Montag, 20.11.2017
StartseiteKommentare und Themen der WocheDie Lektion aus Südtirol28.10.2017

Autonome Regionen in EuropaDie Lektion aus Südtirol

Duelle sind ihrer Einfachheit wegen verführerisch: In Spanien stehen sich als Duellanten zwei Herren gegenüber, die mit allen Mitteln ihr Ziel erreichen wollen, kommentiert Ulrich Ladurner. Zwischen beiden scheine kein Dialog möglich. Eine wichtige Lektion halte Südtirol bereit, das sich seine Autonomie zunächst hart und blutig erkämpft habe.

Von Ulrich Ladurner, "Die Zeit"

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Zweisprachiges Strassenschild "Herrengasse" / "via signori" (deutsch und italienisch) in der Gemeinde Latsch (Laces) in Südtirol. (picture alliance / dpa / Reinhard Kaufhold)
Zweisprachiges Straßenschild "Herrengasse" / "via signori" (deutsch und italienisch) in der Gemeinde Latsch (Laces) in Südtirol (picture alliance / dpa / Reinhard Kaufhold)

Zwei Kontrahenten treffen sich zum Duell. Einer verliert, einer gewinnt. Duelle sind ihrer Einfachheit wegen verführerisch. In der Politik können sie katastrophal sein. Das lässt sich derzeit in Spanien beobachten. Da stehen sich als Duellanten zwei Männer gegenüber: Carles Puigdemont, der Präsident der katalanischen Regierung, und Mariano Rajoy, der Ministerpräsident Spaniens. Der eine will Katalonien mit allen Mitteln von Spanien abtrennen und in die Unabhängigkeit führen, der andere will eben dies mit allen Mitteln verhindern. Zwischen den beiden scheint kein Dialog möglich.

Europa schaut mit lähmenden Entsetzen zu, wie Spanien täglich tiefer in die Krise rutscht. Da ist guter Rat teuer. Finden ließe er sich in Südtirol.

Eine der reichsten und friedlichsten Regionen Europas

Zweifellos nämlich ist die Südtiroler Autonomie ein gelungenes Beispiel dafür, wie eine nationale Minderheit mit einer Mehrheit gut zusammenleben kann. Das kleine Land jenseits des Brenners ist heute eine der reichsten und friedlichsten Regionen Europas. Die Südtiroler, die sich eine Abtrennung ihres Landes von Italien wünschen, sind eine kleine Minderheit. Die große Mehrheit der insgesamt rund 320.000 deutschsprachigen und rund 20.000 ladinischsprachigen Südtiroler ist zufrieden in Italien, dem Land das sich nach dem Ende des Ersten Weltkrieges und dem Zusammenbruch des Habsburgerreiches Südtirol als Kriegsbeute 1919 einverleibt hatte.

Autonomie hart erkämpft

Das war freilich nicht immer so. Die Autonomie mussten sich die Südtiroler hart erkämpfen – und dabei kam es auch zu massiver Gewalt. Hier das unterdrückerischer Rom, dort das freiheitsliebende Südtirol. Der Konflikt hatte den Charakter eines tödlichen Duells angenommen.

Wie aber schafften die Kontrahenten die Wende? Wie konnten sie einen schon gewaltsamen gewordenen Konflikt lösen?

Hauptbahnhof Bozen / Bolzano - in Südtirol (Imago / Manfred Segerer)Die politischen Akteure in Rom und Südtirol lernten, sich nicht als Duellanten zu begreifen sondern als Akteure mit legitimen Interessen, mit Rechten aber auch Pflichten dem anderen gegenüber (Imago / Manfred Segerer)

Nun, zu allererst in dem Rom wie auch Südtirol lernten, sich nicht als Duellanten zu begreifen sondern als Akteure mit legitimen Interessen, mit Rechten aber auch Pflichten dem anderen gegenüber. Rom musste zu dieser Einsicht freilich mit gewissem Nachdruck erst gezwungen werden. 1960 brachte Österreich, Mutterland Südtirols, den Konflikt vor die UN-Vollversammlung. Die Südtirol-Frage war damit internationalisiert. Italien konnte sie nicht mehr als innere Angelegenheit abtun. Die UN-Vollversammlung forderte beide Seiten auf, eine Lösung zu finden – und sie kam nach äußerst zähen Verhandlungen, die sich insgesamt über mehr als 30 Jahre hinzogen. Heute genießt Südtirol weitgehende Autonomierechte. Südtirol ist nicht unabhängig, aber es ist sehr, sehr selbstständig.

Südtirols entscheidende Lehre

Doch so beispielhaft Südtirol auch erscheinen mag, so wenig lässt es sich als Modell für Katalonien gebrauchen – zu unterschiedlich ist die Geschichte der beiden Regionen und ihres Konfliktes mit der Zentralregierung. Südtirol ist italienische Kriegsbeute des Ersten Weltkrieges, Katalonien ist seit mehr als 400 Jahren Teil Spaniens. Südtirols Mutterland ist Österreich, Katalonien hat keines. Selbstbestimmungsrecht für Südtirol heißt Rückkehr zu Österreich, für Katalonien heißt es Unabhängigkeit, die Südtiroler standen in den schwierigsten Zeiten immer geschlossen hinter ihrer Regierung, die Katalanen sind tief gespalten. Die Liste der Unterschiede ließ sich fortsetzen. 

Eine entscheidende Lehre hält Südtirol für Katalonien und Spanien allerdings bereit: Eine Umkehr ist auch dann noch möglich, wenn man mit einem Bein schon am Abgrund steht. Dafür braucht es Politiker mit Führungskraft, keine Duellanten. In den Zeiten der Gewalt verfügte besonders Südtirol, verfügte aber auch Rom über solche Politiker. Mut hieß für sie nicht, sich zu duellieren. Mut hieß, den eigenen Standpunkt zu vertreten und gleichzeitig jenen des Kontrahenten zu berücksichtigen. 

Man muss Spanien und Katalonien Politiker solchen Formats dringend wünschen.

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