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StartseiteTag für TagBabyklappen bleiben ethisch umstritten01.02.2012

Babyklappen bleiben ethisch umstritten

Bundesregierung arbeitet an einem Gesetz zur vertraulichen Geburt

Bei der Kritik an den Babyklappen geht es um das Recht des Kindes auf Kenntnis seiner Herkunft. Dieses Recht gilt es abzuwägen gegen den Schutz des Lebens. Bundesfamilienministerin Kristina Schröder (CDU) will nun ein Gesetz zur vertraulichen Geburt vorlegen. Der Ethikrat fordert ein Jahr Anonymität für die Mutter.

Von Florian Haas

Eine Krankenschwester vom St. Josefs-Krankenhaus in Potsdam vor einer Babyklappe. (picture alliance / dpa - Nestor Bachmann)
Eine Krankenschwester vom St. Josefs-Krankenhaus in Potsdam vor einer Babyklappe. (picture alliance / dpa - Nestor Bachmann)

Der Münchner Vorort Pullach: Eine wohlhabende Gemeinde, hier sitzt der Bundesnachrichtendienst. Aber auch an anderer Stelle ist man um größtmögliche Anonymität bemüht.

Das katholische Kloster Sankt Gabriel liegt gut versteckt hinter großen Mauern und dichten Hecken. Ein sieben Hektar großes Gelände, gut 40 Ordensschwestern des Guten Hirten leben hier. Und hier gibt es, seit zwölf Jahren, eine Babyklappe. Eine von zwei Klappen in München und Region. Eine von etwa 100 Klappen in Deutschland. Oft sind sie in kirchlicher Trägerschaft.

Aus der Ferne ist die Klappe kaum zu erkennen. Erst wer näher kommt, sieht das Fach, den Griff, den Schriftzug: "Babyklappe". Darinnen: eine beheizte Ablage, ein Kuscheltier, ein Prospekt. Das Kissen ist an diesem Tag zerwühlt. Für Schwester Daniela Riepold ein klarer Fall:

"Aha, da war jemand drinnen. Das kommt eben vor, dass Leute aufmachen, und gucken, wie es drinnen ausschaut."

Die 69-Jährige vermutet, dass sich eine Schwangere die Klappe angesehen hat. Ein Baby wurde nicht abgegeben. Wenn sie abgegeben werden, sind sie in guten Händen. Schwester Daniela gibt ihnen einen Namen, füttert, wickelt, betreut sie, bis das Jugendamt das Baby holt. Schwester Daniele ist von den Babyklappen überzeugt:

"Es gibt keine Alternative. Entweder das Jugendamt, der offizielle Weg. Sie geht hin und sagt, ich gebe mein Kind zur Adaption frei. Oder dann eben den Schritt, dass sie sagt, ich will, dass mein Kind lebt, dass mein Kind die zweite Chance kriegt, dass mein Kind es besser hat, als es es bei mir hätte, und ich gebe es dann in die Babyklappe."

Für noch besser hält die Ordensfrau den Weg der Adoption. Dabei erfahren die Kinder - anders als bei der Klappe - den Namen der Mutter. Allerdings glaubt Schwester Daniela auch: Erklären die Bezugspersonen den Kindern früh und liebevoll, warum die leibliche Mutter unbekannt ist, bekämen sie nicht mehr Identitätsprobleme als andere Kinder. Vor allem aber könne die Klappe verhindern, dass Babys ausgesetzt oder getötet werden - und sei deshalb unverzichtbar:

"Oberste Priorität hat einfach das Leben. Was nützt denn, wenn ich die Herkunft weiß, und ich werde in der Familie nicht geliebt, sondern ich werde geschlagen, misshandelt, eventuell sogar zu Tode? Was nützt es dann, wenn ich die Wurzeln weiß?"

Beim Kinderschutzbund sieht man das ähnlich. Heidrun Kaspar leitet den Münchner Ortsverband. Sie ist hin- und hergerissen. Einerseits hält sie Klappen für den womöglich letzten rettenden Ausweg. Aber natürlich weiß sie auch, dass Studien der letzten Jahre zeigen: Angebote zur anonymen Kindsabgabe und zur anonymen Geburt haben keinen Einfluss auf die Zahl der getöteten und ausgesetzten Kinder in den vergangenen Jahren.

"Ich kann mir vorstellen, dass die Verzweiflung der Mutter so groß ist, dass sie, wenn sie die Möglichkeit der Klappe nicht hätte, das Kind in den Wald legt oder auf Krankenhaustreppen deponiert oder wo auch immer. Weil sie da sicher weiß: Das Kind ist gut aufgehoben. Die ist ja im Dilemma, so eine Frau!"

Die zentralen ethischen Fragen, die im Hintergrund stehen, sind schwierig: Steht der Schutz des Lebens über allem? Also auch über dem Recht auf Wissen über die eigene Herkunft, das im Grundgesetz und in der UN-Kinderrechtskonvention verankert ist? Kaspar sagt: Das Leben gehe über alles, aber:

"Ich glaube, es ist wichtig, dass man seine Wurzeln kennt. Kein Baum kann ohne Wurzeln wachsen."

Das sieht auch der Deutsche Ethikrat so. Schon Ende 2009 äußerte die Mehrzahl der Mitglieder massive Zweifel am Sinn von Babyklappen. Vor allem, so die Begründung, werde das Recht des Kindes auf Kenntnis seiner Herkunft verletzt. Außerdem böten die Klappen Eltern einen Anreiz, sich ihrer Verantwortung zu entziehen. Klappen würden oft missbraucht, bekräftigt auch heute der Vorsitzende des Ethikrates, Edzard Schmidt-Jortzig die Einschätzung von damals. So seien etwa schon mehrere Monate alte Babys wie auch geistig behinderte Kinder in Klappen abgegeben worden.

"Und deswegen ist das alles bei dieser Anonymität eben nicht auszuschließen, und das wird eben durch die von ihren Hilfsgefühlen dominanten Babyklappenbetreiber ignoriert und verdrängt und nicht richtig zur Kenntnis genommen."

Das Argument vieler Klappenbefürworter, die Herkunftsfrage sei einfach nicht so wichtig wie das Ziel, Leben zu retten, hält Schmidt-Jortzig für unzureichend. Der frühere Bundesjustizminister entgegnet: Eine eigene Identität ist einer der wichtigsten Faktoren zur Persönlichkeitsentwicklung.

Bestätigt sieht sich Schmidt-Jortzig durch die jüngste Studie des Deutschen Jugend-Instituts. Darin werden weitere Problemfelder benannt: Frauen, die von dem Angebot besonders profitieren sollen, werden häufig nicht erreicht - junge Mädchen, Drogensüchtige, Prostituierte. Auch ist die Qualität der Träger sei oft sehr unterschiedlich, gerade was die Transparenz und Dokumentation angeht.

Hinzu kommt die rechtliche Grauzone, in der sich Ärzte, Krankenhäuser, Klappenträger und all jene befinden, die bei der anonymen Geburt oder Abgabe mitwirken. Sie verhindern mit, dass das Kind seine Herkunft erfährt - und ermöglichen es den Eltern, sich ihrer Verantwortung zu entziehen.

Schmidt-Jortzig hält selbst Kindesmissbrauch und Kinderhandel über die Babyklappen für möglich:

"Diese ganze Gefahrenpalette, die sich um diese absolute Anonymität der Babyklappen rankt, ist eben doch nicht zu unterschätzen, und deswegen wollen wir, wenn das Alternativangebot aufgebaut wurde, die Klappen einstellen, denn die haben zu viele Kollateralgefahren."

Wie eben jenes Alternativangebot aussehen könnte - darüber sind sich Deutsches Jugendinstitut, Politik und Ethikrat einig. Mehr Beratung und Begleitung der Frauen. Der Ethikrat empfiehlt einen echten Kurswechsel - die sogenannte "vertrauliche Kindsabgabe mit vorübergehend anonymer Meldung". Schmidt-Jorzig:

"Da soll als erstes sichergestellt werden, dass jede Schwangere zur Entbindung Aufnahme in einem Krankenhaus findet - und da muss sie auch nicht sagen, wer sie ist, und woher das Kind stammt und ich weiß nicht was. Und dann muss - das wird noch gesetzlich zu regeln sein - das Krankenhaus das ein Jahr absolut anonym halten."

Ehe - und das ist das Neue - die Daten für das Kind freigegeben werden. Denn dann, so der Ethikrat, sei die unmittelbare Notlage für die Mutter überwunden. Bundesfamilienministerin Schröder hat inzwischen angekündigt, in diesem Jahr ein Gesetz zur vertraulichen Geburt einbringen zu wollen.

Noch schneller ist Bayern. In München hat Justizministerin Merk schon einen Entwurf ausgearbeitet.

"Die Regelung, die ist eher daraus entstanden, dass ich auch mit Ärzten und mit karitativen Einrichtungen und mit Vertretern der Kirchen gesprochen habe, die mich gebeten haben, auch eine Regelung zu schaffen, die eine Erleichterung schafft, eine Klarheit und eine Transparenz."

Als ultima ratio will die CSU die Klappen beibehalten. Und auch anonyme Geburten soll es weiter geben, zusätzlich zu einer neuen Option: der sogenannten geheimen Geburt.

"Die Mutter geht dabei ins Krankenhaus, gibt dort ihren Namen ab, ihre Daten. Das Krankenhaus gibt die Daten ab an das Standesamt. Dort werden die Daten verwahrt, bis das Kind das 16. Lebensjahr erreicht hat und das Kind kann dann den Antrag stellen, über die Mutter informiert zu werden."

Ein Jahr Anonymität für die Mutter fordert der Ethikrat, 16 Jahre Bayerns Justizministerin. Familienministerin Schröder hingegen traut es Kindern mit zehn Jahren durchaus zu, den Namen ihrer leiblichen Mutter zu erfahren. Die Details, sagt Merk, müssten diskutiert werden. Wichtig sei, dass endlich eine Regelung komme. Eine, die Ärzten, Kliniken und Klappenbetreibern Rechtssicherheit gibt. Bis dahin wird die Debatte weitergehen. Und wohl auch danach, glaubt Heidrun Kaspar vom Kinderschutzbund:

"Ich würde schon gerne Klarheit haben, aber ich kann mir kaum vorstellen, dass man das richtig in den Griff bekommt, da hängt einfach zu viel emotionale Gebundenheit drinnen, und zu viel menschliches Vermögen und Auskommen. Und das glaube ich nicht, dass man das so einfach auf die Reihe kriegt. Das ist einfach eine sehr schwierige Diskussion."

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