Dienstag, 19.06.2018
 
Seit 22:05 Uhr Musikszene
StartseiteForschung aktuellDramatische Eisverluste in der Antarktis14.06.2018

Auswertung von SatellitendatenDramatische Eisverluste in der Antarktis

Klimaforscher blicken gebannt auf die Antarktis. Die Entwicklung dort entscheidet mit, wie stark sich der Klimawandel auf die gesamte Erde auswirken wird. Nun gibt es neue Zahlen zum Eisschwund in der Region. Demnach hat sich die Verlustrate in der Antarktis zwischen 2012 bis 2017 verdreifacht.

Von Volker Mrasek

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Glaciers, icebergs and misty mountains, Bismarck Strait, off Anvers Island and Wiencke Island, Antarctic Peninsula, Antarctica, Polar Regions (imago stock&people / Eleanor Scriven)
Gletschereis und neblige Berge auf der Bismarck-Straße in der Antarktis (imago stock&people / Eleanor Scriven)
Mehr zum Thema

Neue Rekordwerte Weltweiter CO2-Ausstoß so hoch wie noch nie

FCKW-Emissionen steigen wieder Rätselhafte Renaissance verbotener Ozon-Killer

Kampf gegen die Erderwärmung "Keiner gibt zu, dass es schon fünf nach zwölf ist"

Weiterführende Informationen zur Veröffentlichung in "Nature"

Fast drei Billionen Tonnen - diese unvorstellbare Menge Eis verlor die Antarktis in den letzten 25 Jahren an das Meer. Das ist die neueste Expertenschätzung. Über 80 Forscher analysierten dafür die Daten von zwölf verschiedenen und zeitlich überlappenden Satelliten-Missionen der ESA und der NASA. Der britische Physiker Andrew Shepherd von der Universität Leeds ist einer der beiden Projektleiter:

"Wir haben drei verschiedene Beobachtungstechniken. Es gibt Höhenmessungen aus dem All. Sie zeigen uns Veränderungen in der Dicke der Eisschilde. Es gibt Instrumente, die die Fließgeschwindigkeit von Gletschern erfassen. Und dann ist da noch die deutsch-amerikanische GRACE-Mission mit besonderen Schwerkraft-Sensoren an Bord. Sie können die Eisschilde praktisch wiegen und zeigen uns Veränderungen ihrer Masse."

Satellitendaten aus 25 Jahren

Vor fünf Jahren wurden alle bis dahin vorliegenden Satelliten-Daten schon einmal ausgewertet. Damals sah es noch besser aus:

"Während der ersten 20 Jahre der Satellitenbeobachtungen hatte die Antarktis noch moderate und gleichbleibende Eisverluste. Doch seit den letzten fünf Jahren ist die Verlustrate dreimal so hoch!"

Der Süd-Kontinent zeigt dabei zwei Gesichter. Im hochgelegenen Gebirge der Ost-Antarktis wächst der Eispanzer sogar leicht durch zunehmende Schneefälle. Der flache Westteil dagegen erlebt immer stärkere Eisverluste:

"Der Westantarktische Eisschild ist vorgelagert und von Ozean umgeben. Schon leicht erhöhte Wassertemperaturen können dazu führen, dass er schmilzt. Und genau das beobachten wir! Das Meer um die West-Antarktis herum ist heute ein halbes Grad wärmer als früher. Die meisten Leute glauben bestimmt: Das macht gar keinen Unterschied! Aber die Gletscher reagieren ziemlich empfindlich. Im Kontakt mit dem wärmeren Meer verlieren sie jedes Jahr zusätzliche fünf Meter Eis."

Eisverluste bewegen sich am oberen Rand der Prognosen

Schmelzen die Gletscher der West-Antarktis nun also beschleunigt ab? Erik Ivins äußert sich da noch zurückhaltend. Der Geophysiker aus dem Jet Propulsion-Lab der US-Raumfahrtbehörde NASA ist der zweite Koordinator des Antarktis-Projektes:

"Von einer Beschleunigung der Eisverluste zu sprechen, würde bedeuten, dass sie auch weiterhin zunehmen. Doch wir wissen nicht, ob diese Beschleunigung anhält. Was wir aber sagen können, ist: Die Eisverluste in der Antarktis bewegen sich inzwischen am oberen Rand der Prognosen des Weltklimarates."

Zusätzlicher Anstieg des Meeresspiegels um 15 Zentimeter

Schlechte Nachrichten vom Südpol also! Das Schmelzwasser der antarktischen Gletscher trägt nämlich dazu bei, den Meeresspiegel anzuheben. Und hier sind die Aussichten jetzt düsterer geworden durch die jüngsten Satelliten-Daten. Noch einmal Andrew Shepherd:

"Wenn der Eisschild so hohe Verlustraten beibehält, dann erwarten wir einen zusätzlichen Anstieg des Meeresspiegels um 15 Zentimeter in diesem Jahrhundert. Bisher rechnet man mit insgesamt 60 Zentimetern, auch durch andere Faktoren: durch die wärmebedingte Ausdehnung des Meerwassers, durch schmelzende Gletscher auf dem Festland und durch Grundwasser-Abflüsse. Wenn man da noch 15 Zentimeter draufpackt, ist das eine spürbare Erhöhung."

Als Nächstes wollen sich die Forscher an eine Massenbilanz des grönländischen Eisschildes machen. Und dafür dann die neuesten Satelliten-Daten aus der Arktis auswerten. Nach Studien aus jüngster Zeit zeigt sich hier eine ganz ähnliche Entwicklung wie in der Antarktis: Auch Grönlands Gletscher schmelzen seit einigen Jahren offenbar mit höherem Tempo.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk