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StartseiteKultur heute"Ich habe noch niemals Heimweh gehabt"09.08.2016

Autor Mosebach zu Heimatgefühlen"Ich habe noch niemals Heimweh gehabt"

Zwar sei er in Frankfurt am Main geboren, diese Stadt bezeichne er aber nicht als seine Heimat, sagte der Schriftsteller Martin Mosebach im Deutschlandfunk. Sie sei eher seine Geburtsstadt. Den Begriff Heimat könne er geografisch gar nicht einordnen, so Mosebach.

Martin Mosebach im Gespräch mit Maja Ellmenreich

Der Schriftsteller Martin Mosebach am 13.03.2014 auf der Leipziger Buchmesse (dpa / picture alliance / Arno Burgi)
Der Schriftsteller Martin Mosebach bezeichnet sich als menschenfreundlichen Einzelgänger. (dpa / picture alliance / Arno Burgi)
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Maja Ellmenreich: Die einen suchen eine neue, die anderen fürchten um die alte: die Heimat. Ein Begriff, den viele in den gegenwärtigen Flüchtlingszeiten wie selbstverständlich verwenden; als wisse jeder, was damit gemeint sei. Heimat. Wir sprechen in diesen Sommerwochen in Kultur heute über das Wort, über die Idee. Wir sprechen mit Autoren, Filmemacherinnern, Historikern und Wissenschaftlern. Unser Gesprächspartner heute: der Schriftsteller Martin Mosebach. Er verlässt jedes Mal seine Heimat, sein zu Hause, um zu schreiben. In Frankfurt, wo Martin Mosebach 1951 geboren wurde und wo er seit 1980 lebt, dort habe er noch nie ein Buch geschrieben, so der Büchnerpreisträger des Jahres 2007. Dabei ist Frankfurt Schauplatz einer Reihe seiner Romane - aber auch weit von Frankfurt entfernte Orte. Sein jüngster Roman zum Beispiel. Er erscheint in wenigen Tagen und nimmt den Leser mit in die marokkanische Hafenstadt Essaouira. Das Buch heißt so, wie die Stadt früher, nämlich Mogador. Ich habe Martin Mosebach gefragt: Um zu schreiben, treibt es Sie da fort aus Frankfurt oder zieht vielmehr die Ferne Sie an?

Martin Mosebach: Diese Konzentration, ganz und gar in ein Buch einzusteigen, in eine Welt einzusteigen, von morgens bis abends sich darin zu bewegen, die bringe ich am allerbesten auf, wenn ich mich aus der vertrauten Umgebung entferne, das Deutsch, was ich schreibe, das einzige Deutsch ist, was ich höre, wenn ich mit meiner Sprache ganz allein bin.

Maja Ellmenreich: Sie müssen also mit Ihrer Heimatsprache, mit Ihrer Muttersprache, wie wir sie hier nennen bei uns, alleine sein.

Mosebach: Ja, ich möchte gerne das Gefühl haben, sie dann eben für mich noch einmal zu erinnern, zu erfinden oder so könnte man das sagen.

Ellmenreich: Wenn Sie unterwegs sind und schreiben – Indien, Marokko, Italien oder sonst wo –, und wenn Sie nach Ihrer Heimat gefragt werden dort, in einer anderen Sprache natürlich, was antworten Sie dann?

Mosebach: Es ist schwierig für mich, das Wort Heimat. Ich bin sehr stark ein historisch denkender Mensch. Ich komme von meinen Eltern her aus zwei kulturell sehr entgegengesetzten Gebieten. Der Vater kam aus dem calvinistischen Kassel, und die Mutter kam aus dem katholischen Köln und Trier, das waren ihre beiden Städte. Wer dafür das Gespür hat, das sind Welten. In Frankfurt bin ich geboren, in Frankfurt habe ich mein Leben zugebracht. Aber Frankfurt, das ist nicht meine Heimatstadt in diesem Sinn, denn Frankfurter wird man, historisch gesehen, erst, wenn man in der dritten Generation als Eingewanderter da nun geblieben ist und Frankfurterinnen geheiratet hat. Dann kann man sich eigentlich einen Frankfurter nennen.

"Es ist schwierig für mich, das Wort Heimat"

Ellmenreich: Und deswegen sprechen Sie auch eher von Frankfurt als Ihre Geburtsstadt?

Mosebach: Ja, ich fühle mich dieser ganzen Region, dieser Rhein-Main-Region, den Landschaften da drum herum, vor allem dem Rheingau und Rheinlandschaft, dem Spessart, Franken, Wetterau, sehr verbunden. Das sind schon Regionen, die an ein Heimatgefühl appellieren. Aber meine Mutter hatte einen sehr komischen Freund, der stark Kölsch sprach, und der sagte eines Tages, dass er in Brüssel geboren ist. Da sagte sie so ganz naiv: Ach, dann sind Sie ja Belgier! Daraufhin sagte er den wunderbaren Satz: Wenn eine Katz im Backofen Junge kriegt, sind dat doch keine Brötchen.

Ellmenreich: Das heißt, die geografische Suche nach einer Heimat, die ist mit Ihnen jetzt in unserem Gespräch vergeblich. Wir müssen gar nicht nach einem Ort suchen, sondern eher nach einem Hintergrund. Sie haben jetzt gerade das calvinistische Kassel angesprochen oder den katholischen Hintergrund Ihrer Mutter. Also wir müssen eigentlich in anderen Bereichen suchen, Lebensbereichen.

Mosebach: Ja. Ich könnte schon sagen, dass ich mich in Deutschland dort am stärksten hingehörend fühle, wo die Römer waren. Wenn ich irgendwo ein römisches Mäuerchen sehe, oder einen kleinen Mosaikrest, oder wie man das so an der Mosel finden kann, oder in Kreuznach oder auch in Frankfurt, dann habe ich ein sehr starkes Zugehörigkeitsgefühl.

Ellmenreich: Aha, Zugehörigkeitsgefühl.

Mosebach: Ja.

Ellmenreich: Vielleicht ist das der Schlüssel, den wir noch mal in Anspruch nehmen müssen. Ist Heimat immer ein Gefühl, ein Teil einer größeren Gemeinschaft zu sein?

Mosebach: Ja, der Mensch kann sich nicht ohne diesen Ort denken. Wenn es einen solchen Ort nicht gibt, dann gibt es auch keine Heimat.

Ellmenreich: Was genau meinen Sie damit, ein Mensch kann sich sonst nicht denken?

Mosebach: Nun, er ist Bestandteil der Persönlichkeit geworden. Er kann die Region, die Stadt, das Dorf, die Landschaft nicht einfach von sich abziehen.

Ellmenreich: Und das römische Mäuerchen, was für eine Rolle spielt das in Ihrer Persönlichkeit, beziehungsweise in dem Bild, was Sie von sich als Person haben?

Zugehörigkeitsgefühl zu den Römern

Mosebach: Ich vermute, dass ich vielleicht auch einem Wunsch von mir nur entspreche. Aber ein Zugehörigkeitsgefühl zur römischen Zivilisation, das habe ich. Und dann freue ich mich natürlich dann ganz besonders, wenn ich das auch in Deutschland finde und mich in diesem Sinn aus Deutschland nicht entfernen muss, um römisch zu sein.

Ellmenreich: Aber Sie entfernen sich eigentlich sehr gerne aus Deutschland, wenn ich das richtig sehe.

Mosebach: Ja.

Ellmenreich: Sie schreiben woanders, Sie schreiben über ferne Orte. Müssen Sie sich einen Ort zu eigen machen, ich will fast sagen, zur temporären Heimat machen, um über ihn souverän und kenntnisreich schreiben zu können?

Mosebach: Ja, das muss ich. Ich kann nicht einfach wie ein Reporter irgendwo hinfahren und dann ganz schnell da etwas über diesen Ort erzählen. Und deswegen ist es eben sehr schön, wenn man sich irgendwo aufhält und sehr intensiv an einem Buch arbeitet, was mit diesem Ort nichts zu tun hat. Dass man dann diesen Ort eben eigentümlich so aus dem toten Winkel heraus wahrnimmt und ihn so nebenbei erlebt und alltäglich, absichtslos, und das sind dann nachher die tiefsten Eindrücke.

Orte aus dem Toten Winkel heraus wahrnehmen

Ellmenreich: Also die geografische Entfernung klärt den Blick auch für die eigene Heimat.

Mosebach: Ja, das tut sie ganz bestimmt. Also die Bücher, die in Frankfurt spielen und die ich fernab von Frankfurt geschrieben habe – in der Türkei oder in Georgien oder in Capri –, das war verbunden natürlich mit einem, ich möchte sagen, die Stadt noch einmal von vorne träumen und sie auf die Art und Weise ganz distanzlos an sich herankommen zu lassen, aus der Ferne.

Ellmenreich: Aus der Ferne und träumen, das klingt alles nach einem Wunschbild. Also die Heimat als Sehnsuchtsort, und zwar eine Sehnsucht, die eigentlich nie im Leben gestillt werden kann, weil sie mit der Realität so viel nicht zu tun hat.

Mosebach: Ja, diese Frankfurtbilder, die ich da entwerfe, sind natürlich zu einem großen Teil auch erfundene Stadtbilder. Das ist ganz klar. In den Jahren, in denen ich in Italien mein Buch "Westend" geschrieben habe, da habe ich die Stadt rücksichtslos romanisiert und habe sie eigentlich zu was anderem gemacht, als sie das in Realität wäre. Frankfurt bietet sich als Romanhintergrund außerordentlich gut an, weil diese Stadt nicht mehr sehr viele Eigenschaften besitzt. Sie ist eigentlich ein leerer Bildschirm, auf dem man ganz vieles draufprojizieren kann.

Ellmenreich: Und genau deswegen bietet sich Frankfurt vielleicht nicht als Heimatstadt an?

Mosebach: Ja, ja, das könnte man schon sagen, weil sie sehr eigenschaftslos geworden ist. Ich meine, es gab ein Frankfurt, was mich natürlich sehr bewegt, aber das ist ein Frankfurt der Fantasie.

Ellmenreich: Herr Mosebach, da Sie so weit gereist sind, kennen Sie überhaupt, wo Sie doch ein bisschen ringen mit der Geburtsstadt-Schrägstrich-der Heimatstadt Frankfurt, kennen Sie überhaupt das Gefühl des Heimwehs oder prägt Sie vielmehr das Fernweh?

Mosebach: Nein, ich kenne nicht das Gefühl des Heimwehs. Ich habe noch niemals Heimweh gehabt, weil ich mich sehr gerne von meiner Umgebung überwältigen lasse und mich in sie einfühle, und dann gibt es auch in diesem Moment erst mal gar nichts anderes. Es wird auch nicht verglichen. Also immer dieses Vergleichen – könntest du hier leben, bei uns ist doch dieses so und dieses so, und das könnte ich niemals aushalten –, ich versuche mich von solchen Gedanken vollkommen freizumachen.

Ellmenreich: Herr Mosebach, es klingt als wären Sie so frei davon, diese Beziehungen herzustellen oder auch vielleicht diese Resonanz zu brauchen. Sind Sie, was das angeht, und da Sie so viel Ihre Mitmenschen und die Welt um sich herum beobachten, sind Sie auch zu dem Schluss gekommen, dass Sie da vielleicht doch eher ein Einzelgänger sind bei dieser großen Unabhängigkeit?

Mosebach: Ja, ich bin sicherlich ein Einzelgänger, aber ein menschenfreundlicher Einzelgänger. Ich bin gerne in der menschlichen Gesellschaft.

"Menschenfreundlicher Einzelgänger"

Ellmenreich: Also eher ein Heimweh vielleicht nach Menschen, ein Heimweh nach einer Sprache. In Ihrem Fall vielleicht auch Heimweh beziehungsweise das Gefühl der Heimat, im Glauben oder in der Religion zu Hause zu sein?

Mosebach: Auf jeden Fall, das ist eine Heimat, die speziell im Fall des Christentums, der katholischen Kirche, der orthodoxen Kirche, ja dann auch vollkommen ortsungebunden ist. Das kann man in China oder in Indien ebenso erleben, wie in einem Dörfchen auf dem Land.

Ellmenreich: Nun ist Deutschland zurzeit Zufluchtsort für viele Menschen. Ist es, Martin Mosebach, ist es vermessen, zu meinen, ihnen hier in Deutschland eine neue Heimat bieten zu können, den Menschen, die zu uns kommen?

Mosebach: Also ich glaube, das wird davon abhängen, wie weit diese Menschen, wenn sie hier Heimatgefühle entwickeln wollen, wie weit sie sich in Deutschland verheiraten, sie sich die deutsche Sprache zu eigen machen.

Ellmenreich: Sprechen wir in so einem Fall vielleicht eher von einem Zuhause, wo man sich wohlfühlt, wo man sich angekommen fühlt. Aber die Heimat mag vielleicht für viele doch woanders liegen, und zwar da, wo sie hergekommen sind.

Mosebach: Ja, also dieses emotionale Moment: Hier werde ich verstanden hier. Wenn ich den Mund aufmache und sage etwas, dann werden die anderen weitgehend verstehen, was ich da gemeint habe. Das stellt sich doch nur dort ein, wo man eben geboren ist.

Ellmenreich: Und da sind sie, die Emotionen. Das war der Autor Martin Mosebach in unserer Gesprächsreihe zum Thema Heimat.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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