhaupt vorstellen können: dass das Leben ein Mysterium ist, dass einzig Sätze schön sind, dass wir zu Veränderungen bereit sein müssen, insbesondere wenn wir nach Paris fahren, und dass niemand [...] der die Liebenswürdigkeit von Paris kennengelernt hat, je wirklich zur Liebenswürdigkeit der Vereinigten Staaten zurückkehren kann."

Für die Heldin von "Brooklyn" aber ist das Brooklyn, das sie nach ihrer langen Schiffsreise vorfindet, genauso entzückend wie für Henry James Paris. Ihr fällt die Wohnlichkeit des Bezirks auf, der sie an ihr Leben zu Hause erinnert.

Sie mochte die Morgenluft und die Stille dieser wenigen baumgesäumten Straßen, Straßen, auf denen es nur an den Ecken Läden gab, Straßen, wo Menschen lebten, in denen es in jedem Haus drei bis vier Wohnungen gab und wo sie auf dem Weg zur Arbeit an Frauen vorbeikam, die ihre Kinder zur Schule brachten.

Es ist aber nicht alles schön in dieser schönen neuen Welt. Die Arbeit im großen Brooklyner Kaufhaus Bartocci's ist langweilig und erschöpfend; in der Pension bei Mrs. Kehoe wird gnadenlos geklatscht und intrigiert; Eilis hat Angst, in ihrem Buchhalterstudium durchzufallen, da auch Grundbegriffe der Rechtswissenschaft auf der Prüfung stehen sollen; und der Mann, den sie bei einem Tanzabend im Gemeindehaus der Kirche kennenlernt, bedrängt sie, sich ihm zu verpflichten.

Ihrer Mutter von diesem Tony zu schreiben - keinem Iren, sondern einem Italiener - traut sie sich nicht. Er macht ihr den Hof: so, wie es sich gehört. Er holt sie von der Arbeit oder vom College ab und begleitet sie bis vor die Haustür. Er führt sie aus: zum Tanzvergnügen ins irische Gemeindehaus, ins Restaurant, ins Kino, einmal sogar nach Coney Island an den Strand. Seine Familie lädt sie nach Bensonhurst zum Essen ein, wo sie zu sechst in einer Zweizimmerwohnung hausen. Tony meint es ernst mit ihr. Er will sie heiraten und mit ihr nach Long Island ziehen, wo er mit seinen zwei erwachsenen Brüdern in einer gerade erst besiedelten Gegend ein Stück Land gekauft hat, das sie bebauen wollen. Tony ist Klempner, der eine Bruder Elektriker, der dritte Zimmermann. Kurzum: Er bietet ihr den amerikanischen Traum: ein Eigenheim, in dem sie als Hausfrau ihre Kinder großziehen kann. Bloß liebt sie diesen Mann nicht und will ihn nicht heiraten und mit ihm aus der Stadt in einen gottverlassenen Vorort ziehen; bloß kommt die Entdeckung, dass sie das alles nicht will, so langsam und so spät, dass aus dieser späten Einsicht die eigentliche dramatische Handlung des Buches entsteht. Aus der Geschichte wie ein Mädchen aus Irland zu einer amerikanischen Frau wird, entwickelt sich eine ganz andere Geschichte: wie die Kraft eines Versprechens, die Kraft einer eingegangenen Verpflichtung ein Leben zunichtemacht. Somit gehört Eilis in die Reihe von tragischen Helden wie Kleists Prinz Friedrich von Homburg, dem das gegebene Wort alles im Leben Ersehnte aufwiegt. Wider Willen hält Eilis an ihrer Verpflichtung fest, wohl wissend, dass diese Konsequenz sie in einen Abgrund stürzen wird: in eben denselben amerikanischen Traum, den sie auch früher nicht begehrte. Einst erschien ihr ein solches Leben noch annehmbar. Am Schluss sieht es eher wie ein Albtraum aus.

Denn ein tragischer Zwischenfall führt Eilis wieder in die alte Welt zurück, nach Enniscorthy, wo es plötzlich sie ist, die der Mutter helfen muss; und dort sieht alles nach ihrer fast zweijährigen Abwesenheit ganz anders aus - und sie ist selber anders geworden. Vor der heimgekehrten Eilis fallen plötzlich alle Schranken weg, die sie damals daran verhindert hatten, zu Hause zu bleiben. Eine Arbeitsstelle hätte sie. Einen Bräutigam hätte sie: Jim, ein wohlhabender und angesehener Mann, der ihr zugetan ist und den sie auch auf Anhieb liebt. Die Familie und die geliebten alten Freunde hätte sie um sich - und es ist ihr in all der Zeit in Brooklyn nicht gelungen, richtige Freundschaften zu schließen, nur Zweckfreundschaften hat sie dort. Muss sie aber nicht wieder zurück nach Brooklyn? Sie hat dort Verpflichtungen. Ein innerer Drang sagt ihr, dass sie um jeden Preis ihr Versprechen halten muss. Zudem hat sie auch berechtigte Angst vor den engstirnigen, kleinstädtischen Klatschmäulern hüben wie drüben - denn per Telefon wird auch über den großen Teich emsig geklatscht. Anscheinend gibt es in ihrem Bekanntenkreis solche, die eine böswillige Freude daran finden würden, in ihr Leben einzugreifen.

Sie sah sie alle drei - Tony, Jim, ihre Mutter - als Gestalten, denen sie nur schaden konnte, als unschuldige, von Licht und Klarheit umgebene Menschen, um die sie selbst, dunkel, unsicher, kreiste.

Sie hätte in dem Moment alles dafür gegeben, wenn sie sich der Seite der Anmut, Gewissheit und Unschuld hätte anschließen können; dann hätte sie gewusst, dass sie ihr Leben beginnen könnte, ohne das Gefühl haben zu müssen, etwas Törichtes und Verletzendes getan zu haben. Gleichgültig, wofür sie sich entschied, würde es unmöglich sein, den Folgen dessen zu entgehen, was sie getan hatte oder möglicherweise noch tun würde.


Verglichen mit "Porträt des Meisters in mittleren Jahren" ist "Brooklyn" ist ein kleines Buch, ein viel kürzerer Roman, der eine viel kleiner abgesteckte Welt festhält. Doch ist das kleine Buch auf seiner Art und Weise so gelungen, so formvollendet, dass es Colm Toibins erzählerisches Können ganz klar hervorschimmern lässt. Toibin erzählt gerne ausschweifend und erzählt gerne gedrängt, und in diesem Roman tut er beides. In der ersten Hälfte des Buches schreibt er gemächlich und erzählt alle Einzelheiten aus Eilis' Leben und Welt mit einer detailverliebten Gründlichkeit. So schauen wir zu, als Eilis auf den ersten Seiten des Romans den Verkaufspreis jedes einzelnen Artikels auswendig lernt, der im Lebensmittelgeschäft der grausamen Miss Kelly in Enniscorthy angeboten wird, wo sie einmal in der Woche unter ausbeuterischen Umständen arbeiten soll.

Zigaretten, Butter, Tee, Brot, in Flaschen abgefüllte Milch, Kekse, gekochter Schinken und Corned Beef, sagte sie, seien die Dinge, die sonntags mit Abstand am besten gingen, und danach kämen Sardinen- und Lachskonserven, Mandarinenschnitze und Birnen und Obstsalat in Dosen, Hühnchen- und Schinkenpaste und Brotaufstrich und Salatsauce in Gläsern.

Wir leiden auch umständlich mit, als Eilis unter dem starken Seegang übel wird auf der Reise von der alten zur neuen Welt.

Sie atmete jetzt durch die Nase, konzentrierte sich, bemüht, was immer sie noch im Magen hatte, bei sich zu behalten und wandte all ihre noch verbleibende Willenskraft auf, um die Leiter zur oberen Koje hinaufzuklettern. Sie stellte sich vor, das Schiff würde sich vorwärtsbewegen, obwohl das schuddernde Geräusch noch heftiger wurde, als der Dampfer auf eine Welle auftraf, die stärker als er zu sein schien. Eine Zeit lang stellte sie sich vor, sie selbst sei die See draußen und kämpfte mit aller Kraft gegen das Gewicht und die Masse des Dampfers an. Sie versank in einen leichten traumlosen Schlaf.

Und wir lernen mit, was jeder Überseereisende wissen muss: dass man nichts essen darf auf der Reise; dass man die Tür des mit dem Nebenzimmer geteilten Badezimmers sofort nach Betreten der Kabine von innen absperren muss, damit die Nachbarn das einem selber nicht antun; dass man sich fein machen muss, bevor man in New York von Bord geht, damit man gesund aussieht und nicht auf die Quarantänestation kommt. Überhaupt lernen wir sehr viel und sehr detailliert auf jeder Etappe von ihrer Reise. Je weiter wir aber im Roman lesen, umso schneller wird erzählt. Der in einem Absatz behandelte Stoff wird immer weitläufiger, und so stellt sich eine Beschleunigung im Erzählvorgang ein, die sich mit den Entwicklungen in Eilis' Leben deckt. Aus der gemächlichen Eintönigkeit des Kleinstadtlebens in Enniscorthy wird eine hektische Hast, die nicht nur mit den neuen Lebensumständen in Brooklyn zu tun hat, sondern auch und vor allem mit Eilis' psychologischer Entwicklung. Alles wächst ihr über den Kopf, und so hat sie das Gefühl, dass alles um sie herum schneller und schneller stattfindet, und dieses Gefühl der Beschleunigung erzeugt eine spiralförmige Erzählstruktur, in der am Ende alles dem logisch zwingenden Schluss zueilt wie in einer Parabel von Franz Kafka, der neben Henry James das zweite große Vorbild für Colm Toibin ist.

Im "Porträt des Meisters im mittleren Jahren" lässt Toibin seinen Henry James erzählen, dass er durch die psychologisch genaue Schilderung einer Protagonistin den Leser davon abhält, sich zu überlegen, ob sie nicht hätte anders handeln können, als sie es tut. Auch bei "Brooklyn" ist die Schilderung von Eilis Lacey so gelungen, dass man bei der Lektüre der letzten Seiten - in denen in halsbrecherischer Geschwindigkeit unendlich viel passiert - genau versteht, dass alles so kommen musste - so und nicht anders.


Colm Toibin:"Brooklyn", Hanser Verlag, 304 Seiten, 21,90 Euro

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