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StartseiteInterviewAutor Kurkow: Russland mit Janukowitsch zufrieden03.08.2006

Autor Kurkow: Russland mit Janukowitsch zufrieden

Der Schriftsteller Andrej Kurkow rechnet nicht mit einem radikalen politischen Kurswechsel der Ukraine unter Viktor Janukowitsch. "Russland ist natürlich sehr zufrieden, dass Janukowitsch endlich Premierminister wird, aber das bedeutet nicht, dass die Politik sofort prorussisch sein wird", sagte Kurkow, der in der Ukraine augewachsen ist.

Moderation: Christine Heuer

Der Schriftsteller Andrej Kurkow wuchs in Kiew auf. (AP Archiv)
Der Schriftsteller Andrej Kurkow wuchs in Kiew auf. (AP Archiv)
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Regierungskrise in der Ukraine beigelegt

Christine Heuer: Am Telefon ist jetzt der russische Schriftsteller Andrej Kurkow, er lebt seit seiner frühen Kindheit in der Ukraine und er ist auch in Deutschland vielen Lesern bekannt. Von ihm ist unter anderem der Roman "Picknick auf dem Eis". Wir wollen mit ihm aber über die politische Entwicklung in der Ukraine sprechen. Guten Tag, Herr Kurkow!

Andrej Kurkow: Guten Tag!

Heuer: Die Orangene Revolution endet mit Janukowitsch als Regierungschef. Wie finden Sie das?

Kurkow: Ja, das ist natürlich ein Absurdum, aber die ganze Geschichte in den letzten anderthalb Jahren war ein wenig seltsam. Und schon vorher, ganz viele Anhänger der Orangenen Revolution waren enttäuscht, speziell nach diesen drei Monaten von Verhandlungen zwischen drei Führern der Orangen Koalition, die hat niemals funktioniert.

Heuer: Wenn die Bürger von der Orangenen Revolution enttäuscht waren, dann müssten sie jetzt eigentlich doch ganz zufrieden sein damit, dass es eine Einigung gibt und einen neuen Premierminister?

Kurkow: Ich glaube, es ist noch zu früh davon zu sprechen, weil, zuerst, Herr Janukowitsch ist noch nicht Premierminister geworden. Anscheinend wird es das Treffen um 16 Uhr geben. Und dann hat man noch nicht dieses Memorandum gelesen, das Herr Janukowitsch mit Herrn Moros und Herrn Juschtschenko unterschrieben hat.

Heuer: Janukowitsch, das hören wir aber, soll einen prowestlichen politischen Kurs versprochen haben. Glauben Sie ihm?

Kurkow: Ich glaube, das ist unmöglich. Ich weiß nicht, was er unterschrieben hat, aber er hat gesagt, und auch seine Parteimitglieder haben gesagt, dass die Partei der Regionen ihren Kurs nicht ändern wird.

Heuer: Rechnen Sie dann damit, dass die Ukraine insgesamt wieder prorussischer wird, sich wieder mehr nach Osten orientiert und den Weg, den sie nach Westen genommen hat, die Öffnung, dass das allmählich verschwinden wird?

Kurkow: Ich denke, jetzt werden alle Bewegungen der Ukraine sehr langsam sein. Ich glaube, Russland ist natürlich sehr zufrieden, dass Janukowitsch endlich Premierminister wird, aber das bedeutet nicht, dass die Politik sofort prorussisch sein wird.

Heuer: Wie groß ist denn der Einfluss des Präsidenten, also Juschtschenkos, auf den dann wahrscheinlich nächsten Premierminister?

Kurkow: Praktisch kein Einfluss.

Heuer: Auch nicht, wenn er in eine Koalition geht, wenn seine Partei in eine Koalition geht mit der anderen Partei?

Kurkow: Es kann Schwierigkeiten geben, weil die alte Partei war offiziell formiert. Und nach den ukrainischen Gesetzen, die neue Koalition muss die gleiche Prozedur wiederholen. Das bedeutet, sie werden zwei, drei Wochen brauchen, um eine neue Koalition zu annoncieren, und dann die neue Koalition muss noch einmal ihren Kandidaten für den Premierminister an den Präsidenten geben.

Heuer: Wir wissen nicht genau, wohin der politische Kurs geht. Kann man denn zur Stunde wenigstens darauf hoffen, dass das, worunter die Bürger in der Ukraine gelitten haben, also dass es zum Beispiel keinen wirtschaftlichen Aufschwung gab, dafür aber viel Korruption, dass damit jetzt aufgeräumt wird?

Kurkow: Ja, mit Korruption, ich denke, es gab schon fast keinen Kampf in den letzten Monaten. Und wir sehen jetzt unter den Mitgliedern der Partei der Regionen viele Gesichter der Leute, die waren in verschiedene Korruptionsskandale früher verwickelt. Ich glaube, das mit diesem Kampf ist schon zu Ende gekommen.

Heuer: Ist es so, dass die Ukrainer in Wahrheit buchstäblich keine Wahl hatten und haben?

Kurkow: Ich denke, Präsident Juschtschenko hat wirklich keine Wahl, aber auch das ist seine Schuld, weil: Er war in den letzten Monaten zu passiv und konnte nicht, ich würde sagen, aggressiver mit verschiedenen Führern der Orangenen Parteien sein. Und jetzt, das war vielleicht, es gab so zwei Varianten und beide Varianten waren für die Ukraine schlecht, sage ich einmal, ich meine, Premierminister Janukowitsch oder neue Wahlen.

Heuer: Und das Zusammengehen mit Frau Timoschenko wäre auch keine Lösung gewesen, oder das Zusammenbleiben mit ihr?

Kurkow: Das könnte noch viel gefährlicher für die Ukraine sein, weil: Frau Timoschenko ist zu radikal, und sie kann keine Stabilität der Ukraine bringen.

Heuer: Herr Kurkow, hätte es etwas geändert, wenn die Europäische Union nach der Orangenen Revolution vielleicht etwas nachhaltiger Versprechen gemacht hätte?

Kurkow: Das wirklich, ja. Aber ich glaube, dass die Europäsche Union in den letzten Wochen nach der Revolution war sehr positiv. Und nur später war die EU ein wenig zurückhaltender geworden.

Heuer: Hätte die Europäische Union da weniger zurückhaltend sein sollen, in der Folgezeit der Revolution?

Kurkow: Ich glaube es, ja, es wäre besser für die Ukraine.

Heuer: Andrej Kurkow, russischer Schriftsteller, er lebt seit vielen, vielen Jahren in der Ukraine. Ich danke Ihnen für das Gespräch, Herr Kurkow.

Kurkow: Ich danke Ihnen.

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