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StartseiteBüchermarktAuswanderung in die eigene Heimat22.05.2006

Auswanderung in die eigene Heimat

Lea Fleischmann und Chaim Noll schreiben über ihr Leben in Israel

Lea Fleischmann und Chaim Noll haben das Land verlassen, in dem sie aufwuchsen, um in eine Heimat zu gehen, die sie gar nicht kannten. Ihr Buch "Meine Sprache wohnt woanders" handelt von der Auswanderung der beiden deutschen Juden nach Israel. Ihre Schilderungen helfen, den jüdischen Staat zu verstehen.

Von Liane Dirks

Die israelische Fahne. (AP)
Die israelische Fahne. (AP)

Zwei Menschen wandern aus, ein Mann und eine Frau, sie kennen sich nicht, sie sind verschiedener Herkunft, haben unterschiedliche Schicksale und doch denselben Wunsch, in ein fremdes Land zu gehen. Dort angekommen, werden sie sich treffen, das ist bei Auswanderern des öfteren so und an alldem ist nichts Besonderes.

Es sei denn, das Land heißt Israel und es handelt sich bei den beiden um Juden. Vordergründig ist es klar, natürlich wollen Juden endlich in ihre Heimat gehen, wer versteht das besser als wir Deutschen, aber dann stellt sich sofort die Frage ein, was ist das denn für ein Land, in das sie gehen wollen, stimmt das denn, ist es eine Heimat, ist Heimat nicht immer dort, wo man groß wurde, Kindheitsort, und: glauben können sie doch überall, aber Israelis werden, heute?

Chaim Noll und Lea Fleischmann haben es getan, das Land verlassen, in dem sie aufwuchsen, um in eine Heimat zu gehen, die sie gar nicht kannten. Paradoxer kann ein Vorgang nicht sein, das Buch "Meine Sprache wohnt woanders", das die beiden nun zusammen geschrieben haben, handelt von eben diesem Prozess. Sie gingen weg um anzukommen. Und als sie endlich da waren, waren sie jemand anderer.

Chaim Noll wuchs in der DDR auf, Lea Fleischmann in Westdeutschland. Noll, dessen Vater Dieter Noll ein in der DDR hoch angesehener Schriftsteller war, lebte gut situiert unter lauter Kommunisten und selbstverständlich Antifaschisten in Ost-Berlin, Lea Fleischmann verbrachte ihre Kindheit in einem Lager für DPs, displaced persons, den Opfern also. Noll wusste gar nicht, dass er Jude war, dieser Teil seiner Identität wurde explizit verschwiegen, verdrängt oder als nicht wichtig angesehen: Was brauchte man die Thora oder den Talmud, wenn man doch Marx und Lenin hatte und der Staat Israel aus der Sicht der damaligen Regierung ja eh als "Kettenhund des US-Monopolkapitalismus" galt? Wären da nicht diese schwarzen Löckchen um das Gesicht des kleinen Buben gewesen und diese olivefarbene Haut, wer weiß, vielleicht hätte die Verdrängung geklappt.

Bei Lea Fleischmann war es genau anders herum, die Überlebenden des Holocaust bestaunten das kleine Mädchen, weil es blond war, fast sah sie wie eine "Schickse" aus. "Damals wusste ich nicht, dass die Überlebenden in dem DP-Lager ein Kind noch immer nach dem Gesichtspunkt betrachteten, ob es während des Krieges hätte überleben können", schreibt Lea Fleischmann.

Das sind zwei höchst unterschiedliche Ausgangspositionen, die dennoch drei wesentliche Dinge gemeinsam haben. Erstens: die Tatsache, dass sie nunmal beide durch ihre Herkunft und somit per Definition wirklich Juden sind. Zweitens: Beide erlebten und durchlebten extreme, ja existenzielle Widersprüche und drittens: Sie waren beide letztlich eingesperrt.
Genau hier liegt die Stärke der Autoren und dieses Buches, das diese drei Punkte, die nicht weniger sind als die Koordinaten ihrer Existenz und ihres Werdegangs, quasi rückwärts gewandt betrachtet.

Chaim Noll liefert dabei wahre Glanzstücke ab. Die Reise des 13-Jährigen mit dem Schriftstellervater nach Weimar, erzählt in dem Beitrag "Goethe, Kafka und in die Ferne führende Folgerungen", die erste Bildungsreise im "bar-mizwah-Alter (wenn es auch für mich keine bar mizwah geben konnte, kein antikes Ritual, kein Lesen aus der Thorarolle und kein Segensspruch auf Hebräisch)", diese Reise führt auf so anrührende Art und Weise das absurde Unterfangen vor Augen, hoffnungsfroh vor der eigenen Geschichte weg zu sehen, von heute aus betrachtet - und erst jetzt ist dieser Text möglich - ist es unglaublich. "Neues vom lieben, närrischen Nest", hieß die erste Publikation des jungen sozialistischen Vaters, er stand mit seinem jüdischen Sohn nicht nur vor Goethes Haus am Frauenplan, er stand auch vor Buchenwald.

"Von klein auf sind mir alle Arten von Antisemitismus bekannt, auch alle Formen von Assimilation, Selbstverleugnung, Selbsthass auf jüdischer Seite. Ich lernte die Verirrungen eher kennen als den geraden Weg, die Dunkelheit eher als das Licht", weiß Chaim Noll heute. Die Beschreibung dieser Dunkelheit lässt dem Leser allerdings die Augen aufgehen, und dass dies so ist, liegt daran, dass Chaim Noll für sich das Licht gefunden hat. Wer sich noch an seinen bitterbösen Essay "Nachtgedanken über Deutschland" aus dem Jahr 1992 erinnert, ist erstaunt über das hohe Ausmaß an Differenziertheit, mit dem er jetzt auf das Land seiner Herkunft sieht, aber auch auf Israel. "Zu lange", schreibt er, "hatten wir im Schatten unserer Abneigung gelebt" und "wie viel Anspannung, täglicher Argwohn, präventive Aggression entfällt, wenn man nicht in der Vorstellung lebt, unter Feinden zu sein".

Das stimmt auch für Lea Fleischmann, deren ablehnende Haltung beim Weggehen aus Deutschland 1980 sich schon im Buchtitel ausdrückte: "Dies ist nicht mein Land". "In Jerusalem habe ich meinen persönlichen Frieden mit Deutschland geschlossen", schreibt sie heute, aber ihr Blick bleibt scharf und den Ton des Vorwurfs an die übergenauen, zwanghaften, überangstvollen, von Starre und Engstirnigkeit geprägten Deutschen, die sie auf ihren Lesereisen trifft, findet man immer noch. Manchmal verstellt das dem geneigten Leser den Zugang, so schlimm kann es doch wohl nicht sein, denkt man. Und doch weist sie nur auf etwas hin, was uns im alltäglichen Leben tatsächlich fremd geworden ist und zwar schon lange: die Frage nach dem Sinn.

Was Israel zusammenhält, das Land, in dem Juden aus 140 Ländern mit ungefähr 200 Muttersprachen zusammenkommen, das sind die Staatsbürgerschaft, die Sprache und die Spiritualität, im Alltag gelebter Glaube. Das ist der Blickwinkel, aus dem Lea Fleischmann die Deutschen und die Israelis betrachtet, aus derselben Position erzählt Chaim Noll: es ist eine zutiefst existenzielle, eine, dir wir in unseren Diskussionen kaum noch gewohnt sind, hier wird tatsächlich nach Gott gefragt und zwar nach Gott im Alltag. Diese Frage schließt die Probleme nicht aus, sondern ein.

"Wie siamesische Zwillinge sind Palästinenser und Israelis aneinander gekoppelt. Nur wenn es dem einen gut geht, kann es dem anderen auch gut gehen." Wie schwer das im täglichen Leben ist, vermittelt Lea Fleischmann anschaulich: die Angst der Mütter um ihre Kinder, die Omnipräsenz der Sicherheitskräfte, die nahezu tägliche Konfrontation mit Terror und Tod. Und doch, so Chaim Noll, auch das wird vorübergehen.

Seine Analyse dessen, was Terrorismus ist, die Gründe für das Überdauern des Judentums, die Auseinandersetzung mit Europas Blick und hier speziell mit dem der Intellektuellen, auf den Staat Israel, sollte Pflichtlektüre werden. "Für Israel braucht es den zweiten Blick, eine Bereitschaft zu tieferem Verstehen" schreibt er. In diesem Buch kann man ihn finden.

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