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StartseiteEssay und Diskurs"Ich bin ein Beispiel für die Öffnung in Kuba"04.05.2014

Autor Leonardo Padura"Ich bin ein Beispiel für die Öffnung in Kuba"

Der kubanische Autor Leonardo Padura sagt: "Ich mag nicht über die Politik schreiben." Trotzdem kritisiert er in seinem Büchern die politische Situation in seiner Heimat. Im DLF-Interview berichtet er, warum seine Romane dennoch nicht verboten wurden und wie er die aktuellen Umbrüche Kubas bewertet.

Leonardo Padura im Gespräch mit Peter B. Schumann

Der kubanische Schriftsteller Leonardo Padura gestikuliert und spricht. Hinter ihm sind Regale mit Büchern. (picture alliance / dpa / EFE / Juan González)
Padura sagt über sich selbst: "Ich bin ein Heterodoxer." (picture alliance / dpa / EFE / Juan González)
Weiterführende Information

Kubas Intellektuelle und der zähe Wandel (Deutschlandradio Kultur, Fazit, 11.04.2014)

Auf Irrwegen nach Kuba (Deutschlandradio Kultur, Kritik, 31.03.2014)

Peter B. Schumann: Kubanische Gegenwartsautoren pflegen in der Regel nur über ihre Insel zu schreiben und geraten dadurch leicht in Konflikt mit dem offiziellen Wunschbild von den insularen Verhältnissen. Leonardo Padura, zurzeit Kubas bedeutendster Schriftsteller, hat sich von solchen Zwängen nie beeindrucken lassen und in seinen Kriminalromanen zunehmend düstere literarische Innenansichten der Kubanischen Revolution entworfen. Doch vor einigen Jahren begann er, grundsätzliche Probleme aufzugreifen und sie aus der Geschichte heraus, aus der historischen Distanz zu erklären. In "Der Mann, der Hunde liebte", seinem großen Trotzki-Roman, wagte er sich an jenen Revolutionär der Russischen Revolution, der bis dahin in Kuba völlig tabuisiert worden war.

Tatsächlich wollte Leonardo Padura sich mit dem Stalinismus auseinandersetzen, der auch auf der Insel tiefe Spuren hinterlassen hat. In seinem jüngsten Werk "Ketzer" schlägt er einen weiten Bogen vom 17. Jahrhundert, dem Goldenen Zeitalter Hollands, bis ins Kuba von heute, um die Frage nach der Freiheit des Individuums zu stellen. Wie es ist möglich, dass Leonardo Padura Probleme aufwerfen darf, für die andere Intellektuelle in der Vergangenheit kaltgestellt wurden oder als Oppositionelle im Gefängnis landeten? Diese Frage durchzieht das Gespräch, das wir im April bei einem Zwischenaufenthalt von ihm in Berlin geführt haben.

Herr Padura, sind diese beiden Romane historische Überschreibungen von Themen, die eigentlich gesellschaftliche Fragen des Kubas von heute behandeln?

Leonardo Padura: Diese Lesart ist richtig, und ich hoffe, dass andere Leser sie teilen. Wenn ich mich mit der Vergangenheit beschäftige, dann suche ich immer nach Spiegelbildern, die die Gegenwart reflektieren, denn ich will aus der Distanz die ewig gleichen menschlichen und gesellschaftlichen Probleme darstellen. In "Ketzer" wollte ich ursprünglich über einen jungen Kubaner schreiben, der in Konflikt mit der Gesellschaft gerät, als er darauf besteht, seine individuelle Freiheit auszuüben. Doch wenn ich dieses Thema Kuba-Jugendlicher-Freiheit so dargestellt hätte, dann wäre dieser Roman rein politisch verstanden worden. Ich wollte das Problem aber nicht derart einengen, sondern wollte ihm eine philosophische Dimension geben. Ich mag nicht über Politik schreiben. In "Der Mann, der Hunde liebte" war das zwar nicht zu vermeiden: Wer über Trotzki schreibt, bei dem steht die Politik vor der Tür.

"Eine Abrechnung mit meiner eigenen Geschichte"

Schumann:  Ist dieser Roman über den Trotzkismus und Stalinismus Ihre Abrechnung mit dem Sozialismus?

Padura: So kann man das sehen. Aber ich wollte damit auch eine Abrechnung mit meiner eigenen Geschichte und der meiner Generation vornehmen. Wir wurden erzogen im Glauben an die Gewissheit, dass unsere Zukunft nur eine sozialistische sein könnte. Aber dann mussten wir entdecken, dass alles auf Lügen basierte. Dass Stalin ein ganz anderer war als jener, von dem man uns erzählt hatte. Und dass auch die glorreiche Sowjetunion ein völlig anderes Gebilde war. Dass selbst der Spanische Bürgerkrieg einer sehr viel weniger romantischen Lesart, einer Lesart des Schreckens bedurfte. Und dass es einen Sozialismus noch gar nicht gegeben hat. Es ist auch eine Abrechnung mit der Unwissenheit, in der wir gehalten wurden. Meine Generation wusste nichts von Trotzki, und viele Kubaner kennen ihn auch heute noch nicht, es sei denn, sie haben meinen Roman gelesen.

Schumann: Wie ist der Trotzki-Roman in Kuba überhaupt aufgenommen worden?

Padura: Die Leser haben sehr gut darauf reagiert. Viele Leute haben mir dafür gedankt, dass ich ihnen etwas über ihre Vergangenheit, ihr eigenes Leben erklärt habe. Die Kritiker haben mir den Preis der Literaturkritik verliehen, der eine Voraussetzung dafür war, dass ich 2012 den Nationalpreis für Literatur erhalten konnte, übrigens als einer der jüngsten Preisträger. Aber offizielle Kommentare oder eine offizielle Unterstützung gab es für den Roman kaum.

"Zentrales Thema ist also das selbst bestimmte Leben"

Schumann: In "Ketzer" geht es natürlich um Ketzerei, um Menschen, die ihrem Glauben abtrünnig werden, ihre Überzeugungen aufgeben, es geht um Renegaten und Dissidenten, die es heute in Kuba zuhauf gibt. Doch ich will kurz die Geschichte erzählen, denn sie ist sehr komplex und umfasst nicht nur ein Jahrhundert wie in dem Trotzki-Roman, sondern vier Jahrhunderte und vier verschiedene Kulturen. Der rote Faden, der alles zusammenbindet, besteht aus der Suche nach einem kleinen Ölbild, einem Christus-Porträt, das Rembrandt im 17. Jahrhundert gemalt hat. Es wurde damals zum Skandal, denn der Meister scheute sich nicht, für diese christliche Darstellung einen Juden als Modell zu verwenden. Und nicht nur dies: Der Jude war ein Schüler Rembrandts, doch Juden war es streng verboten, bildliche Darstellungen anzufertigen. Ein doppelter Tabubruch.

Rembrandt Harmensz. van Rijn, Selbstbildnis als junger Mann, 1629 (Bayerische Staatsgemälde- sammlungen, Alte Pinakothek, München)Rembrandt auf einem Selbstbildnis. (Bayerische Staatsgemälde- sammlungen, Alte Pinakothek, München)Das Bild kommt in den Besitz einer jüdischen Familie, die Nazi-Deutschland entfliehen kann, aber leider auf einem Schiff landet, dessen Passagiere 1939 in Havanna keine Einreise erhalten - eine historisch verbürgte Tragödie. Die Familie versucht, mit dem Bild die kubanischen Behörden zu bestechen, doch sie erhält dennoch kein Visum, sondern wird mit den insgesamt 937 Passagieren zurück nach Europa geschickt. Im Hafen von Havanna hatte bereits ein Sohn der Familie gewartet, der früher hatte entfliehen können. Er versucht, Kubaner zu werden, und gibt deshalb seinen Glauben auf, weil er nicht ewig unter der Last des jüdischen Traumas leben will. Die gelobte Insel stellt sich jedoch später als Falle heraus, und er macht sich auf nach Miami. Jahrzehnte danach, im Kuba des Jahres 2007, sucht ein Enkel der jüdischen Familie nach dem kleinen Bild Rembrandts. Zentrales Thema ist also das selbst bestimmte Leben, die Freiheit des Individuums.

Schumann: Und im zentralen Kapitel steht kein Geringerer als Rembrandt, der sich vom klein karierten Kunstverständnis seiner Auftraggeber befreien will.

Padura: An Rembrandt wollte ich den Geist der Rebellion verdeutlichen. Er war der genialste Maler im Holland des 17. Jahrhunderts und auch der aufsässigste. Das führte dazu, dass er schließlich in größter Armut leben und Bilder zerschneiden musste, um die Einzelteile zu einem günstigeren Preis zu verkaufen. Diese Unbotmäßigkeit macht aber auch die Größe seines Werkes aus. Ich wollte also an der Verbindung von Rembrandt-Kunst-rebellischer Geist die Größe eines Künstlers zum Ausdruck bringen.

Schumann: Und den Begriff der Freiheit thematisieren, die Freiheit des künstlerischen Ausdrucks, die Meinungsfreiheit, also etwas höchst Aktuelles, das auf Kuba ebenso zutrifft wie auf die Türkei, die arabischen Länder, auf Lateinamerika oder Europa.

Padura: Ich wollte damit tatsächlich etwas universell Gültiges über solche historischen, gesellschaftlichen und auch individuellen Phänomene schaffen. Und wenn Sie das so lesen, dann scheint mir das wohl gelungen zu sein.

Schumann:  Das Goldene Zeitalter, die Blütezeit Hollands, erscheint im Roman als ein Jahrhundert vieler Widersprüche, des Elends, der Repression und des Dogmatismus aufseiten der jüdischen Einwanderer wie der Holländer. Will uns der kubanische Autor Padura damit etwas über sein eigenes kubanisches "Paradies", die Utopie sagen?

Padura: Die Juden nannten Amsterdam "Makon", den "guten Ort", wo sie die Freiheit gefunden haben. Aber auch dort gab es Repression, sogar in der eigenen jüdischen Gemeinde. Auch Rembrandt erlitt viel Unterdrückung als Künstler wie als Mensch, denn selbst in Gesellschaften, die sich für außerordentlich freiheitlich halten, muss man oft für die Ausübung der Freiheit einen manchmal hohen Preis zahlen.

"Ich habe lange für meine Unabhängigkeit kämpfen müssen"

Schumann: Was ist der Preis für die Freiheit für Leonardo Padura?

Padura: Ich habe lange für meine Unabhängigkeit kämpfen müssen und habe eine wirtschaftliche, gesellschaftliche und literarische Unabhängigkeit erreicht. Der Preis dafür besteht darin, dass in Kuba die tonangebenden Künstler nur solche Kollegen fördern, die offiziellen Positionen nahestehen. Und von mir reden sie wenig. Aber ich werde dadurch entschädigt, dass man sich in Deutschland um Interviews wie dieses reißt. In Bulgarien, wo ich gerade war, ist mir Ähnliches passiert. Ich habe überall auf der Welt Leser, und das ist eine enorme Entschädigung.

Schumann: Sind Sie, ist Ihre kritische Haltung gegenüber der Regierungspolitik ein Beleg für eine gewisse Öffnung in Kuba?

Padura: Ich bin zweifellos ein Beispiel für die Öffnung in Kuba. Meine Bücher wären früher nicht publiziert worden. Ich hätte auch gar nicht daran gedacht, sie zu schreiben. Und das gilt auch bereits für meine ersten Kriminalromane mit dem Detektiv Mario Conde Anfang der 90er Jahre. Damals trat in Kuba eine Veränderung in der Kultur ein, aber nicht weil dies offiziell verordnet war, sondern weil wir Kulturschaffenden diese Öffnung durchgesetzt haben. Damals schrieb Senel Paz mit "Erdbeer und Schokolade" eine Homosexuellen-Geschichte, die Tomás Gutiérrez Alea und Juan Carlos Tabio verfilmten. Die Filme von Fernando Pérez lagen ebenfalls auf dieser Linie genauso wie die kritischen Romane von Pedro Juan Gutiérrez und anderer Autoren. Ihre Werke haben zu dieser neuen Toleranz in Kuba geführt.

Schumann: Was ist für Leonardo Padura der zentrale Teil des Ketzer-Romans?

Padura: Der zentrale Gedanke ist in den Gesprächen zwischen Rembrandt und seinem Schüler enthalten, diesem sephardischen Juden Elias Ambrosius, der Maler werden will. Darin beschäftige ich mich mit einem Thema, das im 17. Jahrhundert genauso zentral war wie es im 21. Jahrhundert ist: die persönliche Verantwortung, die ein Mensch in bestimmten gesellschaftlichen Verhältnissen übernehmen muss. Das kann man die Botschaft nennen, die der Roman zu vermitteln versucht.

"Ich bin ein Heterodoxer"

Schumann:  In diesem Gespräch sagt Rembrandt: "Die Freiheit ist das höchste Gut des Menschen. […] Um Freiheit zu erlangen, muss der Mensch leiden, auch dort, wo sie existiert oder wo behauptet wird, dass sie existiert, denn es wird immer Menschen geben, die unter Freiheit etwas anderes verstehen. […] Sie werden anderen ihre Sichtweise aufdrängen, und das ist das Ende der Freiheit. Denn niemand darf dir vorschreiben, was du unter Freiheit zu verstehen hast." Eine bemerkenswerte Forderung für einen Autor aus Kuba. Ist Leonardo Padura ein Ketzer?

Padura: Ich würde eher sagen: ich bin ein Heterodoxer, denn ich war nie ein Glaubender.

Schumann: Bleiben wir mal bei den Ketzern. Sie haben Rembrandt als einen Rebellen bezeichnet, aber für mich ist er mehr, nämlich ein Ketzer.

Padura: Ich glaube schon, dass auch Rembrandt damals ein Ketzer war. Der Roman ist voller Ketzer: Rembrandt, sein Schüler Elias, der damals als Jude nicht malen durfte; Daniel, der Jude, der zum Katholizismus übertritt, weil er Kubaner werden will; die junge Frau, die völlig anders leben will und sich dem Kollektiv verweigert; und Mario Conde, ein geborener Ketzer, der Detektiv wurde, weil sein wenig konformes Verhalten nicht zu einem Polizisten in Kuba passt.

"Früher glaubten wir an die Zukunft"

Schumann: Dieser Mario Conde, immerhin ehemaliger Vertreter der Staatsmacht, wird in Ihren Romanen zunehmend zu einem Entwurzelten, einem Alkoholiker, der an nichts und an niemanden mehr glaubt, der nur noch überleben will. Ist er ein Prototyp für bestimmte Verhaltensweisen der kubanischen Gesellschaft?

Padura: Mario Conde ist ein Vertreter meiner Generation und er entspricht vielen Personen, denen ich im Lauf der Jahre begegnet bin. Seine Enttäuschung hat meine Generation geprägt. Früher glaubten wir an die Zukunft, aber die Versprechungen wurden nicht erfüllt. Und jetzt sind wir in der Zukunft angekommen, und hinter uns liegt eine Vergangenheit voller Frustrationen. Sie verkörpert Mario Conde. Nicht alle sind dabei so sympathisch wie er geblieben, doch alle haben die gleichen existenziellen Probleme.

Schumann: Wie sind Sie denn überhaupt auf die Idee mit dem gestohlenen Bild, einer Art Raubkunst, gekommen?

Padura: Das ist reine literarische Fiktion. Zuerst kam ich auf die Idee, eine Verbindung herzustellen zwischen einem Bild von Rembrandt und der darauf dargestellten Person, von der ich mir ein eigenes Bild machte. Nun ist ja bekannt, dass im Verlauf des letzten Jahrhunderts viel Kunst verloren gegangen ist. Dann las ich darüber ein Buch des puertoricanischen Professors Hector Feliciano. Er beschreibt, wie im Zweiten Weltkrieg viele Kunstwerke durch die Nazis verschwunden sind und nur wenige wieder aufgefunden oder gar restituiert wurden. Aus dieser Information ergab sich für mich ein logischer Zusammenhang zu meiner ursprünglichen Idee. Daraus entstand die Geschichte von dem gestohlenen Bild.

Schumann: Diese gesamte Geschichte mit all ihren Details basiert also nicht auf Fakten, sondern ist tatsächlich pure Fiktion?

Padura: Fast alles ist Fiktion, obwohl es auf Wirklichkeit beruht. Aber das, was in dem Roman "Ketzer" über die kubanische Revolution zu lernen ist, das ist keine Fiktion. Noch einmal zurück zu Mario Conde und noch ein Zitat. Der Detektiv erinnert sich, dass in seiner Jugend gewisse Teufelsaustreiber mit unbegrenzter Macht durch die Straßen gezogen waren und Jagd auf junge Leute gemacht hatten in einem revolutionären Prozess, der den neuen Menschen erschaffen sollte, und Mario Conde fragt sich, wofür all das Leid und die Unterdrückung von andersartigen, nur weil sie eben anders waren, wofür die Beschneidung der Freiheit im gelobten Land der versprochenen Freiheit, wofür das alles gut gewesen sein sollte. Für das, was er jetzt hier sagt, jedenfalls nicht.

Schumann: Wie ist es möglich, dass ein unorthodoxer, ein  "heterodoxer" Autor, wie Sie sagen, 2012 den Nationalpreis für Literatur erhalten konnte? Ein Autor außerhalb des Schemas?

Padura: Das hing wohl damit zusammen, dass "Der Mann, der Hunde liebte" zu einem großen literarischen Erfolg wurde innerhalb und außerhalb von Kuba. Ohne diesen Trotzki-Roman hätte das sehr viel länger gedauert. Ich hatte zuvor als erster Kubaner den französischen Roger-Caillois-Preis für lateinamerikanische Literatur erhalten, mit dem Autoren wie Vargas Llosa und Carlos Fuentes ausgezeichnet worden waren. Das war eine gute Voraussetzung.

"Man versucht, die Regeln der offiziellen Kulturförderung allmählich zu verändern"

Schumann: Und eine große internationale Anerkennung für einen Schriftsteller, der in Kuba offiziell gar nicht so geschätzt wird.

Padura: Ja, das ist schon etwas widersprüchlich. Normalerweise werden die Nationalpreisträger danach ins Kulturprogramm des staatlichen Fernsehens zu langen, live ausgestrahlten Interviews eingeladen. Meines wollten sie jedoch zuvor aufzeichnen. Doch dann kam es noch nicht einmal dazu. Das war schon etwas seltsam. Aber dieses Jahr hat eine ebenfalls "heterodoxe" Poetin meiner Generation den Nationalpreis erhalten, Reina María Rodríguez. Das heißt: Man versucht, die Regeln der offiziellen Kulturförderung allmählich zu verändern.

Schumann: Mich hat schon beim Trotzki-Roman Ihre Obsession fürs Detail erstaunt, mit der Sie die Figuren ausstatten und die historischen Vorgänge nachzeichnen. Bei den "Ketzern" hatte ich manchmal sogar den Eindruck, Sie hätten Rembrandt beim Malen über die Schulter geguckt.

Leo Trotzki in Moskau, 1921 (AP Archiv)Leo Trotzki in Moskau, 1921 (AP Archiv)Padura: Es war ein sehr kompliziertes Studium, aber ich will erklären, wie ich mir diese Figur erarbeitet habe. Ich hatte mich sehr genau darüber informiert, wie er malte, welche Technik und welche Farben er verwendete und was er für Kunstvorstellungen besaß. Doch mir fehlte ein Detail, das mir seinen ziemlich schlechten Charakter verständlich machte. Da fielen mir auf einem Selbstbildnis seine schwarzen Zähne auf. Das heißt: Er hatte Karies. Dann las ich in einem Nebensatz, dass er Bonbons liebte. Damals war Amsterdam berühmt für seine schmackhaften Süßigkeiten, und durch sie hat Rembrandt sein Gebiss ruiniert. Ein Mann mit ständigen Zahnschmerzen ist ein Mann mit schlechter Laune, schlechtem Charakter. Auf diesem Umweg über einen uns allen vertrauten Schmerz habe ich den unmittelbaren Zugang zu dieser menschlichen Seite von Rembrandt gefunden.

Schumann: Ihre letzten Romane besitzen eine kosmopolitische Weltsicht, die mich an einen der bedeutendsten Schriftsteller Kubas erinnert, an Alejo Carpentier.

Padura: Es wäre schön, wenn man mich eines Tages mit der Größe von Carpentier vergleichen würde, denn ich bewundere ihn sehr und habe vor vielen Jahren einen langen Essay über ihn geschrieben. Er ist wirklich einer der ganz großen Schriftsteller der spanischen Sprache. Vor Kurzem hat jemand in der "Washington Post" geschrieben, ich befände mich auf dem Weg zum Altar von Vargas Llosa und García Márquez.

"Die kubanische Literatur hat sich allzu lange auf das Lokale beschränkt"

Schumann: Alejo Carpentier finde ich angemessen.

Padura: Ich bin schon zufrieden, wenn Leser wie Sie das so sehen. Doch ganz abwegig ist der Vergleich nicht, denn auch ich verfolge eine universelle Intention. Die kubanische Literatur hat sich allzu lange auf das Lokale beschränkt. Man hat nur noch von unseren Problemen berichtet, als ob unsere Insel der Nabel der Welt wäre. Und ich glaube, dass wir ein bisschen weiter denken müssen.

Schumann: Bieten Ihnen eigentlich Ihre Privilegien, Ihre internationale Berühmtheit einen gewissen Schutz gegen - sagen wir mal - Einflussnahmen der Regierung?

Padura: Keineswegs. Denken Sie nur daran, dass vor drei, vier Jahren von einem Tag auf den anderen Außenminister Felipe Pérez Roque und Vizepräsident Carlos Lage ihre Ämter verloren haben. Niemand ist in Kuba davor gefeit, abgestraft zu werden.

Schumann: Wie ist es dennoch möglich, dass Sie sich in Interviews Kritik an der Regierungspolitik erlauben dürfen, während andere Intellektuelle dafür verfolgt werden? Ich denke an "Estado de SATS", eine Gruppe von Oppositionellen, die regierungskritische Diskussionen durchführt und sie anschließend ins Internet stellt. Wie erklären Sie diesen Widerspruch?

Padura: Ich glaube, das hängt damit zusammen, dass ich keine Politik mache. Meine Bücher kann man zwar politisch lesen, aber ich betätige mich nicht politisch. Außerdem bin ich völlig unabhängig, und dafür habe ich lange gekämpft. Ich äußere mich als Einzelner, nicht im Namen einer Gruppe, einer Richtung oder eines Projektes, sondern als Individuum, das eine Verpflichtung für seine Gesellschaft besitzt. Darin besteht der Unterschied.

Schumann: Hat sich in den letzten Jahren der wirtschaftlichen Öffnung auch der kulturelle Spielraum vergrößert?

Padura: Die kulturelle und intellektuelle Öffnung begann früher und hat dadurch zugenommen. Vor einem halben Jahr gab es zum Beispiel einen Zwischenfall mit dem kubanischen Sänger Roberto Carcassés, der bei einer politischen Manifestation Meinungsfreiheit, freie Wahlen und anderes mehr forderte, was normalerweise bei solchen offiziellen Anlässen nicht üblich ist. Das Kulturministerium hat zwar versucht, ihn von Auftritten in staatlichen Kulturzentren auszusperren, aber offizielle Künstler wie Silvio Rodríguez haben sich dagegen gewehrt und gesagt, man solle doch solche Maßnahmen sein lassen.

"Fast alle Autoren in Kuba betrachten die Wirklichkeit mit kritischen Augen"

Schumann: Gibt es heute in Kuba noch andere Autoren mit einer ähnlich kritischen Position?

Padura: Ich glaube, alle Autoren in Kuba, von zwei oder drei Ausnahmen abgesehen, betrachten die Wirklichkeit mit kritischen Augen.

Schumann:  Wieso erfahren wir dann nichts von ihnen?

Padura: Sie sind wenig bekannt. Man kennt zwar Pedro Juan Gutiérrez, Wendy Guerra, Arturo Arango, Senel Paz, aber die anderen haben außerhalb Kubas nichts veröffentlicht. Das hängt bei den einen mit Marktgesetzen zusammen, und die Literatur anderer ist einfach nicht wettbewerbsfähig, um in den größeren verlegerischen Umlauf zu gelangen.

"Ich halte mich mit meiner Kritik nun wirklich nicht zurück"

Schumann: Wendy Guerra wurde bisher nur im Ausland verlegt.

Padura: Ich weiß nicht warum. Ich habe schon mit ihr gesprochen und verstehe trotzdem nicht, warum sie in Kuba nicht veröffentlicht wird, während man mich publiziert, und ich halte mich mit meiner Kritik nun wirklich nicht zurück. Auch das Werk von Pedro Juan Gutiérrez ist fast komplett in Kuba erschienen, und ist ebenfalls sehr kritisch.

Schumann: Vielleicht haben die Verlage für sie ja nicht genügend Papier.  Aber im Ernst, was sind heute die Hauptprobleme für kubanische Schriftsteller?

Padura: Das sind die Wirtschaftsprobleme. Von dem, was sie verdienen, können sie nicht leben. Die Romanciers arbeiten als Professoren an Universitäten oder als Funktionäre des Schriftsteller-Verbandes oder von Casa de las Américas oder als Journalisten. Ein Beispiel: für die kubanische Ausgabe von "Der Mann, der Hunde liebte" haben sie mir 250 US-Dollar bezahlt. Dafür habe ich fünf Jahre an dem Buch gearbeitet. Wenn das meine ganzen Honorareinkünfte wären, müsste ich von etwas ganz Anderem leben, Lesungen machen und da und dort ein bisschen Geld verdienen. Dann könnte ich mich aber nicht mehr ausschließlich der literarischen Arbeit widmen.

Schumann: An was für einem Roman arbeiten Sie zurzeit?

Padura: An gar keinem. Ich lese viele Bücher, die liegen geblieben sind, weil ich Romane geschrieben habe, für die ich sehr viel Fachliteratur studieren musste. Ich kenne zum Beispiel so gut wie keine nordeuropäischen Krimiautoren, keine Isländer, Dänen, Schweden, und die will ich jetzt endlich kennenlernen. Und ich beschäftige mich weiter mit der jüdischen Welt, ein nicht endendes Thema, das ich noch immer nicht richtig kenne und as mich deshalb sehr fasziniert.

"Offensichtlich eine völlige Deformation der Wirtschaft"

Schumann: Machen wir am Schluss einen Sprung in die aktuelle Politik. Was ist heute das Hauptproblem für die Kubaner?

Ein spanisch beflaggtes Schiff fährt im Hafen von Havanna ein. (picture alliance / dpa / epa efe Str)"Die wichtigste Reform der letzten Zeit besteht für mich in der Reiseerlaubnis für die Kubaner." (picture alliance / dpa / epa efe Str)Padura: Die Wirtschaft, die sozialistische Wirtschaft, die noch immer nicht funktioniert. Jetzt gibt es ein neues Gesetz für ausländische Investitionen, von dem ich hoffe, dass es dazu beiträgt, die Wirtschaftsstrukturen zu verändern. In einem Land, in dem ein Arzt 25 oder 30 Dollar im Monat verdient und der deshalb vor allem von den Zuwendungen seiner Patienten lebt und weniger von seinem Einkommen, in einem solchen Land existiert offensichtlich eine völlige Deformation der Wirtschaft.

Schumann: Hat sie bereits zu einer Spaltung der Gesellschaft geführt?

Padura: Sie ist gespalten in jenen Teil, der Geld hat, und den, der keines hat, und das sind fast alle, denn nur zwei oder drei Prozent der Bevölkerung haben Geld. Doch bei dem, was dieser kleine Teil besitzt, handelt es sich nur um Summen, die in Deutschland als normale Monatseinkünfte gelten, also um 1.500, 2.000 oder 3.000 Euro. Es geht nicht um Vermögen.

Schumann: Als wir vor drei Jahren ein Gespräch für Essay & Diskurs führten, erwarteten Sie große Wirtschaftsreformen. Inzwischen ist eine ganze Reihe in Kraft getreten. Entsprechen Sie Ihren Erwartungen?

Padura: Teilweise schon. Die kubanische Regierung arbeitet immer mit großer Geheimniskrämerei bei ihren wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Projekten. Und deshalb ist es oft sehr schwer einzuschätzen, ob sie das Ziel, das erreicht wurde, auch beabsichtigt hat. Die wichtigste Reform der letzten Zeit besteht für mich in der Reiseerlaubnis für die Kubaner. Obwohl es für viele immer noch schwer ist, Reisen zu finanzieren, halte ich sie für die wichtigste.

Schumann: Und wann kommen die überfälligen politischen Reformen?

Padura: Das weiß ich nicht, das kommt auf die Zukunft an. Kurzfristig passiert nichts. 2018 will Raúl Castro seine Ämter an der Spitze des Staates, der Regierung und der Partei abgeben. Danach wird man sehen, was in Kuba geschieht. Raúl hat in wenigen Jahren viele Politiken von Fidel demontiert. Es ist gut möglich, dass künftig ein neuer Regent viele der gegenwärtigen Politiken über den Haufen wirft. Aber das muss man abwarten.

Schumann: Was wird von der Kubanischen Revolution als etwas Unverzichtbares übrig bleiben?

Padura: Das Wichtigste ist etwas Gesellschaftliches. Zum einen die nationale Unabhängigkeit, die wir erreicht haben: Sie hat für die Kubaner existenzielle Bedeutung. Und zum anderen die individuelle Freiheit, die die Kubaner erreichen müssen. Ein freies Land ist ja ganz schön, doch noch schöner ist es, frei in diesem freien Land zu leben.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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