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StartseiteBüchermarktErinnerungen an die berühmteste Satirikerin des Zarenreichs25.09.2015

Autobiografischer Bericht Erinnerungen an die berühmteste Satirikerin des Zarenreichs

Teffy gehörte bis zu ihrem Tod 1952 zu den viel gelesenen Autoren. In Russland wurde sie erst nach der Wende wieder jahrzehntelanger Vergessenheit entrissen. Dem Aufbau Verlag ist mit "Champagner in Teetassen" nun eine lesenswerte Entdeckung gelungen.

Von Karla Hielscher

Im vorrevolutionären Russland kannte jeder Teffy. Die Trägerin dieses einprägsamen Künstlernamens - eigentlich Nadeshda Alexandrowna Lochwitzkaja - geboren 1872 in einer adeligen Professorenfamilie, war die in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts berühmteste satirische Schriftstellerin des Landes. Ihre humoristischen Erzählungen erreichten riesige Auflagenzahlen, ihre Stücke wurden viel gespielt, und ihre komisch-witzigen Feuilletons in den großen Zeitungen sowie in der berühmten Zeitschrift "Satirikon" erreichten breiteste Leserschichten. Es wird versichert, dass sowohl Zar Nikolaus II. wie auch Lenin sie lasen. Zur Zeit der Revolution von 1905 arbeitete sie mit an der bolschewistischen Zeitung "Das neue Leben"; mit ihrem wachsenden Erfolg als Schriftstellerin wurde die elegante Frau, die in den vornehmsten Petersburger Salons verkehrte und mit fast allen Berühmtheiten ihrer Zeit bekannt war, zu einem Star von ungeahnter Popularität. Es gab ein Parfum mit dem Namen Teffy und Karamellbonbons, deren Einwickelpapier ihr Bild und ihren Namen zeigte.

Auch in der Berliner und Pariser russischen Emigration gehörte Teffy von den 20er-Jahren bis zu ihrem Tod 1952, zu den viel gelesenen Autoren. In Russland wurde sie erst nach der Wende wieder jahrzehntelanger Vergessenheit entrissen. Dass die originelle Gestalt der Teffy nun auch dem deutschen Leser bekannt wird, ist dem Aufbau Verlag zu danken, dem mit "Champagner in Teetassen" eine lesenswerte Entdeckung gelungen ist.

Bei dem Buch handelt es sich um Teffys "Erinnerungen" an ihre letzten Tage in Russland, die 1928 zuerst als Feuilletonserie in einer Pariser Emigrantenzeitung erschienen waren. 1918, als Russland in Bürgerkrieg, Hunger und Gesetzlosigkeit versank, versuchte Teffy wie Hunderttausende ihrer Mitbürger, irgendwie dem nachrevolutionären Chaos zu entkommen.

Absurde Wortwechsel und groteske Dialoge

Als ihr ein windiger Impresario anbot, in Odessa für sie literarische Lesungen zu organisieren, nutze sie die Gelegenheit, um in die noch von den Weißen gehaltene Ukraine zu gelangen und machte sich mit einer Truppe von Schriftstellern und Schauspielern auf den Weg.
Aus der als Gastspielreise geplanten Unternehmung wurde eine unfreiwillige, abenteuerliche Flucht quer durch Russland, auf der sie mit dem ganzen Grauen dieser verheerenden Zeit der Wirren konfrontiert wurde. Ihre anderthalb Jahre dauernde Odyssee mit den Stationen Kiew, Odessa, Jekaterinodar und Novorossisk endete mit der Schiffspassage übers Schwarze Meer nach Konstantinopel in die Emigration.

Das ganz Einzigartige von Teffys autobiografischem Bericht ist der Versuch, auch den Horror dieser Katastrophenzeit mit den literarischen Verfahren ihrer humoristischen Schreibweise zu bewältigen. Im Gegensatz etwa zu ihrem großen Schriftstellerkollegen Iwan Bunin, dem sie auf ihrer Flucht in Odessa begegnete und der in dem Revolutionstagebuch "Verfluchte Tage" seine ganz ähnlichen Erfahrungen voller Bitterkeit und Abscheu niederschrieb, gewinnt Teffy in ihrer künstlerischen Verarbeitung den nachrevolutionären Schrecken immer wieder komische Seiten ab.

Auch die beängstigendsten Situationen hält sie mit genau beobachtendem, distanziertem Blick fest, beschreibt die originellen Typen, denen sie begegnet, mit skurrilen Details und charakterisiert sie durch absurde Wortwechsel und groteske Dialoge:

Bei der Beschaffung der nötigen Ausreisepapiere muss der bösartige Kommissar der Behörde so umgarnt werden, dass auch "zwei Abendkleider und ein Flakon Parfum als 'Produktionsinstrumente' die Grenzstation passieren dürfen"; auf der wochenlangen Reise in überfüllten Zügen horcht sie amüsiert auf die Geschichten der Mitreisenden von schauriger Komik, etwa über die verrücktesten Tricks, wie man Geld und Brillanten über die Grenze schmuggeln kann; sie beobachtet den geschäftig herumwirbelnden Impresario, dem es immer wieder gelingt herauszufinden, wem man Geld zustecken muss, um die nächste drohende Gefahrensituation zu überstehen; und mit wehmütiger Selbstironie beschreibt sie Szenen wie die Ankunft in der Ukraine, als ein "Pan Offizier" und Bewunderer der Teffy zwei Flaschen Champagner schickt, den sie warm aus Teetassen trinken.

Die Komik verflüchtigt sich

Und immer wieder ist es der Sprachwitz, der besticht, etwa in dem vom Jiddisch beeinflussten Russisch des ununterbrochen schwadronierenden Impresarios. Aber die ironische Perspektive ist natürlich kaum durchzuhalten, und es ist berührend für den Leser zu beobachten, wie sich die Komik im Laufe des Buches immer mehr verflüchtigt. Denn über dem ganzen Geschehen hängt furchtbares Leid und Todesangst:

Der ihnen wohlgesonnene Kunstkommissar, der die kleine Truppe berühmter Künstler auf der Durchreise in seiner Stadt festhält, damit sie dort Vorstellungen "für die Bedürfnisse des Proletariats" geben, trägt einen nagelneuen, prachtvollen Biberpelz, der am Rücken ein blutverkrustetes Einschussloch hat und von draußen sind Schreie und Schüsse zu hören; und es ist für den gesamten Text bezeichnend, dass Teffy in dieser Situation vom Impresario angstvoll angefleht wird: "Lächeln Sie, um Gottes willen, lächeln Sie!" Und im von Flüchtlingen überfüllten russischen Süden herrschen Armut, Elend und Fleckfieber. Die auf der Flucht vor den Bolschewiki gestrandeten Menschen sind von kopfloser Panik getrieben, man streitet unbarmherzig um Plätze auf den wenigen Fluchtschiffen und es mehren sich Berichte über die tragischen Schicksale von alten Freunden Teffys, die im Kampf für die Sache der Weißen ihr Leben verloren.

Den letzten Blick vom Dampfer auf das sich entfernende Russland erlebt Teffy, "erstarrt wie Lots Weib": "Ein schreckliches, tränenloses, schwarzes Klagen. ... Über ganz Russland...!"

Teffy: "Champagner aus Teetassen. Meine letzten Tage in Russland". Aus dem Russischen von Ganna-Maria Braungardt, Berlin, Aufbau Verlag 2014, 285 Seiten, 19,95 Euro.

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