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StartseiteBüchermarktSarkastische Lebensbilanz eines Schriftstellers05.04.2018

Autobiografie von Hans Christoph BuchSarkastische Lebensbilanz eines Schriftstellers

Der Berliner Autor Hans Christoph Buch ist viele Jahre als Kriegsreporter zu den Schauplätzen zermürbender Bürgerkriege gereist. In seinem jüngsten Werk, dem autobiografischen Roman "Stillleben mit Totenkopf" zieht er nun Bilanz - und gedenkt verstorbener Weggefährten.

Von Michael Braun

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Der Erzähler, Reporter und Essayist Hans Christoph Buch (Deutschlandradio / Manfred Hilling)
Zerstörte Gebäude und verstümmelte Leichen: Hans Christoph Buch hat in seinem Leben viele schlimme Dinge gesehen (Deutschlandradio / Manfred Hilling)
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Hans Christoph Buch Konfrontiert mit der eigenen Sterblichkeit

Dieser Roman hebt an als ein großes Memento mori, als Dialog mit dem Tod, dem der Erzähler in einer schlaflosen Nacht in Afrika begegnet. In Bangui, der Hauptstadt der Zentralafrikanischen Republik, einem der ärmsten Länder des Kontinents, wird dieser schlaflose Erzähler von schlimmen Albträumen verfolgt, Bilder eines nicht enden wollenden Totentanzes belagern seine Seele. An diesem finsteren Punkt beginnt Hans Christoph Buchs "Stillleben mit Totenkopf", ein Roman, der schon im Titel an mittelalterliche Vanitas-Motive erinnert. Der atemlose Monolog des Anfangs ist als langes Gedicht zu lesen, in dem auch die verstorbenen Freunde aufgerufen werden:

"Der Weg ist das Ziel der Tod ist ein / dumpfer nein stechender Schmerz in der Brust die/

Schutthalde der Philosophie im Rücken die Fata / Morgana der Literatur vor Augen

verstorbene / Freunde winken dir zu Komm rüber zu uns!"

Tatsächlich stehen "verstorbene Freunde" im Zentrum dieses episodisch und anekdotisch locker geflochtenen Romans. Es sind sehr intensive, berührende Porträts, die hier zu einem Requiem gefügt sind, in dem der Erzähler - frei nach Henrik Ibsens Definition des Dichtens - immer wieder Gerichtstag hält über sich selbst.

Urszenen eines Schriftstellerlebens

"Stillleben mit Totenkopf" ist der dritte Teil einer autobiografischen Trilogie, in der Hans Christoph Buch ebenso konzentriert wie entschlossen die Urszenen seines Lebens ausgeleuchtet hat. Sein Roman führt in die frühe Kindheit, in der Buchs Geburtsstadt Wetzlar durch einen Zufall vom Luftkrieg der Alliierten verschont blieb, und er endet in der Gegenwart des Jahres 2017, in dem der Schriftsteller Buch einen offenen Brief an den amtierenden Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier schreibt, von dem er eine wirkungsmächtige Afrika-Initiative fordert. Das Erzählerische, so erläutert Hans Christoph Buch im Gespräch, sei im Roman nie vom Essayistischen zu trennen:

"Wenn man weiter zurückgeht in der Geschichte des Romans, tritt das sogar noch deutlicher hervor. Etwa 'Robinson Crusoe'. Das ist auch ein Essay über alles Mögliche. Man kann sogar sagen: Es ist eine Bauanleitung von IKEA, wie man auf einer einsamen Insel zurechtkommt, wenn man nur ein paar Schiffsnägel hat und einen Hammer. Also: Essay und Roman, Essay und Erzählung haben gemeinsame Wurzeln.

Und im Lauf des Älterwerdens kümmere ich mich immer weniger um literarische Konventionen und nenne mein Werk Roman, weil es für mich ein Ganzes ist. Sowohl meine Reisen wie auch meine Reflexionen über den Literaturbetrieb oder Porträts von befreundeten Autoren sind Teil eines Gesamtwerks und da wächst zusammen, was zusammengehört."

In drei großen Kapiteln, gebaut wie ein Triptychon, durchwandert dieser Roman die Schlüsselszenen eines Schriftstellerlebens. "Das Jahr 1995", so resümiert der Erzähler an einer Stelle, "war das aufregendste Jahr meines Lebens." In diesem Jahr vollzog sich die freiwillige Verwandlung des Schriftstellers Hans Christoph Buch in einen Kriegsreporter.

Das Unbeschreibliche der Zerstörung

"Nicht alle Reporter sind auch Schriftsteller, aber es stimmt: Die Literatur hat mir geholfen, diese extremen Erfahrungen zu verarbeiten. Ich habe immer wieder gemerkt: Das gibt es ja schon in der Literatur. Etwa im Schluss-Vers des 'Faust II': 'Das Unbeschreibliche, Hier ist's getan!', heißt es da. Das fiel mir ein, als ich immer wieder vor zerstörten Häusern, vor verstümmelten Leichen stand oder angesichts von Flüchtlingen, Migranten, die jetzt auch bei uns in Deutschland anzutreffen sind. Das Unbeschreibliche, hier ist's getan!

Und die Zerstörung, der Tod, der Krieg: Das kommt alles viel schneller als man denkt, und hinterher das Aufräumen, das Wiederherstellen der sogenannten Normalität dauert viel länger."

Der Kriegsreporter, der ab 1995 von Haiti bis Kambodscha und Ruanda alle Krisenregionen und Bürgerkriegsschauplätze durcheilte, entdeckt das Böse in sich selbst – jenen Abgrund, in den er fortan blicken muss, wenn er als Augenzeuge wieder einmal von einem Massaker berichtet.

"Und ich ertappte mich dabei, dass ich enttäuscht war, wenn kein Blut floss in einem Kriegs- oder Krisengebiet, denn bald schon war ich dermaßen verroht und abgestumpft, dass mir Extremsituationen normal vorkamen, während ich die sogenannte Normalität unerträglich fand. Die Erfahrung von Krieg und Gewalt hatte sich verstetigt und verfestigt zu einer Sucht, und wie ein Junkie brauchte ich immer stärkere Dosen der Droge, um weiterzumachen."

Tragische Literaturgeschichte

Der dritte Teil des "Stilllebens", der sehr lakonische "Erinnerungen an den Literaturbetrieb" enthält, ist als Requiem auf früh verstorbene Kollegen angelegt. Hier geht es etwa um den Lyriker Wolfgang Maier; er erstickte 1973 im Alter von 39 Jahren an einem Bissen Wurst. Auch Jugendfreunden widmet der Autor ergreifende Hommagen, etwa dem ehemaligen Läufer und 400 Meter-Europameister Johannes Schmitt (der im Roman Hanno Schütt heißt) oder dem Experimentalfilmer Harun Farocki. Besonders berührt hier die Hommage an Lothar Baier, die als Lehrstück für die tragische Rückseite des Literaturbetriebs gelesen werden darf. Um die Jahrtausendwende hatte Baier, bis dahin einer der exzellentesten Publizisten Deutschlands, der Ekel vor den Ritualen eines unfasslich indifferenten Literaturmarkts erfasst. Er verließ Deutschland und erwarb in Kanada ein Haus, in der Nähe von Montreal. Nach und nach verlor er seine Arbeitgeber, seine Liebesbeziehung nahm ein desaströses Ende und der Verdruss an der Geschichtsblindheit seiner Kollegen nahm zu. Im Juli 2004 wählte er den Freitod.

"Er ist eines von mehreren Beispielen von Autoren, die sich umgebracht haben. Leider, muss man sagen, denn er war hochbegabt und seine Zweifel am eigenen Talent waren maßlos übertrieben. Er hatte bis zuletzt Leser und Freunde, die ihm helfen wollten. Er war auch nicht so isoliert, wie er es dann in seinem Abschiedsbrief darstellt. Aber er glaubte, den Anschluss verloren zu haben, da brachte er sich um in Montreal. Ich war auf seinen Spuren dort und habe mit Leuten, die ihm nahestanden, gesprochen und versucht, diesen Selbstmord zu verstehen. So wie eine Generation vorher Konrad Bayer, ein hochbegabter Wiener Autor, sich umbrachte, der mir ebenfalls nahestand. Diese Beispiele dienten mir dazu, den Literaturbetrieb infrage zu stellen in seiner Rücksichtslosigkeit, er geht manchmal über Leichen. Der Respekt vor dem Geleisteten ist nicht sehr ausgeprägt, im Gegenteil. Was vorherrscht, ist das Vergessen. Und jede Generation glaubt, Tabula rasa zu machen, obwohl sie ohne die Arbeit der früheren Generationen nicht denkbar wäre."

Hans Christoph Buchs "Stillleben mit Totenkopf" enthält die sarkastische Lebensbilanz eines Schriftstellers, der sämtliche Illusionen über den Glanz und Ruhm eines Dichterdaseins verloren hat.

Buch, Hans Christoph: "Stillleben mit Totenkopf".
Roman. Frankfurter Verlagsanstalt, 2018. 250 Seiten, 20 Euro.

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